Am 22. Mai 2007 wurde in England ein kurzer Videoclip auf YouTube gestellt. Zwei Brüder, der dreijährige Harry und der einjährige Charlie, sitzen auf einem Sofa und haben es lustig. Der Dreijährige steckt dem jüngeren Bruder seinen Finger in den Mund, dieser beißt zu, der Dreijährige zieht ihn erschrocken heraus und beklagt sich: "Charlie bit my finger".

Dazwischen Lachen, Blicke zum Vater, der das Ganze filmt. Als Howard Davies-Carr, der Vater der beiden Kinder, das knapp einminütige pixelige Video auf YouTube hochlädt, um es auch dem Großvater der beiden Buben, der in den USA lebt, zugänglich zu machen, konnte er noch nicht ahnen, wie sehr diese kurze Filmepisode das Leben der gesamten Familie verändern sollte. Die Bildgeschichte begann sich im Netz rasant zu verbreiten, wurde geradezu zum viralen Hit, der die bisherigen Videorekorde auf YouTube in den Schatten stellte. Bis heute wurde das Video von knapp 900 Millionen Menschen gesehen.

Die Familie Davies-Carr, die bisher ein ganz normales Leben geführt hatte, wurde 2007 mit einem Schlag in den medialen Starzirkus katapultiert, es folgten Fernsehauftritte, Interviews - und ein Geldregen begann sich über sie zu ergießen. Mit Hilfe einer Online-Managementfirma beteiligte sich die Familie an den immer üppiger sprudelnden Werbeeinnahmen, inzwischen ist eine regelrechte "Charlie bit my finger"-Merchandising-Produktlinie entstanden, die von T-Shirts bis zur bedruckten Kaffeetasse reicht. Die Familie Davies-Carr lebt mittlerweile bestens von diesem einen Video. Sie konnte sich sogar ein neues Haus leisten.

"Karaokekultur"

Warum wurde das "Charlie"-Video zum weltweiten Hit? - Schwer zu sagen. An der Raffinesse der Geschichte kann es nicht liegen, an der Qualität der Aufnahme auch nicht. Offenbar traf dieses Geschichtchen einen Nerv der Zeit. Und es traf im Netz auf eine Praxis der unbändigen Vervielfältigung, die es wenige Jahre zuvor noch nicht gegeben hatte.

Der französische Foto- und Medientheoretiker André Gunthert (Jg. 1961), der an der Pariser École des hautes études en sciences sociales (EHESS) lehrt, zeigt an diesem Beispiel, wie sehr das digitale Zeitalter die ehemals strikte Trennung zwischen Amateur- und professioneller Medienproduktion aufgelöst hat. Mit Amateurvideos wie diesem machen nicht nur Familien, sondern auch Internetkonzerne viel Geld. Amateurvideos und Amateurfotos haben im Netz neue Trends angestoßen (inzwischen gibt es zahlreiche Nachfolgevideos im "Charlie"-Stil), sie sind aber auch in die kommerzielle Produktion eingedrungen; Musikvideos und auch Hollywood-Filmproduktionen nahmen Anleihen an dem "Charlie"-Video.

Eine Teilnehmerin der Konferenz "re:publica" in Berlin nimmt ein "Digital-Foto-Bad" in einem Pool mit grünen Plastikbällen. - © Sean Gallup/Getty
Eine Teilnehmerin der Konferenz "re:publica" in Berlin nimmt ein "Digital-Foto-Bad" in einem Pool mit grünen Plastikbällen. - © Sean Gallup/Getty

Man kann, so Gunthert, die Inhaltslosigkeit und Dümmlichkeit dieses Videos geißeln, man kann aber auch - und das, so meint er, sei weit sinnvoller - die Frage stellen, wie sich unsere kulturelle Welt unter dem Einfluss des digitalen Zeitalters veränderte, wie sich Populär- und Hochkultur auf ganz neue, bisher unbekannte Weise ineinander verschränkten. Nur dann könne man verstehen, wie sich unsere Welt in den letzten Jahren verändert habe. Nur dann wird deutlicher, wie eine neue synthetische Kultur entstanden ist, die Altbewährtes und Neues verbindet, die die analoge Kultur mit digitalen Vorzeichen versieht oder althergebrachte Praktiken mit digitalen Inhalten auflädt, mixt, covert und immer neu zusammensetzt.

