Probebetrieb eines Verkehrsreglers am Ring, 1928. - © L. Ernst und F. Cesanek / Wien Museum
Probebetrieb eines Verkehrsreglers am Ring, 1928. - © L. Ernst und F. Cesanek / Wien Museum

Radikal neu war die Umgestaltung des gesamten Tarifsystems der öffentlichen Verkehrsmittel nach sozialen Aspekten. Vor dem Ersten Weltkrieg konnten sich zahlreiche ArbeiterInnen gerade noch die verbilligten Frühtageskarten leisten, traten aber abends den oft kilometerlangen Heimweg von ihrer Arbeitsstätte zu Fuß an. Die Fahrpreise sollten von nun an so gering wie möglich sein. Dafür sorgte der neue budgetäre Grundsatz, wonach lediglich die Deckung von Selbstkosten angestrebt war.

Tarife & Fahrleistung

Die Verkehrsbetriebe hatten im Gegensatz zur christlichsozialen Ära keine Gewinne mehr für die Gemeinde zu erwirtschaften. Bereits im Jahr 1921 hat man einen Einheitsfahrpreis festgelegt, der anstelle des Zonentarifs und unabhängig von der Entfernung eine Fahrt mit den Öffis ermöglichte. Dies kam vor allem den Berufstätigen zugute. Darüber hinaus wurden ab 1922 wichtige Sondertarife wie Wochenkarten oder Schüler- und Arbeitslosenfahrscheine eingeführt.

Wesentlicher Teil einer Attraktivierung des öffentlichen Verkehrs waren auch die massive Ausweitung der Fahrleistung und die dadurch erzielten besseren Intervalle. Im Jahr 1928 befand sich die Wiener Straßenbahn auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit, zugleich zeigten sich bereits die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Vizebürgermeister Georg Emmerling warb um Verständnis und bemühte dabei einen hehren Anspruch der Stadt: "Beides kann man nicht verlangen: einen klaglosen Betrieb mit dem billigsten Tarif der Welt!" Tatsächlich schrieben die Verkehrsbetriebe bereits ab 1924 rote Zahlen und mussten die Fahrpreise immer wieder erhöhen.

Indes steigerte sich die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel mit rund 350 Fahrten pro StadtbewohnerIn bis 1928 auf das Doppelte des letzten Vorkriegsjahres. Beachtenswert ist dabei der unerwartete, sprunghafte Anstieg ab 1922/23. Erklärt wurde dies vor allem mit der günstigen Tarifpolitik, aber auch mit dem neuen (bundesweit geltenden) Mieterschutz. Berufstätige mussten oder wollten ihre Wohnung nicht mehr mit dem Arbeitsplatz wechseln und nahmen dafür längere Fahrten zum Arbeitsplatz in Kauf.

Massenverkehr

Auch die großzügig angeordneten und weitläufigen kommunalen Wohnhöfe trugen zur Verkehrszunahme in Wien bei. Die meisten großen Gemeindebauten entstanden ja entlang oder im unmittelbaren Einzugsbereich von Straßenbahn- oder Stadtbahnlinien. Massenverkehr wurde in Wien im positiven wie negativen Sinn des Wortes Realität. Dabei kann Verkehrsmobilität ebenso Freiheit wie Zwang bedeuten: So wird "der Großstädter immer mehr zum Sklaven der öffentlichen Verkehrsmittel", meinte etwa Stadtbaudirektor Franz Musil. Doch bereits 1929 brachen die Fahrgastzahlen ein. Eine neuerliche Tariferhöhung und die Weltwirtschaftskrise machten sich bemerkbar.

Die Elektrische, wie die Bim damals im Volksmund hieß, spielte aber auch in der politischen Symbolik eine wichtige Rolle und wurde zur Trägerin einer neuen Tradition. An jedem 1. Mai demonstrierten die Straßenbahner ihre Macht: Der öffentliche Verkehr stand bis Mittag still, und die ersten Züge verließen mit Kränzen und Fahnen festlich geschmückt die Remisen.