Kapazität Kafka

Zu den Vorzügen von Gregor Eisenhauer zählt, dass er sich mit dieser Frage keine Sekunde lang beschäftigt. Statt sich also in die Niederungen des Politischen zu begeben, beschränkt er sich darauf, auf seine ihm eigene Art einschlägige Aufklärung zu betreiben. Das sieht dann so aus, dass er den literarischen Experten für Angst schlechthin, also Franz Kafka, herbeizitiert - und nicht nur über dessen Werk, sondern auch über dessen tragisches Leben reflektiert. Vom sprechenden Affen Rotpeter, über Gregor Samsas Verwandlung in einen Käfer, bis zu Kafkas eigener Metamorphose von einem Schriftsteller zu einem Liebenden, spannt Eisenhauer den Bogen - und schießt mit einem an Kafka gerichteten Brief einen Vogel ab.

Diese brillante Pointe rundet ein Gesamtbild ab, das zwar durch tollkühne Extravaganzen zuweilen verstört, gerade deswegen aber letztlich überzeugt. Neben Kafka sorgen noch andere einschlägige Kapazitäten, darunter der Philosoph Sören Kierkegaard und der Psychologe Daniel Kahneman, dafür, dass der Leser, sofern er den Mut zur Lektüre von Eisenhauers Buch aufbringt, das "Fürchten richtig lernt" - genau so nämlich, dass man begründete Ängste nie bagatellisiert, aber auch nicht übertreibt. Eine hohe Kunst, die das Leben ganz ungemein erleichtert. Eine so heikle Balance indes, dass sie kaum jemand beherrscht.