Knipsen, liken, teilen. - © Rafael Leao
Knipsen, liken, teilen. - © Rafael Leao

Zentrales Kennzeichen und das eigentlich Revolutionäre am digitalen Bild ist, so konstatiert André Gunthert, seine Fluidität. Man könnte auch sagen: das wirklich Neue an der digitalen Fotografie ist, dass sich das Trägermaterial, an welches das Medium seit seiner Erfindung im Jahr 1839 gebunden war, sei es Metall, Papier Glas oder andere Materialien, aufgelöst hat - und zwar in Daten.

Bilder als Währung

Für die Speicherung, Übertragung und Weiterverarbeitung von Bildern braucht es kein Trägermaterial mehr. Erst wenn diese gedruckt werden, kommt das altehrwürdige Papier, etwa in Form der Zeitung, wieder ins Spiel. Die Fotografie musste erst ihre materielle Anmutung verlieren, um zur rasant zirkulierenden Online-Währung zu werden: blitzschnell abrufbar, versendbar, kombinierbar mit anderen Mediendaten.

Als immaterielles Datensystem hat sie zurzeit und wohl auch noch in nächster Zukunft ihren großen Auftritt. Aber wem einmal der Computer mitsamt allen darauf gespeicherten (und nicht gesicherten) Bildern abgestürzt ist, weiß um die Fragilität dieser Datenbanken. Und diese können sehr rasch altern. Ohne jeweils aktuelle elektronische Lesesysteme ist die digitale Fotografie wertlos. Wer garantiert uns, dass in zehn, 20 oder 30 Jahren die gegenwärtigen Lesesysteme noch verfügbar sind? Wer weiß, ob der enorme Datenwust, der sich tagtäglich ansammelt, sich nicht schneller als Abfall erweist als die papierenen Fotoabzüge, die in der Schuhschachtel, im Album oder am Flohmarkt noch nach Jahrzehnten problemlos zugänglich sind?

Nicht auszuschließen, dass in naher Zukunft die Digitalfotografie, die große Errungenschaft der jüngeren Gegenwart, in einer Sackgasse landet, etwa dann, wenn die rasant sich entwickelnden Computersysteme die veralteten Daten nicht mehr "verstehen". Veraltete Fotodaten glichen dann einer alten Schellackplatte, für die es keinen geeigneten Phonographen mehr gibt.

Die technischen Entwicklungen haben sich im 20. Jahrhundert enorm beschleunigt. Und stets waren es am Beginn utopische Zukunftsträume, die den großen realen Beschleunigungen vorausgingen. Bereits im Jahr 1928 hatte der französische Schriftsteller Paul Valéry prophezeit: "Wie Wasser, Gas und elektrischer Strom von weither auf einen fast unmerklichen Handgriff hin in unsere Wohnungen kommen, um uns zu bedienen, so werden wir mit Bildern oder mit Tonfolgen versehen werden, die sich (. . .) einstellen und wieder verlassen werden." Er sollte Recht behalten.

Aber ganz so rasch hielten Bilder und Töne in immaterieller Form doch nicht Einzug in unsere Wohnzimmer. Was die NASA in der Nachkriegszeit mit großem Aufwand für die elitären Anwendungen der Raumfahrt entwickelt hat, wurde erst nach der Jahrtausendwende zum massentauglichen Gadget, das - in Form des Smartphones - jeder täglich bei sich trägt. Aber immerhin: Die Uhrmacherei hat im Vergleich dazu die enorme Zeitspanne vom 14. bis zum 19. Jahrhundert für die Miniaturisierung der Zeitmessung in kleinen smarten Geräten gebraucht. Erst nach langer Vorlaufzeit wurden die großen Kirchturmuhren, die halbgroßen Standuhren und all die anderen klobigen Zeitapparate durch elegante Taschen- und Armbanduhren ergänzt bzw. ersetzt.

Die zukünftigen Umbrüche werden, darauf darf gewettet werden, rascher kommen, als wir es vermuten. Wer weiß: vielleicht ist die digitale Ära schon in ein paar Jahren wieder Geschichte und wird durch neue Technologien abgelöst. Dann wäre, im historischen Rückblick, das Aufblitzen des Web 2.0, eine relativ kurze Episode gewesen, vergleichbar jenen Bildern, die in der seit 2011 existierenden mobilen App "Snapchat" generiert werden, die bei Jugendlichen so beliebt ist. Ein Bild wird übertragen und - kaum hat es sein Ziel erreicht und wurde geöffnet - gelöscht. Bilder, die auftauchen wie ein Augenzwinkern oder eine Sternschnuppe.