"Karaokekultur" hat die Schriftstellerin und Essayistin Dubravka Ugresic diese Praxis in ihrem gleichnamigen Essayband (2012 auf Deutsch erschienen) genannt.

Optimistischer Ansatz

In seinem überaus anregenden und fundierten Buch "Das geteilte Bild. Essays zur digitalen Fotografie" zeigt André Gunthert am Beispiel der digitalen Fotografie und ihres Gebrauchs, wie diese "Karaokekultur", wie auch die Kultur des "sharing", in den letzten eineinhalb Jahrzehnten die gesamte Kulturindustrie von Grund auf verändert haben. Gunthert ist kein Elfenbeinturm-Intellektueller, der seinen Blick nur gelegentlich aus der Welt der Bücher erhebt, um sich vom Hochsitz der akademischen Institution herab kurz in der Welt des Digitalen umzusehen. Er ist vielmehr in dieser digitalen Welt zu Hause, und zwar von Beginn an.

Schon sehr früh hat er als Wissenschafter begonnen, die neuen Instrumentarien des World Wide Web zu nutzen, er fotografierte schon bald digital, schrieb in Weblogs (kurz: Blogs) und publizierte einen Gutteil seiner akademischen Arbeiten auch online.

Im Unterschied zu vielen anderen Diagnostikern, die die "Bilderflut" im Netz beklagen und eher kulturpessimistische Töne anschlagen, ist Guntherts Ansatz durchaus optimistisch. Er benennt neben einigen problematischen Entwicklungen auch die Chancen und die breitenwirksamen Neuerungen der digitalen Kultur: etwa die Einebnung der tiefen Kluft zwischen Hoch- und Populärkultur; die Öffnung großer, bisher unter Verschluss gehaltener Bildwelten für die breite Masse; und die Möglichkeiten, ohne Konzernmacht im Rücken weltweit zu kommunizieren.

Die Essays, die zwischen 2004 und 2015, zum Teil in der von ihm 1996 mitgegründeten und mitherausgegebenen Zeitschrift "Études photographiques" (die 2017 eingestellt wurde) erschienen sind, lesen sich über weite Strecken auch als Plädoyer für die Rehabilitation der Amateurkultur, die, so Gunthert, am meisten von der digitalen Wende profitiert habe. In der digitalen Welt wurden nämlich die Karten der Macht neu gemischt, es sei, zumindest in der Anfangszeit des Web 2.0, eine neue "Republik der Bilder" entstanden, in der "eine radikale Egalität" herrsche. Jede und jeder hatte nun Zugang zu Bildern, die lange Zeit für die Masse der Bevölkerung unerreichbar waren, jede und jeder konnte nun ohne großen Aufwand beliebig Bilder herstellen, online stellen, weitergeben, empfangen und verändern.

Als die Fotografie um die Mitte des 19. Jahrhunderts auftauchte, wurde sie nicht nur lebhaft begrüßt, sondern auch stark angefeindet. Denn ihr Auftauchen markierte einen tiefen kulturellen, gesellschaftspolitischen und auch ökonomischen Bruch. Es gab Gewinner und Verlierer. Grafiker, Zeichner, Graveure und Minitaturmaler etwa sahen sich um ihr Geschäft geprellt. Gut eineinhalb Jahrhunderte später, als die digitale Fotografie massentauglich wurde, sollte sich dieser Kulturkampf noch einmal wiederholen.

"Girl with Red Balloon" von Banksy, fotografiert von einer Besucherin während der Ausstellung "The Art of Banksy" in Mailand. - © AFP
"Girl with Red Balloon" von Banksy, fotografiert von einer Besucherin während der Ausstellung "The Art of Banksy" in Mailand. - © AFP

Wieder waren es die Vertreter traditioneller Geschäftsmodelle, etwa Herausgeber von Printmedien, bisher analog arbeitende Fotografen, aber auch traditionell arbeitende Fotoagenturen, die in der Masse der privaten Angebote im Web nur unliebsame und billigere Konkurrenz sahen, die die neuen Tools zwar nach und nach nutzten, aber zugleich nicht müde wurden, vehement gegen die rasanten Schritte der Digitalisierung Einspruch zu erheben. Der Trend zum Digitalen ließ sich jedoch aller Einsprüche zum Trotz nicht mehr aufhalten.

