Mit der Pluralisierung und Beschleunigung der Selbstdarstellungsmöglichkeiten sind schlaue Sprüche gefragter denn je. Immer mehr Berufssparten leben in steigendem Ausmaß von Aufmerksamkeit. Es reicht nicht aus, ein Produkt zu verkaufen, eine Dienstleistung zu erbringen, ein politisches Programm zu vertreten, es braucht den Glanz des größeren Ganzen. Und das muss knapp auf den Punkt gebracht werden, Social-Media-Shareables und Presseaussendungs-Headlines sind ungeduldige Formate. Große Worte, salbungsvoller Ton mit ein wenig Vintage-Touch - gute Sprüche sind heute Accessoires wie teure Designerstücke. Was sie genau bedeuten oder welche
ideengeschichtlichen Anleihen sie aufnehmen, das ist nicht einmal mehr zweitrangig.

Vielleicht ist damit der Boden erreicht: Zitate spielten früher an große Gedankengebäude an und vermittelten einen pointierten Zusammenhang zu erprobten Überlegungen. Dann wurden sie zu Dekorationsobjekten und verloren die Verbindung zu ihrem Ursprung. Schließlich verloren sie auch ihren ursprünglichen Nutzen, nämlich den, Aufmerksamkeit in eine bestimmte Richtung zu lenken. Und zuletzt verloren sie auch noch den schlichten Sinn.

Wie war das möglich? Eine der Bedingungen liegt in einem Irrtum in Francks "Ökonomie der Aufmerksamkeit": Eine Gesamtmenge an Aufmerksamkeit lasse sich nicht vermehren, postulierte Franck, dieser seien natürliche Grenzen gesetzt. So wie sich aber Geld in der Finanzindustrie vermehren lässt (so lange, bis es real gebraucht wird), haben moderne Kommunikationswege aber auch Surrogate für Aufmerksamkeit geschaffen, die sich grenzenlos vermehren lassen. Ausschlaggebend ist heute nicht die Wirkung, schon gar nicht die Tragfähigkeit einer Idee, im Vordergrund steht die schlichte Reichweite. Das ist die Grundlage, auf der heute Relevanz funktioniert.

Sinnleere Behauptungen

Die Aufmerksamkeitssurrogate sind Favs, Likes, Shares - es sind nüchterne ökonomische Kennzahlen. Es sind kleine Handgriffe, die den Aufmerksamkeits-Investor einen Klacks kosten, den Empfängern aber annähernd gleich viel bringen wie echte Aufmerksamkeit.

Das Zitat als Kulturtechnik hat sich dabei in mehrfacher Hinsicht verwandelt: Zum einen wurde es von der bedeutungsreichen Anspielung in den betulichen Sinnspruch transformiert. Zum anderen wurde es durch schlichte Wiederholung abgelöst: Man sagt etwas, und das wiederholt man so oft, bis es ausreichend beachtet wurde (oder bis klar ist, dass es eben nicht funktioniert). Und schließlich wurde das Zitieren, in seiner digitalen Form des Sharings, zu einer neuen Technik, Aufmerksamkeit in geordnete Bahnen zu lenken. Hier müsste eine Psychologie des Ignorierens und Blockierens anschließen - aber das ist bereits eine andere Geschichte.

Der Inhalt ist dabei großteils egal. Das lässt sich auch daran erkennen, dass sowohl Zitate als auch schlaue Sprüche heute zunehmend als Bilder weiterverbreitet werden, nicht mehr als Text. Stylishes Layout muss sein.

Und jetzt? Ich plane bereits eine Sammlung der pompösesten sinnleeren Behauptungen, die folgerichtig dann einen anonymen Kanon der absurden Selbstdarstellungen und unhaltbaren Behauptungen ergeben müsste. Vielleicht sollte man diesen dann noch mit einem Kommentarteil ergänzen, der zu ergründen versucht, was so manche Sprüche alles anklingen ließen, wollte man sie sinnvoll zu entschlüsseln versuchen.

Es wäre etwas in der Art: "Heraklit und Freud liefern einander ein stummes, aber erbittertes Duell zur blauen Stunde kurz vor Sonnenuntergang in einer Mohnblumenwiese, während in den schattigen Tiefen der Wiese bereits schleimige Monster ihre mit mehrfachen Zahnreihen bewehrten Mäuler öffnen, um letzte Reste von Sinn in ihren säuregefüllten Mägen verschwinden zu lassen."