Er kehrte nach Frankreich zurück, musste das Land nach der Besetzung durch die Nationalsozialisten wegen seiner jüdischen Herkunft verlassen. In New York erhielt er eine Stelle an der New School for Social Research und begeisterte sich für das Leben in der pulsierenden Großstadt. Er habe dort die schönste und reichhaltigste Zeit seines Lebens verbracht und einen Großteil seiner ethnologischen Kenntnisse erworben, bekannte er in einem Interview. In New York lernte Lévi-Strauss neben führenden US-Ethnologen wie Franz Boas, Ruth Benedict oder Margret Mead auch surrealistische Schriftsteller und Maler wie André Breton oder Max Ernst kennen.

Die Surrealisten wandten sich gegen die Vorherrschaft des Rationalismus, der die europäische Kultur entscheidend geprägt hatte. Durch die Bekanntschaft mit den surrealistischen Künstlern kam Lévi-Strauss mit deren Assoziationstechnik in Kontakt. Sie war für den Ethnologen, wie er später bemerkte, eine wichtige Propädeutik, um die ebenfalls surrealen Konfigurationen der Mythen lesen zu können.

Die weitaus folgenreichste Auswirkung hatte die Bekanntschaft mit dem Sprachwissenschafter Roman Jakobson, die eine vierzig Jahre lang andauernde "Freundschaft ohne Brüche" begründete. Jakobson, der von 1896 bis 1982 lebte, vermittelte Lévi-Strauss die Ergebnisse der damals neuen strukturalen Linguistik: Die Erforschung der phonologischen Bestandteile der Sprache sollte zur Entdeckung allgemeiner Gesetze führen, die die Lautsysteme strukturieren.

Die Begegnung mit Jakobson veranlasste den Franzosen, das Konzept der Struktur auf die Verwandtschaft anzuwenden. Die Umsetzung dieser Programmatik erfolgte in dem 1949 publizierten Werk "Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft", in dem er aufzeigte, dass Verwandtschaftsverhältnisse - unabhängig von einer geographisch begrenzten Kultur - gleiche Strukturen aufweisen. Diese Strukturen untersuchte Lévi-Strauss mit Hilfe von Diagrammen und mathematischen Schemata; diese Vorgangsweise trug ihm den Ruf ein, den Strukturalismus - zumindest in Frankreich - begründet zu haben. Ausgehend von diesen Analysen der Heiratsregeln, betonte Lévi-Strauss die Bedeutung des Frauentausches für den Zusammenhalt von Stammesgesellschaften.

"Das wilde Denken"

Die These des Wissenschafters, dass der Frauentausch ein wesentliches Element des gesellschaftlichen Lebens sei, stieß vielfach auf heftige Kritik von Feministinnen. Der Ethnologe verteidigte sich mit dem Argument, dass der Frauentausch in nahezu allen sogenannten primitiven Gesellschaften anzutreffen war; er wollte nur eine Tatsache beschreiben und keine Wertung vornehmen. Das war ein Argument, dem auch Simone de Beauvoir - die Feministin der ersten Stunde - beipflichtete.

Nach einem Zwischenspiel als französischer Kulturattaché in den Vereinigten Staaten erhielt Lévi-Strauss 1950 einen Lehrstuhl für Vergleichende Religionswissenschaften der schriftlosen Völker an der École pratique des hautes études in Paris und 1959 einen Lehrstuhl für Anthropologie am renommierten Collège de France.

1955 wurde das mittlerweile zum Kultbuch avancierte Werk "Traurige Tropen" publiziert, das neben ethnographischen Berichten und philosophischen Reflexionen auch persönliche Notizen enthält. Darin beschrieb Lévi-Strauss Herrschaftsstrukturen, Verwandtschaftsbeziehungen, Handwerkstechniken, Kommunikationsweisen und Handelsstrategien der unterschiedlichen indigenen Gruppen. Das Fazit der Forschungsreisen des Wissenschafters zu verschiedenen brasilianischen Gesellschaften lautete: "Das sind Völker, die das Wunder geschafft haben, im Einklang mit ihrem natürlichen Umfeld zu leben, und die Natur respektieren, die Tiere und die Pflanzen. Ich glaube, unsere Gesellschaften können viel von ihnen lernen."