Norwegen muss man sich als glückliches Land vorstellen. Zumindest wenn es nach dem Human Development Index geht, dem Wohlstandsindikator der Vereinten Nationen, der alljährlich den Stand der "menschlichen Entwicklung" misst. Dort steht Norwegen seit Jahren ganz oben (Österreich rangiert momentan auf Rang 20), und das hat nicht nur damit zu tun, dass das Land dank seiner üppigen Öl- und Gasvorkommen vor der Küste zu großem Wohlstand gekommen ist. Es hat diese Einnahmen auch gut angelegt, nämlich im weltgrößten Staatsfonds.

"Die Norweger verwenden ihren Reichtum für Dinge, von denen sich der Egoismus der Italiener, der Geiz der Franzosen, die Gier der Amerikaner und die Angeberei der Deutschen nichts träumen lassen. Die Staatsquote, gemessen am Volkseinkommen, die Säuglingssterblichkeit, die mittlere Lebenserwartung, die Zahl der Arbeitslosen, der Kindergärten und der Altenheime - das sind die Größen, an denen man in Norwegen das gute Leben misst. Nicht der private, sondern der vergesellschaftete Reichtum ist es, der zählt."

Dieses Loblied sang Hans Magnus Enzensberger schon 1984 in seinem noch heute ausgesprochen lesenswerten Buch "Ach Europa!". Natürlich hat sich seither einiges geändert, auch in Norwegen hat die Ungleichheit zugenommen, aber im Großen und Ganzen ist das Land hoch im Norden Europas sich treu geblieben.

Maulende Idylle

"Norwegens Uhren sind immer anders gegangen als die des Kontinents. Dieses Land ist das Reich der Ungleichzeitigkeit", traditionsverbunden und modern zugleich, ländlich und urban, gesellig und eigenbrötlerisch. Nein, meinte Enzensberger schon damals, Norwegen sei zwar nicht das irdische Paradies, aber doch "ein Monument des Eigensinns, und eine maulende Idylle".

Norwegen ist knapp 1600 Kilometer lang (die Küstenlinie umfasst rund 25.000 Kilometer) und hat doch nur 5,3 Millionen Einwohner. Gemessen daran ist das Land in vielen Bereichen fast schon beängstigend erfolgreich. Im Sport sowieso (nicht nur im Winter), aber auch in den Künsten. Der Nordic Jazz ist seit Jan Garbarek und Terje Rypdal ein fester Begriff, Popbands wie A-ha, Motorpsycho oder Madrugada haben internationale Bekanntheit erlangt, und im Bereich der Klassik gehören immer wieder norwegische Künstler wie etwa der Pianist Leif Ove Andsnes zu den Weltstars.

Auch literarisch hat das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse bemerkenswert viel zu bieten. Sage und schreibe 450 Bücher wurden aus diesem Anlass heuer ins Deutsche übersetzt. Dahinter steht nicht zuletzt das Bemühen von NORLA, einer 1978 gegründeten Organisation, die in erster Linie vom norwegischen Kulturministerium finanziert wird und die Verbreitung norwegischer Literatur im Ausland fördern soll, vor allem durch Zuschüsse für Übersetzungen.