Bis vor kurzem war rund um die Kulturtechnik des Zitierens alles klar: Das Zitat war schmuckes Aushängeschild des weltgewandten Bildungsbürgers und Erkennungszeichen kanonisch Kultivierter . . . - © Cartoon: Margit Krammer
Bis vor kurzem war rund um die Kulturtechnik des Zitierens alles klar: Das Zitat war schmuckes Aushängeschild des weltgewandten Bildungsbürgers und Erkennungszeichen kanonisch Kultivierter . . . - © Cartoon: Margit Krammer

Karrieren zerfallen zu Staub, Ruhm und Ansehen werden im Handumdrehen pulverisiert, Titel und Ansprüche müssen reumütig zurückgegeben werden, wenn die Regeln nicht beachtet werden. Generationen von Studierenden ächzen unter der Last der komplexen Regeln. Und Wissenschafter entwarfen ganze ökonomische Systeme rund um die Tradition des gegenseitigen Erwähnens.

Bis vor kurzem war rund um die Kulturtechnik des Zitierens alles klar: Das Zitat erfüllte wichtige Autoritätsfunktionen im Wissenschaftsbetrieb, es war schmuckes Aushängeschild des weltgewandten Bildungsbürgers und Erkennungszeichen kanonisch Kultivierter. Falsches Zitieren konnte die Karriere kosten. Dann folgte mit Online-Zitatesammlungen die Gelegenheit zu zitieren, ohne gelesen zu haben, die verwandelte sich in die Gepflogenheit, zu zitieren, ohne es zu wissen - und dann kamen inspirierende Sinnsprüche und "Nachdenkliche Sprüche mit Bilder" (sic!). Heute finden wir in den sozialen Medien, beim Blättern in Unternehmensbroschüren und staunend auf Wahlplakaten eine Sintflut von Sinnsprüchen, die in den meisten Fällen gar nichts mehr bedeuten, aber pompös klingen.

Aufmerksamkeit finden

Die Tradition, mit den Ideen fremder Menschen frischen Glanz auf eigenes Schaffen zu werfen, hat eine steile Talfahrt genommen. Machen wir uns auf die Reise entlang der Stationen dieses Niedergangs.

In "Ökonomie der Aufmerksamkeit" (1998) skizzierte Georg Franck ein detailliertes kapitalistisches System, dessen zentrale Werte nicht Geld oder physische Waren sind, sondern Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit hat viel mit Geld gemeinsam: Sie muss verdient, sie kann ausgeliehen, sie kann akkumuliert werden. Und sie kann - sofern bereits in ausreichendem Maß vorhanden - mit einem leistungsfreien Zusatzeinkommen aufgefettet werden: Wer viel Beachtung findet, muss nicht mehr viel tun, um noch mehr Beachtung zu finden. Diese Person wird beachtet, weil sie früher beachtet wurde - nicht, weil sie etwas besonders Aufsehenerregendes getan hat.

Während der Titel der "Ökonomie der Aufmerksamkeit" es zum geflügelten Wort geschafft hat, ist ein wichtiger Aspekt des "Mentalen Kapitalismus" (so der Titel des weniger beachteten Nachfolgewerks von Franck, 2005) weitgehend unter den Tisch gefallen: Aufmerksamkeit funktioniert nicht nur deshalb als zentraler Wert eines kapitalistischen Systems, weil sie begehrt ist, sondern weil sie auch investiert werden kann. Wissenschafterinnen und Wissenschafter - die, und nicht Instagram-User und Twitter-Expertinnen, hatte Franck eigentlich im Blick - müssen sich entscheiden, worin sie ihre Aufmerksamkeit investieren, um etwas zu schaffen, das wiederum Aufmerksamkeit verdient und so das investierte Kapital mit Verzinsung zurückbringt.