2009, als die Social-Media-Kultur noch relativ jung war, wurden weltweit bereits 45 Millionen digitale Fotoapparate verkauft (darunter 18,7 Millionen Fotohandys) und nur mehr 12,3 Millionen analoge Kameras. "Die Pixel haben gewonnen", fasste Gunthert damals diese rasante Umwälzung zusammen. Seither hat sich der Boom der digitalen Fotografie noch vervielfacht. Die Qualität der Fotoapparate im Handy kann sich heute ohne Weiteres mit der Technik der sehr viel teureren Kompaktkameras messen. Es gibt für Fotonormalverbraucher also kaum noch Gründe, zusätzlich zum Mobiltelefon eine schwerere und größere Kamera mit sich herumzutragen.

Wann begann die digitale Wende? Setzte sie erst mit dem Siegeszug der neuen, in das Mobiltelefon integrierten Kamera ein? Dann wäre die Einführung des Ende 2007 von Apple auf den Markt gebrachten iPhone 2G so etwas wie der Startschuss gewesen. Oder begann diese Ära schon ein Jahrzehnt zuvor, als die analoge durch die digitale Fototechnik ersetzt wurde? Gunthert zufolge lässt sich kein einfaches Datum angeben, denn der Weg ins digitale Zeitalter war eine sich über einen längeren Zeitraum hinziehende Entwicklung. Manche technischen Errungenschaften existierten schon jahre-, oft jahrzehntelang, bevor sie massentauglich und weltweit umgesetzt wurden.

Als am 15. Juli 1965 via Radiosignal die ersten Bilddaten vom Mars auf der Erde eintrafen, markierte das den eigentlichen Beginn der digitalen Ära, also noch Jahrzehnte vor dem Erfolgszug der Digitalfotografie. Die NASA, die damals den Satelliten Mariner 4 zum Mars geschickt hatte, hatte also schon sehr früh auf die Zerlegung der Fotografie in Daten gesetzt, um sie über die extrem großen Distanzen transportieren zu können. Über einen binären Code wurden die Grauwerte der Aufnahme in Zahlenreihen, eine Datei von 40.000 Pixel, übersetzt, die, auf der Erde angekommen, wieder zusammengebaut und teilweise sogar nachträglich koloriert wurden.

Im Grunde wäre die digitale Fototechnik also schon Jahrzehnte lang verfügbar gewesen. Aber erst als die Rahmenbedingungen des globalen Medienkapitalismus es lukrativ machten, wurden sie auf breiter Basis umgesetzt. Als einer der ersten und findigsten dieser Medienkapitalisten agierte Ende der 1980er Jahre Bill Gates, der Mitbegründer von Microsoft. Er verstand schon sehr früh, dass mit der digitalen Ökonomie viel Geld zu machen war. Und er ahnte, dass der globale Bildermarkt eine der tragenden Säulen dieses Wirtschaftszweigs darstellen werde. Um Bilder systematisch vermarkten zu können, gründete er 1989 das Unternehmen "Interactive Home Service". Geplant war zunächst, in großem Stil Bilder aus bestehenden umfangreichen Fotosammlungen zu digitalisieren und zu lizensieren, um sie - auf Bildschirm projiziert - weltweit vermarkten zu können. Die Endabnehmer wären also vor allem Privatpersonen gewesen.

