Da kommt kurz Erleichterung auf. Aber nicht lange. Denn auch schon eine Angst alleine, nämlich die vor ungewollter Einsamkeit, erweist sich, weil sie aus einer verhängnisvollen Kaskade anderer Ängste resultiert, bald als so unüberschaubares Problemfeld, dass man mehr als ein Buch darüber schreiben müsste. Und, ja, ziemlich genau das hat Gregor Eisenhauer auch getan. Und zwar mit entwaffnender Offenheit einerseits, denn der ungewollt Einsame in seinem jüngsten Buch ist am Ende er selbst. Aber vor allem, wie immer, elegant, profund und mit großer Umsicht.

Denn statt lang und breit über ein Schicksal zu klagen, das jede und jeden jederzeit treffen kann, geht Eisenhauer zuerst einmal einen weiten Weg zurück, in seine eigene und ganz generell in die Phase der Kindheit. Und er erinnert an jenes unsichtbare, aber dennoch tragfähige Netzwerk aus Behelfsbrücken, über das jeder in eine Trost spendende Gesellschaft eintreten kann: "Jedes dritte Kind, so schätzen Experten, hat eine Freundschaft, die nur in der Fantasie existiert."

Bei Erwachsenen, vermutet Eisenhauer, "wird die Zahl kaum niedriger sein". Warum? Weil wir Menschen zwar einerseits hoffen, alle Probleme allein meistern zu können, andererseits "genau wissen, dass es ohne Beistand nicht geht. Wir sind auf andere angewiesen. Vom ersten Tag unseres Lebens an. Autonomie ist eine Illusion".

Pu der Bär, obwohl nach seiner eigener Einschätzung nur "von geringem Verstand", weiß das. Und ist sich auch der Konsequenzen bewusst: "Ein Tag ohne einen Freund ist wie ein Topf, ohne einen einzigen Tropfen Honig darin". Erstaunlich viele Menschen, so Eisenhauer, verdrängen dieses Wissen. Sie glauben, auch ohne Freunde gut auszukommen. "Ihnen genügen Kollegen, Nachbarn, Bekannte oder Familienangehörige."

Doch da beginnt das Problem. Weil mangels Freunden auch aus kleinen Krisen des Alltags größere persönliche Katastrophen werden (können). Nicht nur in Berlin, jener Stadt, die zwar einen Bären im Wappen trägt, aber in der vorwiegend Nachteulen leben. Gregor Eisenhauer lebt in Berlin. Manche Ängste, die er empfindet, zum Beispiel in der U-Bahn, könnte er in Kleinstädten nicht empfinden, weil es dort keine U-Bahn gibt. Ähnliche Ängste aber schon. Denn die biologischen Grundlagen für Ängste sind älter als die Idee der Stadt. Und dunkle Räume unter der Erdoberfläche, die in-stinktiv Ängste hervorrufen, gab es immer schon. Auch in jedem Dorf. Ein Rückblick in seine eigene Kindheit, in der Eisenhauer vor allem eine Angst hatte, nämlich auf dem Bauernhof seiner Großeltern zum Mostholen alleine in den dunklen Keller geschickt zu werden, erinnert (ihn) daran.

Eisenhauer wirft noch einen weiter reichenden Blick zurück - bis hin zur Herkunft des Menschen vom Tier. Denn Ängste sind zum Überleben unverzichtbar. Nicht nur in freier Wildbahn. Die Aussage "Die Angst war immer da. Die Angst wird immer da sein" ist also keine Kapitulation, sondern die Feststellung einer Tatsache, die unter aufgeklärten Menschen für keinen Streit sorgen sollte. Warum wird dann dennoch darüber gestritten, und zwar gefühlt überall und dauernd, und zudem auch sehr heftig?