Weniger ausschweifend, aber vielleicht noch radikaler in der Erkundung und Befragung der eigenen Person ist der nach wie vor in Bergen lebende Tomas Espedal (geb. 1961), der vor allem mit den Gattungen Brief, Tagebuch und Essay experimentiert und eine ganz eigene Form von "Ich-Literatur" geschaffen hat. "Das Jahr" heißt sein aktuelles Buch (wie immer bei Matthes & Seitz), und es handelt wie immer - dieses Mal noch eine Spur poetischer, als eine Art Diarium in Versen - von Liebe, Verlust und Tod, von Altern und Verzweiflung, von Stagnation und der ewigen Wiederholung des Immergleichen, aus der uns allein die Literatur, das ewige Weiterschreiben zu retten vermag.

Auch Merethe Lindstrøm wurde 1963 in Bergen geboren, und bei ihr geht es kaum weniger düster zu als bei Espedal. Ihr neues Buch steht paradigmatisch für die stille Seite der norwegischen Literatur: "Tage in der Geschichte der Stille" heißt es (im Original 2011 erschienen), und der eigentliche Kern dieses Romans ist, wie sollte es anders sein, das Schweigen.

Bokmål und Nynorsk

Eher gesprächig hingegen ist ein anderes opulentes Autobiographieprojekt: Ketil Bjørnstad (geb. 1952), im Zweitberuf Pianist, schreibt über jedes seiner Lebensjahrzehnte einen voluminösen Band. "Die Welt, die meine war" heißt es, auf Deutsch liegen die beiden Bände über die 1960er und die 1970er Jahre vor, im Original ist er schon in den 1990er Jahren angelangt, und am Ende dürfte das Ganze ähnlich wuchtig (wenn auch nicht ganz so gut) werden wie Knausgårds "Kampf" mit dem eigenen Leben.

Die meisten Autoren schreiben auf Bokmål, einer der beiden Standardvarietäten des (Schrift-) Norwegischen, die von rund 85 Prozent der Bevölkerung verwendet wird. Daneben gibt es noch Nynorsk, das vor allem an der Westküste (mit Ausnahme Bergens) verbreitet ist und vom Rest des Landes mitunter etwas herablassend betrachtet wird. Der wohl bedeutendste Vertreter dieser Minderheitensprache ist der Dramatiker und Romancier Jon Fosse. Seine Stücke werden weltweit gespielt, und seine Romane sind in einer stark rhythmisierten, lyrischen, von ihm selbst als "langsam" bezeichneten Prosa verfasst, die wie ein Solitär in der norwegischen Literaturlandschaft steht. "Der andere Name. Heptalogie I-II" heißt der erste Band einer Trilogie, der jetzt auf Deutsch erscheint: Wieder geht es, wie schon in Fosses Meisterwerk "Melancholie" (1995/96, dt. 2002), um einen Maler, und wieder erweist sich Fosse als Sprachkünstler von fast schon metaphysischen Gnaden.