Siebzehn Jahre später folgte "Der Halbbruder" (dt. 2003), ein vielfach preisgekröntes Buch, das den Autor binnen Jahresfrist zum Millionär machte. Allein in Norwegen wurden 300.000 Exemplare von diesem ausladenden Familienepos abgesetzt, das bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht und dessen Nukleus ein zentrales Datum der norwegischen Geschichte bildet: der 8. Mai 1945. "Die Spuren der Stadt" heißt Christensens jüngster Roman, und auch er spielt wieder in der jüngeren Vergangenheit, nämlich im Oslo der Nachkriegszeit.

Popverdächtig

Dieses Oslo war lange Zeit die eher unspektakuläre, von den Norwegern ungeliebte Hauptstadt. Heute gehört es zu den am schnellsten wachsenden Metropolen Europas - mit allem, was für die inzwischen fast 700.000 Einwohner an positiven und negativen Folgen einer solchen Entwicklung verbunden ist. Als eigentliche literarische Hauptstadt aber gilt noch immer Bergen im Westen des Landes, was vor allem der hier ansässigen Schreibakademie geschuldet ist.

Der wohl bekannteste Schriftsteller Norwegens: Karl Ove Knausgård. - © ullstein bild - Lengemann/WELT
Der wohl bekannteste Schriftsteller Norwegens: Karl Ove Knausgård. - © ullstein bild - Lengemann/WELT

Hier wurde auch der derzeit weltweit wohl popverdächtigste norwegische Autor zum Schriftsteller: Karl Ove Knausgård (geb. 1968). Manche behaupten, in Bergen, dem "Tor zu den Fjorden", dort, wo die inzwischen berühmten Schiffe der Hurtigruten ihre Fahrt in Richtung Nordkap (einem dieser Sehnsuchtsorte des gemeinen Mitteleuropäers) beginnen, in Bergen also könne man vor allem deshalb so gut schreiben, weil es hier dauernd regne.

Rund 280 Regentage im Jahr locken nicht gerade nach draußen, können aber natürlich auch melancholisch machen. Inspirierend und deprimierend zugleich - so ist das Wetter in Bergen (der 2011 verstorbene schottische Sänger Jackie Leven hat den "Rainy Day Bergen Women" einen seiner großartigsten Songs gewidmet).

Wie besonders dieser Regen ist, hat Karl Ove Knausgård im fünften Band seines großen autobiografischen Zyklus, "Träumen", beschrieben: "Auf dem Rückweg begann es zu regnen. Und nicht etwa so, dass es zunächst anfing zu tröpfeln, um sich danach langsam einzuregnen, wie ich es gewohnt war. Hier geschah es von Null auf Hundert in einer Sekunde: In einem Augenblick regnete es nicht, im nächsten fielen Millionen Regentropfen gleichzeitig und ein knisterndes, fast klapperndes Geräusch stieg um mich herum vom Erdboden auf. Ich eilte im Laufschritt abwärts und musste innerlich grinsen, was war das nur für eine fantastische Stadt!"

Knausgårds mehr als viereinhalbtausend Seiten umfassendes autofiktionales Projekt mit dem Titel "Min kamp" (der im Deutschen wohlweislich nicht übernommen wurde), das er mit vier "Jahreszeiten"-Büchern fortgeführt hat und dem er in diesem Herbst mit "So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche. Edvard Munch und seine Bilder" noch einen kleinen, feinen Seitenaltar hinzufügt, ist inzwischen nobelpreisverdächtig.