Eine Teilnehmerin der Konferenz "re:publica" in Berlin nimmt ein "Digital-Foto-Bad" in einem Pool mit grünen Plastikbällen. - © Sean Gallup/Getty
Eine Teilnehmerin der Konferenz "re:publica" in Berlin nimmt ein "Digital-Foto-Bad" in einem Pool mit grünen Plastikbällen. - © Sean Gallup/Getty

Man kann, so Gunthert, die Inhaltslosigkeit und Dümmlichkeit dieses Videos geißeln, man kann aber auch - und das, so meint er, sei weit sinnvoller - die Frage stellen, wie sich unsere kulturelle Welt unter dem Einfluss des digitalen Zeitalters veränderte, wie sich Populär- und Hochkultur auf ganz neue, bisher unbekannte Weise ineinander verschränkten. Nur dann könne man verstehen, wie sich unsere Welt in den letzten Jahren verändert habe. Nur dann wird deutlicher, wie eine neue synthetische Kultur entstanden ist, die Altbewährtes und Neues verbindet, die die analoge Kultur mit digitalen Vorzeichen versieht oder althergebrachte Praktiken mit digitalen Inhalten auflädt, mixt, covert und immer neu zusammensetzt.

"Karaokekultur" hat die Schriftstellerin und Essayistin Dubravka Ugresic diese Praxis in ihrem gleichnamigen Essayband (2012 auf Deutsch erschienen) genannt.

Optimistischer Ansatz

In seinem überaus anregenden und fundierten Buch "Das geteilte Bild. Essays zur digitalen Fotografie" zeigt André Gunthert am Beispiel der digitalen Fotografie und ihres Gebrauchs, wie diese "Karaokekultur", wie auch die Kultur des "sharing", in den letzten eineinhalb Jahrzehnten die gesamte Kulturindustrie von Grund auf verändert haben. Gunthert ist kein Elfenbeinturm-Intellektueller, der seinen Blick nur gelegentlich aus der Welt der Bücher erhebt, um sich vom Hochsitz der akademischen Institution herab kurz in der Welt des Digitalen umzusehen. Er ist vielmehr in dieser digitalen Welt zu Hause, und zwar von Beginn an.

Schon sehr früh hat er als Wissenschafter begonnen, die neuen Instrumentarien des World Wide Web zu nutzen, er fotografierte schon bald digital, schrieb in Weblogs (kurz: Blogs) und publizierte einen Gutteil seiner akademischen Arbeiten auch online.

Im Unterschied zu vielen anderen Diagnostikern, die die "Bilderflut" im Netz beklagen und eher kulturpessimistische Töne anschlagen, ist Guntherts Ansatz durchaus optimistisch. Er benennt neben einigen problematischen Entwicklungen auch die Chancen und die breitenwirksamen Neuerungen der digitalen Kultur: etwa die Einebnung der tiefen Kluft zwischen Hoch- und Populärkultur; die Öffnung großer, bisher unter Verschluss gehaltener Bildwelten für die breite Masse; und die Möglichkeiten, ohne Konzernmacht im Rücken weltweit zu kommunizieren.

Die Essays, die zwischen 2004 und 2015, zum Teil in der von ihm 1996 mitgegründeten und mitherausgegebenen Zeitschrift "Études photographiques" (die 2017 eingestellt wurde) erschienen sind, lesen sich über weite Strecken auch als Plädoyer für die Rehabilitation der Amateurkultur, die, so Gunthert, am meisten von der digitalen Wende profitiert habe. In der digitalen Welt wurden nämlich die Karten der Macht neu gemischt, es sei, zumindest in der Anfangszeit des Web 2.0, eine neue "Republik der Bilder" entstanden, in der "eine radikale Egalität" herrsche. Jede und jeder hatte nun Zugang zu Bildern, die lange Zeit für die Masse der Bevölkerung unerreichbar waren, jede und jeder konnte nun ohne großen Aufwand beliebig Bilder herstellen, online stellen, weitergeben, empfangen und verändern.