Ignoranz als Kommunikationsstrategie schließt den anderen aber nicht immer völlig aus. Schließlich ist auch das Entstehen einer eigenen Spielart ignoranter Kritik zu beobachten: Diese verschwendet keine Zeit damit, Gegenargumente zu formulieren, sondern greift die denkbar dümmsten Argumente für etwas auf, das es zu kritisieren gilt, und arbeitet sich an diesen ab.

Dass diese Argumente oft nur als Scheinargumente erfunden wurden, ist dabei Nebensache - der Gegenstand der Kritik kann trefflich ignoriert werden, stattdessen werden fröhlich andere Bilder gezeichnet, in denen jene, die es eigentlich betreffen sollte, tunlichst nicht zu Wort kommen. Political Correctness oder Feminismus sind besonders häufig Gegenstand ignoranter Kritik; Positionen liberaler Sozialpolitik oder Reflexionen zu Männlichkeit werden aber ebenso gern Zielscheibe. Warum, wenn diese unerfreulichen Szenarien so leicht erkennbar sind, wenn sie all dem widersprechen, was vernünftige Menschen von Kommunikation erwarten, ist Ignoranz dann trotzdem die zeitgenössische Allzweckwaffe der Kommunikation schlechthin?

Es liegt daran, dass wir neugierig sind und dass wir lange Zeit wohl doch an das Gute in unserem Gegenüber glauben. So smart wir in unseren Augen auch sein mögen, grundsätzlich gehen wir doch immer erst einmal davon aus, dass unser Gegenüber eher nicht lügt. Im Alltag unterstellen wir Menschen, die Wahrheit zu sagen.

Neues ist verlockend

Und widersprüchliche Signale, mit denen wir vorerst gar nichts anfangen können, wecken unsere Neugier. Sie scheinen auf den ersten Blick den größten Neuigkeitswert zu liefern. Die Philosophen Rudolf Carnap und Yehoshua Bar-Hillel haben dieses Paradox in ihren Überlegungen zur Informationstheorie formuliert: Ein Merkmal von Information, so die Überlegung, ist auch Neuigkeitswert; Information besteht aus Daten, die einen Unterschied machen. Das bedeutet auch: Je plausibler etwas ist, je direkter etwas mit Mitteln der Logik hergeleitet ist, desto weniger neu ist es. Es ist dann eigentlich keine Information mehr.

Der Haken dabei: Was mit Mitteln der Logik hergeleitet ist, das können wir verstehen. Bei allem anderen fehlt uns zuerst einmal die Möglichkeit, es einzuordnen, uns fehlt der Zugang, es zu verstehen. Auch das ist dann letztlich keine Information, weil es für uns keinen Sinn ergibt. Aber weil es neu ist, ist es verlockend.

Das Unerklärliche sind aber nicht immer spektakuläre Ereignisse in der Weltgeschichte, die die Regeln der Gesellschaft auf den Kopf stellen. Manchmal ist es schlicht Blödsinn. Oder es ist gar nicht so neu. Im Dunstkreis dynamischer Generationendebatten oder aktivistischer Abgrenzungsdiskurse erheben Akteure gern den Anspruch auf Teilhabe an einer Welt, die die anderen nicht mehr verstehen. Für manche ist vielleicht dieses wohlige Gefühl, etwas Neuem gegenüberzustehen, ausreichend - das soll dann nicht durch komplizierte Erklärungen zerstört werden, die den Reiz des Neuen trüben.

Andere nehmen einmal geweckte Neugier als Anlass, das Objekt der Neugier verstehen zu wollen. Sie suchen mehr Information und verbindende Elemente. Für diese Menschen ist es enttäuschend, wenn Erklärungen auf die schlichte Wiederholung der Behauptung, allenfalls ergänzt mit "Ist so", reduziert bleiben. Und es scheint keinen größeren Affront zu geben als nachzulesen, anzuerkennen, das Gespräch zu suchen und festzustellen, dass es sich immer noch um den gemeinsamen Planeten handelt. Das nimmt dem vermeintlich Einzigartigen, das alle Verbindungen kappen wollte, seine Besonderheit - das nimmt der Ignoranz ihren Glanz.