Kaum eines der jetzt erschienenen Bücher kommt im Impressum ohne einen Dank an diese Institution aus. Dass es derzeit so viele norwegische Autoren gibt, liegt aber auch an den vom norwegischen Staat großzügig verteilten Stipendien. Außerdem hat dieser sich verpflichtet, von ausgewählten literarischen Novitäten zwischen 555 und 1500 Exemplaren aufzukaufen und an die öffentlichen Bibliotheken im Land zu verteilen. Bücher sind im Übrigen nicht nur wie bei uns preisgebunden, sondern auch ganz von der Mehrwertsteuer befreit.

Vielleicht ist Norwegen auch deshalb in noch stärkerem Maße das, was man ein Leseland nennen könnte. Im Durchschnitt liest jeder Norweger, jede Norwegerin 15 Bücher im Jahr (zum Vergleich: In Deutschland sind es weniger als zehn, in Österreich knapp vier) - allerdings auch hier mit abnehmender Tendenz.

"Poetokratie"

Als die englische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft im Sommer 1794 nach Skandinavien reiste, war sie zwar durchaus angetan von der in Norwegen herrschenden Freiheit, musste jedoch auch feststellen: "Die Norweger scheinen mir ein verständiges und schlaues Volk zu sein, das aber wenig wissenschaftliche Kenntnisse und noch weniger Sinn für Literatur besitzt."

Die moderne norwegische Literatur beginnt denn auch erst mit Henrik Wergeland (1808-1845), den in seiner Heimat so gut wie jeder, hierzulande aber kaum einer kennt. Mit ihm beginnt aber auch das, was der Erfolgsautor Erik Fosnes Hansen einmal als "Poetokratie" bezeichnet hat - eine lange Zeit, in der sich Dichter als Volksaufklärer verstanden und höhere Wahrheiten verkündeten. Die Literatur war wichtig für die nationale Selbstvergewisserung eines Landes, das erst 1905 seine Unabhängigkeit erlangte (in den Jahrhunderten zuvor war es in verschiedenen Unionen von Dänemark bzw. Schweden aus regiert worden).

Henrik Ibsen (1828-1906), der vermutlich berühmteste norwegische Autor, oder die drei Nobelpreisträger Bjørnstjerne Bjørnson (1832-1910), Knut Hamsun (1859-1952) - der mit dem Makel der Kollaboration mit den Nazis behaftet ist und noch am 7. Mai 1945 einen devot-peinlichen Nachruf auf Adolf Hitler verfasste - und Sigrid Undset (1882-1949), die anders als Hamsun während der deutschen Besatzung (1940- 1945) ins Exil fliehen musste: Sie alle waren mal mehr, mal weniger modern, aber stets mehr als nur Literaten. Erst in den 1960er Jahren setzte eine "Dezentralisierung" der norwegischen Literatur ein, eine Art zweite Modernisierung, in deren Zuge die literarische Vielfalt enorm zunahm, zugleich aber Schriftsteller ihre herausgehobene Stellung verloren.

Einer der Autoren, die damals die literarische Bühne betraten, war Dag Solstad (geb. 1941). Er gilt heute als der bedeutendste lebende Klassiker der norwegischen Literatur - und genießt seit 2011 eine lebenslange steuerfreie Staatsrente von 200.000 Kronen. Dabei hatte er zunächst als überzeugter Maoist begonnen und engagierte politische Romane geschrieben. Berühmt machte ihn aber erst seine "mittlere" Werkphase in den 1990er Jahren, mit vier Romanen über kauzig-traurige Männergestalten: "Elfter Roman, achtzehntes Buch" (1992, dt. 2004), "Scham und Würde" (1994, dt. 2007), "Professor Andersens Nacht" (1996, dt. 2005) und "T. Singer" (1999, dt. 2019) - sie alle wurden mit einiger Verspätung vom rührigen Schweizer Dörlemann-Verlag ins Deutsche übersetzt und zeigen einen brillanten Stilisten, der von Peter Handke für seine "innige und liebende Ironie", seinen "kindlich-bescheidenen Stolz" und seinen "(grundscheuen) Ernst" gepriesen wurde.