Burenwurst, Käsekrainer, Frankfurter, Bosna, Waldviertler, Debreziner. Das ist - mit geringen Variationen - das Grundsortiment des traditionellen Wiener Würstelstandes. Im Jahr 1928, als der erste moderne Würstelstand in Wien aufmachte, sah das Angebot nicht wesentlich anders aus. Tradition verpflichtet, könnte man sagen. Man könnte aber angesichts dieser scheinbar in Stein gemeißelten Karte auch verzweifeln. "Der Wiener Würstelstand ist kulinarisch eine vertane Chance", schrieb der österreichische Gastronomiekritiker Tobias Müller neulich.

Gewiss: Das Schnellimbissangebot der Wiener Straßenkioske ist in den letzten 25 Jahren bunter geworden und hat sich deutlich erweitert, etwa um Dürüm, Kebab, Falafel, Pizza oder Nudeln. Und dennoch: Der Befund, dass der Würstelstand kein Eldorado für kulinarische Feinspitze war und ist, hat nach wie vor Bestand. Schließlich will er das auch gar nicht sein.

Man könnte die Sache damit bewenden lassen, schließlich wird man dem Leberkäsesemmelesser auch nicht täglich vorhalten, dass er Leberkäsesemmeln isst. Und doch fällt auf, dass der Wiener Würstelstand regelmäßig zu heftigen Debatten führt, die weit über das kulinarische Niveau hinausreichen. Die Frage, wie lange es ihn noch geben wird, ist dabei die harmloseste.

Der Befund, dass der Würstelstand kein Eldorado für kulinarische Feinspitze war und ist, hat nach wie vor Bestand. - © Anton Holzer
Der Befund, dass der Würstelstand kein Eldorado für kulinarische Feinspitze war und ist, hat nach wie vor Bestand. - © Anton Holzer

Debattiert und gestritten wird auch über Grundlegenderes: Ist das Wienerische des Würstelstandes in Gefahr? Wird er gar "überfremdet" und von "nichtwienerischen Elementen" gekapert? Woher droht ihm, wenn denn diese Diagnose überhaupt stimmen sollte, die hauptsächliche Gefahr? Es geht also um große Themen, die hier am kleinen Würstelstand verhandelt werden.

Symbolischer Spielball

Zahlenmäßig fallen die Würstelstände in der Wiener Gastronomie kaum ins Gewicht, auch wirtschaftlich gesehen fristen sie ein ziemliches Nischendasein. Aber darum geht es bei diesem "Kulturkampf" letztlich gar nicht. So klein und unscheinbar die Würstelstände im Verpflegungsnetzwerk auch sein mögen, sie scheinen eine Schlüsselrolle in der immer wieder befeuerten Konfliktzone zwischen dem "Wir" und dem "Anderen" zu spielen.

Der Würstelstand ist ein gern gewählter Austragungsort für Politik- und Kulturkämpfe aller Art. Warum wurde und wird gerade der Würstelstand zum symbolischen Spielball für gesellschaftliche Konflikte, die sich wesentlich um Fragen der kulturellen Identität, also um ganz andere Dinge als Würste, Kebab und Pizzaschnitten drehen?

Weil, so könnte man überspitzt formulieren, der Würstelstand gut sichtbar im öffentlichen Raum steht und daher leicht als Projektionsfläche für reale und eingebildete kulturelle und gesellschaftliche Reibungspunkte herhalten kann. Und, vielleicht noch wichtiger: Weil gesellschaftliche Grabenkämpfe zwischen dem "Wir" und den "Anderen" sich häufig an der Esskultur festmachen. Am Essen an sich, aber auch an den vielfältigen Praktiken und Erscheinungsformen, die im öffentlichen Raum an das Essen geknüpft sind, angefangen bei der architektonischen und grafischen Ausgestaltung der Kioske, der visuellen Darstellung des Essens in der Kiosk-Werbung, der Sprache und Lautstärke der Besucher, bis hin zur Frage der Gerüche und der Sauberkeit.