1885 trat Simony in den Ruhestand, fünf Jahre später bestieg er ein letztes Mal den Dachstein, 1896 starb er. Seither ist die Temperatur in den Alpen kontinuierlich gestiegen, seit 1880 um zwei Grad. Das heißt, die bei diversen Klimagipfeln als Mindestziel angestrebte Begrenzung der globalen Erwärmung auf unter zwei Grad Celsius ist in den Alpen jetzt schon erreicht.

Für den Züricher Glaziologen Wilfried Haeberli geht mit dem Gletscherschwund auch ein Verlust an Heimatgefühl einher: "Die Leute lieben die Gletscher und trauern, wenn sie nicht mehr da sind", sagte er vor einigen Jahren bei einem Treffen von Gletscherforschern und Journalisten im Rauriser Tal: "Und die Leute fangen an zu realisieren, dass wir vielleicht nicht unschuldig an dieser Entwicklung sind. Die entgletscherten Alpen werden für die kommenden Generationen ein Beweis dafür sein, was letztlich unsere Generation verursacht hat."

"Heißzeitgedanken"

Wobei sich dieser Beziehungszusammenhang zwischen Mensch und Gletscher schon in den uralten Sagen findet, die das Vordringen der Gletscher als Reak-
tion auf das in Saus und Braus lebende, selbstsüchtige und arme Bittsteller abweisende Alm- und Bauernvolk erklärt. Werner Slupetzky, Pinzgauer Gletschermesser mit Wiener Wurzeln, zieht in einem Artikel mit dem Titel "Heißzeitgedanken" im Alpenvereins-Magazin "Bergauf" auch für die heutige Zeit eine Parallele zwischen menschlichem Verhalten und Gletscher-Reaktion:

"Man könnte auf den Gedanken kommen, die Überhitzung der Gemüter, die Hektik, Stress, der seelische Druck und Überdruck der Menschen führt zu einer Überhitzung der Erde. Die Außenweltüberhitzung ist abhängig von unserer Innenweltüberhitzung." Der deutsche Volkskundler Martin Scharfe kommt zum gleichen Resümee, wenn er die Alpen den empfindlichsten Seismographen für die Wirkungen der menschlichen Zivilisation nennt: "Es grinst uns also heute aus den Alpen die Fratze unserer eigenen kulturellen Bedürfnisse und Lüste entgegen."

- © Machreich
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Die schmelzenden Gletscher werden somit zum Demonstra-
tionsphänomen für den Klimawandel schlechthin. Für Friedrich Simony keine Überraschung, waren die Gletscher für ihn doch immer schon das "wandelbarste aller starren Gebilde der Erdoberfläche". Würde er heute noch leben, am Rande seiner Dachsteingletscher stehen und eine Trauerprozession die Moränenkegel heraufmarschieren sehen, würde er sich ihr wohl anschließen, aber nicht ohne Geologenhammer und Fotoapparat in den Händen - und mit einem "von wunderbarer Klarheit" geprägten Blick für "die Natur, auf der wir leben, in der es kein Verharren geben kann".