Wer gehört dazu, wer nicht? - © Anton Holzer
Wer gehört dazu, wer nicht? - © Anton Holzer

Entlang all dieser Themen werden Identitätsdebatten geführt. Wer gehört dazu, wer nicht? Man könnte auch sagen: Der Würstelstand ist so etwas wie ein heimlicher Gradmesser des gesellschaftlichen Klimas im Lande.

Wenn wir die Würstelstand-Debatten der letzten drei Jahrzehnte Revue passieren lassen, fällt auf, dass die Frontstellungen sich mehrmals verschoben haben, und zwar deutlich. "Lange hat es gedauert, doch nun ist es soweit", jubelte im fernen Jahr 1988 das Nachrichtenmagazin "Profil". "Endlich machen auch in Wien immer mehr türkische Imbißstuben McDonald’s und dem Würstelstand Konkurrenz."

Konsumkapitalismus

Die Gefahr drohte dieser Sichtweise zufolge also nicht aus dem Orient, sondern von der amerikanischen Fast-Food-Industrie à la McDonald’s. Die amerikanische Kette hatte 1977 die erste Filiale in Wien eröffnet und setzte in den 80er Jahren zum Siegeszug in ganz Österreich an. Würstelbude und Kebab-Lokale sollten ihr, so wird hier gefordert, vereint Paroli bieten. Noch 2006 hieß es im Magazin "News": "Kebab & Würstelstand setzen dem McDonald’s-Wachstum hierzulande - noch - Grenzen."

Das Wachstum der amerikanischen Ketten war durch die tatkräftige Mithilfe der Kebab-Bude nicht zu stoppen. - © Anton Holzer
Das Wachstum der amerikanischen Ketten war durch die tatkräftige Mithilfe der Kebab-Bude nicht zu stoppen. - © Anton Holzer

Doch bald sollte sich diese imaginierte Allianz gegen die Übermacht des Konsumkapitalismus auflösen. Denn das Wachstum der amerikanischen Ketten war durch die tatkräftige Mithilfe der Kebab-Bude nicht zu stoppen. Auch nicht, als in den letzten Jahren immer mehr alteingesessene Würstelstände mit Kebab-Ständen fusionierten und ein breites Sortiment an Fast Food anboten.

Klassischer Würstelstand und Multikulti-Kioske mit gemischtem Imbissangebot, beide sind seit der beginnenden Jahrtausendwende auf dem Rückzug. Zum einen setzten ihnen die erwähnten Ketten zu, zum anderen in noch größerem Maße die neuen Online-Lieferdienste wie Foodora, Mjam oder Lieferservice. Nicht die türkischen, später asiatischen und zuletzt syrischen Standler, sondern die Auswirkungen der digitalen Revolution und der globalisierten Servicedienstleistungen läuteten den allmählichen Niedergang der Straßenkioske ein. Erstaunlich aber ist, dass diese letzte Wende im öffentlichen Würstelstand-Diskurs weit weniger Niederschlag gefunden hat als die türkische Ankunft am Würstelstand Jahre zuvor.

Der "Volkszorn" richtet sich nicht gegen die einfallenden digitalen Essensportale, sondern immer noch gegen die orientalische "Gefahr". Als 2016 in Wien ein Halal-Würstelstand aufmachte, waren die Wellen der Empörung bis in den letzten Winkel des Boulevards zu spüren. "Geht der Wiener Würstelstand unter? Keine Sorge: Würstelstände wird es immer geben", beruhigte schon vor etlichen Jahren Josef Bitzinger, Spartenobmann in der Wiener Wirtschaftskammer und selbst Würstelstand-Betreiber, in einem Interview.