"Im Grunde wäre die digitale Fototechnik schon Jahrzehnte lang verfügbar gewesen. Aber erst als die Rahmenbedingungen des globalen Medienkapitalismus es lukrativ machten, wurden sie auf breiter Basis umgesetzt . . ." - © Bharat Patil
"Im Grunde wäre die digitale Fototechnik schon Jahrzehnte lang verfügbar gewesen. Aber erst als die Rahmenbedingungen des globalen Medienkapitalismus es lukrativ machten, wurden sie auf breiter Basis umgesetzt . . ." - © Bharat Patil

Bald stellte sich heraus, dass als Kunden für die digitalen Bilddatenbanken viel eher Medienbetriebe in Frage kamen: Zeitungen, Verlage, Fernsehanstalten, später Internetportale. 1995 wurde das Unternehmen in "Corbis" umbenannt und dieses stieg innerhalb kürzester Zeit zu einer der größten Bildagenturen auf, die zahlreiche historische Bildbestände in digitalisierter Form weltweit zugänglich machte. 2016 wurde Corbis an einen chinesischen Medienmulti, die Visual China Group verkauft, die sich seither zusammen mit dem Konkurrenten Getty Images einen Gutteil des weltweiten Bildermarktes aufteilt.

Bill Gates hatte zwar einen guten Riecher für die zentrale, unternehmensgestützte Vermarktung großer digitaler Bilddatenbanken, aber die wirkliche Erfolgswelle des Web 2.0 hat er nicht vorausgesehen. Als ab 2004 die interaktiven Portale der Social Media wie Facebook, Flickr, YouTube, Myspace etc. entstanden, die den Gebrauch und die Vermarktung der digitalen Fotografie noch einmal grundlegend veränderten, stand Microsoft weitgehend abseits. Das von Gates anfangs favorisierte digitale Übertragungsmodell, das vom Sender zum Empfänger führte, geriet ins Hintertreffen. War in den 1990er Jahren noch von "Datenautobahnen" die Rede, so begann sich nun ein vielfältig vernetzter Raum zu eröffnen, der Millionen von Sendern mit Millionen von Empfängern unmittelbar miteinander in Verbindung brachte.

Das Rohmaterial, das digital generierte Bild, existierte zu diesem Zeitpunkt schon lange. Was sich nun änderte, war seine Nutzung, seine Ökonomie. Die Onlinedatenbanken der Social-Media-Portale öffneten sich nun für die breite Masse der Konsumenten, die Vorteile der digitalen Verwertung von Bildern wurde für alle, die einen Breitbandanschluss hatten, zugänglich: kostenlose Uploads, großzügige Speicherplätze im Netz, umfassende Indizierung, blitzschnelle Übermittlung und rhizomartige Verbreitung.

Aber damit nicht genug: die neue Währung der neuen, vernetzten Ökonomie der Bilder war nicht das Bild selbst, auch nicht die Anzahl der Zugriffe. Das Herzstück dieser Online-Währung waren und sind die Aufmerksamkeitswerte, die möglichst exakt gemessen werden. Und die sich, so erkannte Facebook sehr früh, durch vielfältige Anreize auch aktiv generieren und vervielfältigen lassen. Aktive, nicht passive Facebook-User wollte man haben, solche, die selber Bilder hochladen, die möglichst oft den "Like"-Button drücken, die eifrig kommentieren, Inhalte teilen etc.

Kommunikation, Spiel, Unterhaltung und Geschäft gingen nun Hand in Hand. Die Internetnutzer, die selbst aktiv im Netz agierten, waren zwar Konsumenten, aber auch Produzenten, sie wurden daher Prosumer genannt. Und dieser neue Typus des Internetnutzers, der das Rückgrat der digitalen Ökonomie darstellt, vermehrte sich ab 2004 in exponentiellem Ausmaß. Je mehr "Prosumer" im Netz unterwegs waren, je mehr Bilder in die Netzwerke eingespeist und interaktiv kommentiert wurden, desto mehr bezahlte Werbung ließ sich in die jeweiligen Kanäle einspeisen. Auf diese Weise wurde Facebook groß und reich.

Knipsen, liken, teilen. - © Rafael Leao
Knipsen, liken, teilen. - © Rafael Leao

Zentrales Kennzeichen und das eigentlich Revolutionäre am digitalen Bild ist, so konstatiert André Gunthert, seine Fluidität. Man könnte auch sagen: das wirklich Neue an der digitalen Fotografie ist, dass sich das Trägermaterial, an welches das Medium seit seiner Erfindung im Jahr 1839 gebunden war, sei es Metall, Papier Glas oder andere Materialien, aufgelöst hat - und zwar in Daten.

