"Im Grunde wäre die digitale Fototechnik schon Jahrzehnte lang verfügbar gewesen. Aber erst als die Rahmenbedingungen des globalen Medienkapitalismus es lukrativ machten, wurden sie auf breiter Basis umgesetzt . . ." - © Bharat Patil
"Im Grunde wäre die digitale Fototechnik schon Jahrzehnte lang verfügbar gewesen. Aber erst als die Rahmenbedingungen des globalen Medienkapitalismus es lukrativ machten, wurden sie auf breiter Basis umgesetzt . . ." - © Bharat Patil

Bald stellte sich heraus, dass als Kunden für die digitalen Bilddatenbanken viel eher Medienbetriebe in Frage kamen: Zeitungen, Verlage, Fernsehanstalten, später Internetportale. 1995 wurde das Unternehmen in "Corbis" umbenannt und dieses stieg innerhalb kürzester Zeit zu einer der größten Bildagenturen auf, die zahlreiche historische Bildbestände in digitalisierter Form weltweit zugänglich machte. 2016 wurde Corbis an einen chinesischen Medienmulti, die Visual China Group verkauft, die sich seither zusammen mit dem Konkurrenten Getty Images einen Gutteil des weltweiten Bildermarktes aufteilt.

Bill Gates hatte zwar einen guten Riecher für die zentrale, unternehmensgestützte Vermarktung großer digitaler Bilddatenbanken, aber die wirkliche Erfolgswelle des Web 2.0 hat er nicht vorausgesehen. Als ab 2004 die interaktiven Portale der Social Media wie Facebook, Flickr, YouTube, Myspace etc. entstanden, die den Gebrauch und die Vermarktung der digitalen Fotografie noch einmal grundlegend veränderten, stand Microsoft weitgehend abseits. Das von Gates anfangs favorisierte digitale Übertragungsmodell, das vom Sender zum Empfänger führte, geriet ins Hintertreffen. War in den 1990er Jahren noch von "Datenautobahnen" die Rede, so begann sich nun ein vielfältig vernetzter Raum zu eröffnen, der Millionen von Sendern mit Millionen von Empfängern unmittelbar miteinander in Verbindung brachte.

Das Rohmaterial, das digital generierte Bild, existierte zu diesem Zeitpunkt schon lange. Was sich nun änderte, war seine Nutzung, seine Ökonomie. Die Onlinedatenbanken der Social-Media-Portale öffneten sich nun für die breite Masse der Konsumenten, die Vorteile der digitalen Verwertung von Bildern wurde für alle, die einen Breitbandanschluss hatten, zugänglich: kostenlose Uploads, großzügige Speicherplätze im Netz, umfassende Indizierung, blitzschnelle Übermittlung und rhizomartige Verbreitung.

Aber damit nicht genug: die neue Währung der neuen, vernetzten Ökonomie der Bilder war nicht das Bild selbst, auch nicht die Anzahl der Zugriffe. Das Herzstück dieser Online-Währung waren und sind die Aufmerksamkeitswerte, die möglichst exakt gemessen werden. Und die sich, so erkannte Facebook sehr früh, durch vielfältige Anreize auch aktiv generieren und vervielfältigen lassen. Aktive, nicht passive Facebook-User wollte man haben, solche, die selber Bilder hochladen, die möglichst oft den "Like"-Button drücken, die eifrig kommentieren, Inhalte teilen etc.

Kommunikation, Spiel, Unterhaltung und Geschäft gingen nun Hand in Hand. Die Internetnutzer, die selbst aktiv im Netz agierten, waren zwar Konsumenten, aber auch Produzenten, sie wurden daher Prosumer genannt. Und dieser neue Typus des Internetnutzers, der das Rückgrat der digitalen Ökonomie darstellt, vermehrte sich ab 2004 in exponentiellem Ausmaß. Je mehr "Prosumer" im Netz unterwegs waren, je mehr Bilder in die Netzwerke eingespeist und interaktiv kommentiert wurden, desto mehr bezahlte Werbung ließ sich in die jeweiligen Kanäle einspeisen. Auf diese Weise wurde Facebook groß und reich.