Als die Fotografie um die Mitte des 19. Jahrhunderts auftauchte, wurde sie nicht nur lebhaft begrüßt, sondern auch stark angefeindet. Denn ihr Auftauchen markierte einen tiefen kulturellen, gesellschaftspolitischen und auch ökonomischen Bruch. Es gab Gewinner und Verlierer. Grafiker, Zeichner, Graveure und Minitaturmaler etwa sahen sich um ihr Geschäft geprellt. Gut eineinhalb Jahrhunderte später, als die digitale Fotografie massentauglich wurde, sollte sich dieser Kulturkampf noch einmal wiederholen.

"Girl with Red Balloon" von Banksy, fotografiert von einer Besucherin während der Ausstellung "The Art of Banksy" in Mailand. - © AFP
"Girl with Red Balloon" von Banksy, fotografiert von einer Besucherin während der Ausstellung "The Art of Banksy" in Mailand. - © AFP

Wieder waren es die Vertreter traditioneller Geschäftsmodelle, etwa Herausgeber von Printmedien, bisher analog arbeitende Fotografen, aber auch traditionell arbeitende Fotoagenturen, die in der Masse der privaten Angebote im Web nur unliebsame und billigere Konkurrenz sahen, die die neuen Tools zwar nach und nach nutzten, aber zugleich nicht müde wurden, vehement gegen die rasanten Schritte der Digitalisierung Einspruch zu erheben. Der Trend zum Digitalen ließ sich jedoch aller Einsprüche zum Trotz nicht mehr aufhalten.

2009, als die Social-Media-Kultur noch relativ jung war, wurden weltweit bereits 45 Millionen digitale Fotoapparate verkauft (darunter 18,7 Millionen Fotohandys) und nur mehr 12,3 Millionen analoge Kameras. "Die Pixel haben gewonnen", fasste Gunthert damals diese rasante Umwälzung zusammen. Seither hat sich der Boom der digitalen Fotografie noch vervielfacht. Die Qualität der Fotoapparate im Handy kann sich heute ohne Weiteres mit der Technik der sehr viel teureren Kompaktkameras messen. Es gibt für Fotonormalverbraucher also kaum noch Gründe, zusätzlich zum Mobiltelefon eine schwerere und größere Kamera mit sich herumzutragen.

Wann begann die digitale Wende? Setzte sie erst mit dem Siegeszug der neuen, in das Mobiltelefon integrierten Kamera ein? Dann wäre die Einführung des Ende 2007 von Apple auf den Markt gebrachten iPhone 2G so etwas wie der Startschuss gewesen. Oder begann diese Ära schon ein Jahrzehnt zuvor, als die analoge durch die digitale Fototechnik ersetzt wurde? Gunthert zufolge lässt sich kein einfaches Datum angeben, denn der Weg ins digitale Zeitalter war eine sich über einen längeren Zeitraum hinziehende Entwicklung. Manche technischen Errungenschaften existierten schon jahre-, oft jahrzehntelang, bevor sie massentauglich und weltweit umgesetzt wurden.

Als am 15. Juli 1965 via Radiosignal die ersten Bilddaten vom Mars auf der Erde eintrafen, markierte das den eigentlichen Beginn der digitalen Ära, also noch Jahrzehnte vor dem Erfolgszug der Digitalfotografie. Die NASA, die damals den Satelliten Mariner 4 zum Mars geschickt hatte, hatte also schon sehr früh auf die Zerlegung der Fotografie in Daten gesetzt, um sie über die extrem großen Distanzen transportieren zu können. Über einen binären Code wurden die Grauwerte der Aufnahme in Zahlenreihen, eine Datei von 40.000 Pixel, übersetzt, die, auf der Erde angekommen, wieder zusammengebaut und teilweise sogar nachträglich koloriert wurden.

Im Grunde wäre die digitale Fototechnik also schon Jahrzehnte lang verfügbar gewesen. Aber erst als die Rahmenbedingungen des globalen Medienkapitalismus es lukrativ machten, wurden sie auf breiter Basis umgesetzt. Als einer der ersten und findigsten dieser Medienkapitalisten agierte Ende der 1980er Jahre Bill Gates, der Mitbegründer von Microsoft. Er verstand schon sehr früh, dass mit der digitalen Ökonomie viel Geld zu machen war. Und er ahnte, dass der globale Bildermarkt eine der tragenden Säulen dieses Wirtschaftszweigs darstellen werde. Um Bilder systematisch vermarkten zu können, gründete er 1989 das Unternehmen "Interactive Home Service". Geplant war zunächst, in großem Stil Bilder aus bestehenden umfangreichen Fotosammlungen zu digitalisieren und zu lizensieren, um sie - auf Bildschirm projiziert - weltweit vermarkten zu können. Die Endabnehmer wären also vor allem Privatpersonen gewesen.