1840 kam Simony mit 27 Jahren zum ersten Mal in die Dachsteinregion, vernarrte sich in diesen Gebirgsstock und machte ihn, abgesehen von ein paar intensiven Seitensprüngen mit dem Großvenediger, zu seinem lebenslangen alpinen und naturwissenschaftlichen Eldorado zugleich. Simonys akademisches Goldschürfen nach Wissen und Einsicht führte ihn tief nach unten und weit hinauf. Als ihn Adalbert Stifter 1846 in Hallstatt besuchte, waren am Boden seines Arbeitszimmers eine Winde und die dazugehörige Messschnur zum Trocknen ausgelegt, mit denen Simony die Tiefen des Hallstätter Sees auslotete.

Stifters Begeisterung

Bergschuhe, Steigeisen, Geologenhammer lagen auf Tischen neben getrockneten Pflanzen, Schwersteinen und Schreibzeug; an den Wänden hingen Panoramen, Tiefenkarten, Landschaftsskizzen; Zeichenrequisiten, Bücher sowie ein Klavier füllten den Rest des Raumes und ließen Stifter freudig in die Hände klatschend ausrufen: "Das nenn’ ich mir eine Arbeitsstube, wo es unsereinen natürwüchsig anheimelt, da herrscht noch nicht die Tyrannei der ewig aufräumenden Hausfrau." Beeindruckt von derartiger Freiheit und Simonys Esprit, setzte ihm der Schriftsteller im Roman "Nachsommer" mit der Charakterisierung der Hauptfigur und dem im Text beschriebenen fiktiven "Simmigletscher" ein literarisches Denkmal.

Als Inspirationsquelle war Simony zweifellos auch wegen seiner Abenteuerlust, die ihn sogar im Winter und entgegen allen Warnungen der Einheimischen auf "seinen" Dachsteingipfel steigen ließ, und aufgrund seiner "exzentrischen Persönlichkeit" geeignet, wie Bonartes-Ausstellungskuratorin Magdalena Vuković, den Geografen und Glaziologen beschreibt.

Für die Arbeit der Fotohistorikerin entscheidend sind jedoch Simonys Qualitäten als Fotograf und "Apostel des Anschauungsunterrichts", die er als erster Professor für Geografie an der Universität Wien an seine Studierenden vermittelte und mit seinem 1889 bis 1895 erschienenen "geographischen Charakterbild" über das Dachsteingebirge zur Meisterschaft brachte: "Simonys jahrzehntelange Auseinandersetzung mit Landschaftsdarstellungen für den wissenschaftlichen Gebrauch fand in diesen Hochgebirgsfotografien ihren Höhepunkt."

Glaziale Inschriften

Angetrieben wurde Simonys anfangs zeichnerische und später fotografische Spurensuche nach den Hinterlassenschaften der uralten und nach wie vor wirkenden Gletscherkräfte von seiner Überzeugung, "dass der Boden, welcher uns umgibt, seine Geschichte in seinem Antlitz verzeichnet enthält. Allerdings sind es Hieroglyphen, in welchen dieselbe geschrieben ist, aber sie können entziffert werden von Jedem, der sich Mühe gibt, sie zu studiren".

Friedrich Simony, "Das Carls-Eisfeld am 27. September 1890", Lichtdruck. - © Sammlung Andreas Aichinger
Friedrich Simony, "Das Carls-Eisfeld am 27. September 1890", Lichtdruck. - © Sammlung Andreas Aichinger

In den Jahrzehnten, bevor sich Simony an die Übersetzung der glazialen Inschriften der Dachsteingletscher machte, hatten sich bereits Forscher in den französischen Alpen auf die Suche nach dem alpinen "Stein von Rosette" gemacht, mit dessen Hilfe die Aufwölbung der Berge und Absenkung der Täler erklärt und die darin verzeichneten Gletscher-
Hieroglyphen entziffert werden konnten. Riesige Fossiliensammlungen entstanden, die nicht nur auf ausgestorbene Arten verwiesen, sondern auch als Beweis gedeutet werden konnten, dass der Planet enorme klimatische und topographische Umwälzungen durchgemacht hatte.