"Wenn Sie einem Durchschnittsmenschen seine Lebenslüge rauben, dann nehmen Sie ihm gleichzeitig sein Glück", zitiert Solstad in einem dieser Romane einen berühmten Satz von Ibsen. Und genau darum geht es: Was passiert, wenn die Fassaden von Scham und Würde plötzlich wegfallen und die nackte Existenz zum Vorschein kommt? Solstads heitere Fatalisten erinnern oft ein wenig an die Helden von Wilhelm Genazino, allerdings mit deutlich weniger Hang zum Klamauk. Seit dieser Tetralogie schreibt Solstad nach eigenem Bekunden nur noch "Zugaben" - Romane, die mit der Gattung experimentieren und von einer Kritikerin jüngst sogar für unlesbar erklärt wurden (und von denen nur ein einziger bisher ins Deutsche übersetzt wurde).

Zu den norwegischen Existenzialisten, die sprachlich-erzählerische Eleganz mit einer ungeheuer feinen Beobachtungsgabe verbinden, gehört auch Per Petterson (geb. 1952). Er ist international um einiges erfolgreicher als Solstad, seine Romane sind fast alle bei Hanser auf Deutsch erschienen. "Männer in meiner Lage" heißt sein jüngstes Buch (2018, dt. 2019), und mit diesem Titel könnte man Pettersons Schreiben insgesamt charakterisieren. Fast immer sind es teils jüngere, teils mittelalte männliche Protagonisten, die der Autor in die verschiedensten Lebenskrisen schickt.

Im aktuellen Roman ist es wieder Arvid, ein Alter Ego des Autors, der eine schmerzliche Trennung durchlebt. Und wieder besticht Petterson durch ein ganz eigenes Erzähltempo, durch wunderbare Naturschilderungen und eine zarte Lakonie. Sein personaler Erzählstil sorgt einerseits für Nähe, schafft zugleich aber auch immer eine gewisse Distanz, was womöglich die stets melancholisch angehauchte Intensität seines Realismus erklärt. Petterson vermittelt vielleicht stärker als andere ein Gefühl für das "einfache Norwegen" und die Menschen, die dort leben - ob in den weniger schicken Stadtvierteln Oslos oder in einer Hütte auf dem Land (wie in seinem berühmtesten Roman, "Pferde stehlen"). Als der Schriftsteller Lars Saabye Christensen (geb. 1953) einmal auf der Buchmesse in Paris über das Besondere an der nordischen Literatur, konkreter: über den norwegischen Roman sprechen sollte, notierte er auf einem Zettel lediglich drei Stichwörter: Zeit, Stille und Melancholie.

Per Petterson wäre demnach der norwegische Romancier schlechthin, denn er vereint alle drei Aspekte auf eindringliche Weise. Christensen selbst wäre eher der "Zeit"-Fraktion zuzurechnen: Seinen Durchbruch erlebte er 1984 mit dem Pop-Roman "Beatles" (dt.: "Yesterday"), der in jenen Jahren 1965 bis 1972 spielt, als fraglos Anerkanntes fragwürdig wurde und die Pop-Musik zur kulturellen Leitwährung avancierte.