Und er sollte Recht behalten: Zwar gibt es heute zahlenmäßig deutlich weniger Stände als noch vor zehn Jahren. Aber die bestehenden Kioske haben ihre Nischen gefunden. Bitzingers eigene Kioske etwa erfreuen sich seit Jahren großer Beliebtheit. Im jüngsten "Falstaff"-Würstelstand-Ranking für das Jahr 2019 belegt der Unternehmer Rang drei, hinter dem "Alt-Wiener Würstelstand" am Volkstheater und dem "Scharfen René" am Schwarzenbergplatz.

In der Angst um das Verschwinden des Würstelstands zeigt sich die Brüchigkeit des gesellschaftlichen Selbstbewusstseins - und zugleich die Urangst vor dem Fremden. Je mehr dieser Ort zum Austragungsplatz symbolischer Kulturkampf-Debatten wurde, desto öfter tauchte der Würstelstand als - häufig klischeebeladener - Sehnsuchtsort auf: Denken wir nur an die Krimiserie "Kottan ermittelt", in der der Würstelstand als Treffpunkt für Hiesige und Fremde, für Proleten und Freaks, Gescheite und Gescheiterte regelmäßig auftaucht. Und kaum ein Wien-Krimi der letzten Jahre will auf den Würstelstand als zwielichtige Projektionsfläche im öffentlichen Raum verzichten.

Je mehr reale Würstelstände aus dem Stadtbild verschwanden, desto mehr wurde am Fantasieort Würstelstand gebastelt. Wer Wien wirklich kennenlernen will, so raten fast alle neueren Reiseführer, müsse das am Würstelstand tun. Kulinarisch ist hier nach wie vor nicht viel zu gewinnen, atmosphärisch aber sei man, so heißt es, am Würstelstand im Herzen der Stadt angelangt.

Als Adolf Kottan im Jahr 2010 nach 27 Jahren noch einmal für eine Filmfolge (Regie: Peter Patzak) in den Polizeidienst zurückkehrte, bestellte er sich am Würstelstand "a Haße und a 16er-Blech". Im Inneren der Bude bediente ihn, wie könnte es anders sein, ein Migrant. "Bar jeder Hoffnung" heißt der Kiosk im Film.