Bilder als Währung

Für die Speicherung, Übertragung und Weiterverarbeitung von Bildern braucht es kein Trägermaterial mehr. Erst wenn diese gedruckt werden, kommt das altehrwürdige Papier, etwa in Form der Zeitung, wieder ins Spiel. Die Fotografie musste erst ihre materielle Anmutung verlieren, um zur rasant zirkulierenden Online-Währung zu werden: blitzschnell abrufbar, versendbar, kombinierbar mit anderen Mediendaten.

Als immaterielles Datensystem hat sie zurzeit und wohl auch noch in nächster Zukunft ihren großen Auftritt. Aber wem einmal der Computer mitsamt allen darauf gespeicherten (und nicht gesicherten) Bildern abgestürzt ist, weiß um die Fragilität dieser Datenbanken. Und diese können sehr rasch altern. Ohne jeweils aktuelle elektronische Lesesysteme ist die digitale Fotografie wertlos. Wer garantiert uns, dass in zehn, 20 oder 30 Jahren die gegenwärtigen Lesesysteme noch verfügbar sind? Wer weiß, ob der enorme Datenwust, der sich tagtäglich ansammelt, sich nicht schneller als Abfall erweist als die papierenen Fotoabzüge, die in der Schuhschachtel, im Album oder am Flohmarkt noch nach Jahrzehnten problemlos zugänglich sind?

Nicht auszuschließen, dass in naher Zukunft die Digitalfotografie, die große Errungenschaft der jüngeren Gegenwart, in einer Sackgasse landet, etwa dann, wenn die rasant sich entwickelnden Computersysteme die veralteten Daten nicht mehr "verstehen". Veraltete Fotodaten glichen dann einer alten Schellackplatte, für die es keinen geeigneten Phonographen mehr gibt.

Die technischen Entwicklungen haben sich im 20. Jahrhundert enorm beschleunigt. Und stets waren es am Beginn utopische Zukunftsträume, die den großen realen Beschleunigungen vorausgingen. Bereits im Jahr 1928 hatte der französische Schriftsteller Paul Valéry prophezeit: "Wie Wasser, Gas und elektrischer Strom von weither auf einen fast unmerklichen Handgriff hin in unsere Wohnungen kommen, um uns zu bedienen, so werden wir mit Bildern oder mit Tonfolgen versehen werden, die sich (. . .) einstellen und wieder verlassen werden." Er sollte Recht behalten.

Aber ganz so rasch hielten Bilder und Töne in immaterieller Form doch nicht Einzug in unsere Wohnzimmer. Was die NASA in der Nachkriegszeit mit großem Aufwand für die elitären Anwendungen der Raumfahrt entwickelt hat, wurde erst nach der Jahrtausendwende zum massentauglichen Gadget, das - in Form des Smartphones - jeder täglich bei sich trägt. Aber immerhin: Die Uhrmacherei hat im Vergleich dazu die enorme Zeitspanne vom 14. bis zum 19. Jahrhundert für die Miniaturisierung der Zeitmessung in kleinen smarten Geräten gebraucht. Erst nach langer Vorlaufzeit wurden die großen Kirchturmuhren, die halbgroßen Standuhren und all die anderen klobigen Zeitapparate durch elegante Taschen- und Armbanduhren ergänzt bzw. ersetzt.

Die zukünftigen Umbrüche werden, darauf darf gewettet werden, rascher kommen, als wir es vermuten. Wer weiß: vielleicht ist die digitale Ära schon in ein paar Jahren wieder Geschichte und wird durch neue Technologien abgelöst. Dann wäre, im historischen Rückblick, das Aufblitzen des Web 2.0, eine relativ kurze Episode gewesen, vergleichbar jenen Bildern, die in der seit 2011 existierenden mobilen App "Snapchat" generiert werden, die bei Jugendlichen so beliebt ist. Ein Bild wird übertragen und - kaum hat es sein Ziel erreicht und wurde geöffnet - gelöscht. Bilder, die auftauchen wie ein Augenzwinkern oder eine Sternschnuppe.