Die orthodoxe, nach wie vor auf wörtlich ausgelegten biblischen Erzählungen beruhende oder zumindest mit ihnen in Einklang stehende Wissenschaft wehrte sich gegen derartige neue Theorien: Fossilien seien die Überreste jener Geschöpfe, welche keinen Platz in der Arche Noah fanden, riesige im flachen Land verstreute erratische Blöcke seien von der Sintflut hinterlassene Gesteinstrümmer, und die seltsamen vertikalen Felsschichten in den Alpen und anderen Gebirgen verdankten sich wohl Gottes Mechanik bei der Schaffung der Welt.

Doch jeder Forscher, der mit seinem Hammer durch die Alpen zog und mit Gesteinsproben, Messergebnissen und vollgezeichneten Notizblöcken in die Hörsäle zurückkam, steigerte das Unbehagen und befeuerte die ketzerische Meinung, dass das orthodoxe Wissenschaftsdenken nicht der Wirklichkeit entsprach. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurden die Stimmen immer lauter, die allein den Gletschern die zur Beförderung von erratischen Blöcken fähige Naturkraft zutrauten.

Einer dieser Zweifler war Louis Agassiz, ein Schweizer Pfarrerssohn und fünf Jahre älter als Simony. Bei einer Gletscheruntersuchung 1836 in Bex stürzte sein bis dato stabiles orthodoxes Wissensgebäude ein. Er verkündete nach diesem akademischen Damaskus-Erlebnis, Eis sei einst allgegenwärtig gewesen und die gesamte europäische Landschaft wäre von Gletschern als "die große Pflugschar Gottes" geformt. Ein radikaler Bruch mit allen bisher gedachten und gelehrten Theorien.

"Wenn man Agassiz einmal zugesteht, daß seine tiefsten Schweizer Täler (. . .) einst mit Schnee und Eis gefüllt waren, dann sehe ich keinen Halt mehr", brüllte Sir Roderick Murchison von derRoyal Geographical Society. Und selbst der Agassiz wohlgesinnte Forscherkollege Alexander von Humboldt, unorthodoxem Denken ansonsten nicht fremdstehend, riet dem Sturm-und-Drang-Eiszeitverfechter, die Gletscher sein zu lassen und zu seinem Kernthema, den Fossilfischen, zurückzukehren.

"Wiener Zeitung"-Artikel

Aber der "faule Zauber", wie Agassiz’ Thesen verurteilt wurden, zeigte zur Bestürzung der organisierten Wissenschaft Wirkung und fand überall in Europa Anhänger, die sich auf Recherchetouren ins Hochgebirge machten. Und so wie Agassiz 1840 ein Forscherlager unter einem überhängenden Felsen auf halber Strecke der Mittelmoräne des Unteraar-Gletschers im Berner Oberland aufschlug, so bezog Friedrich Simony die "Jodlerhütte" in der Wiesalpe oberhalb von Hallstatt als Ausgangspunkt für seine Gletschermessungen und Untersuchungen der vielfältigen Erosionsformen.

Waren ihre Unterkünfte auch bescheiden, ihre wissenschaftliche Inventarliste stand mit Barometer, Thermometer, Hygrometer, Hypsometer, Mikroskop und - nicht zu vergessen - einer Vorrichtung zum Bohren von Löchern ins Gletschereis auf der Höhe ihrer Zeit. Der höchste Ausrüstungsstandard war auch notwendig, galt es doch nichts Geringeres zu beweisen als "Die Spuren der vorgeschichtlichen Eiszeit im Salzkammergute", wie Simony seinen in zwei Teilen in der "Wiener Zeitung" vom 3. und 17. Mai 1846 erschienenen Aufsatz betitelte.