"Noch immer findet die Hypothese, daß einst Europa, oder doch ein großer Theil desselben, vorzüglich das Alpenland, unter großen Gletschermeeren begraben lag, trotz der mannigfaltigsten Thatsachen, auf welche bereits die Geologen Charpentier, Venetz, Agassitz, Forbes, Hugi u. a. ihre Ansichten begründet haben, zahlreiche Widersacher", erklärte Simony zu Beginn des Artikels den Grund für seine Ausführungen.

Um dann nach einer detaillierten Auflistung zahlreicher Gletscher-Hieroglyphen und ihrer Übersetzung festzuhalten: "Ueberschauen wir nun noch einmahl alle bisher beschriebenen Thatsachen und fassen wir die Erklärungen, die wir für sie bereits teilweise aufgesucht haben, zusammen, so ergibt sich, daß wir aus den verschiedenen Karrengebilden und aus dem erratischen Schütte, welche beyde in bestimmter Ausdehnung vorzugsweise auf dem Dachsteinstocke, dann aber auch auf den übrigen bedeutenderen Gebirgen des Salzkammergutes gefunden werden, mit Evidenz das einstige Vorhandenseyn weit ausgedehnter Gletscher, die sich, mindestens stellenweise, bis an den Fuß der genannten Alpen erstreckt hatten, nachweisen können."

Heute dienen Simonys Studien und Fotografien zur Dokumentation des Gletscherrückgangs und als "Symbol des anthropogenen Klimawandels", schreibt Andrea Fischer, die Leiterin des Instituts für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Innsbruck, im Katalog zur Bonartes-Ausstellung. Simonys Darstellungen von Gletschern und glazialen Landschaftsformen haben wesentlich zur modernen Klimaforschung beigetragen, attestiert sie einem der Begründer ihrer Wissenschaft. Durch Simonys "akribische Dokumentation der Veränderungen des Karleisfeldes (heute: Hallstätter Gletscher) am Dachstein stellt dieser Gletscher heute einen der am besten dokumentierten dar. Im Jahr 2006 wurde aus diesem Grund das Monitoring der Änderungen des Hallstätter Gletschers wieder aufgenommen.

Radikale Prognosen

Die dabei angewandten wissenschaftlichen Methoden "unterscheiden sich im Prinzip nicht substanziell vom Ansatz Simonys", erklärt Fischer. Und auch im Ergebnis gibt es Parallelen. Nach wenigen Jahren, in denen Simony noch ein Vorrücken der Dachstein-Gletscher messen konnte, musste er von 1856 an einen kontinuierlichen Rückgang feststellen - der bis heute nicht nur anhält, sondern in den letzten Jahrzehnten massiv zugenommen hat.

- © Machreich
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Im Schnitt geht die Eisdicke der österreichischen Gletscher jährlich um einen Meter zurück. In den nächsten 20, 30 Jahren wird somit viel an Eisdicke verloren gehen - und weniger an Gletscherfläche, sagen die Experten voraus, da vor allem die großen Gletscher, wie etwa die Pasterze am Großglockner, noch über relativ dicke Eiszungen verfügen. Danach aber werde, sollten sich die klimatischen Rahmenbedingungen nicht ändern, der Verlust an Fläche umso schneller erfolgen. Andrea Fischers Szenario lautet: "In 150 Jahren ist alles weg - aus derzeitiger Sicht spricht nichts gegen diese Prognose. Selbst unter derzeitigen Klimabedingungen ist ein Großteil der Alpengletscher nicht haltbar. Auch wenn der Klimawandel nicht fortschreitet, gibt es eine massive Gletscherreduktion."