Die Vision des Feminismus ist nicht eine ,weibliche Zukunft‘. Es ist eine menschliche Zukunft. Ohne Rollenzwänge, ohne Macht- und Gewaltverhältnisse, ohne Männerbündelei und Weiblichkeitswahn." Johanna Dohnal hätte mit dieser Definition so manche aktuell im Widerstreit mit anderen liegende feministische Position an einen Tisch gebracht. Zumindest der erste Teil davon. Sich heute als Feministin zu bezeichnen - damit ist es nicht mehr getan. Es ist kompliziert geworden. Was konkret unter Feminismus zu verstehen sei, ist längst nicht mehr klar. Wenn es das jemals war. Das musste auch Alice Schwarzer bei ihrem jüngsten Wien-Besuch erfahren, wo ihr lautstark von Studierenden vorgeworfen wurde, sie vertrete einen veralteten, einen längst überholten Feminismus.

Doch dahinter steckt mehr als eine bloße Generationenablöse. Unter der Fahne des Feminismus segeln heute höchst unterschiedliche Unternehmungen. Da wird für mehr oder für weniger Geschlechterdifferenz gekämpft, gegen Abtreibungsverbote demonstriert, die Abschaffung der Kategorie Geschlecht überhaupt gefordert, die Unterdrückung schwarzer Frauen oder das sexistische Schönheitsdiktat angeprangert und gleichzeitig für oder gegen das Kopftuchverbot sowie für oder gegen die Berufstätigkeit von Müttern argumentiert. Dazu bezeichnen sich Popstars wie Beyoncé und Prominente wie Präsidententochter Ivanka Trump als Feministin. Selbst männliche Spitzenpolitiker wie der deutsche Finanzminister Olaf Scholz nennen sich stolz Feminist.

Allumfassende Antidiskriminierungsformel

Der Feminismus, so scheinen diese Beispiele zu suggerieren, ist breiter aufgestellt denn je. Er ist der Mitte der Gesellschaft angekommen, längst kein Schimpfwort für vermeintlich Männer hassende Frauen mehr, sondern zum schmückenden Moral-Attribut für Menschen jeglichen Geschlechts geworden. Feminismus - aber sicher doch, was sonst?! Mehr noch: Feminismus scheint zu einem Motor im Kampf gegen Diskriminierung an sich geworden. Homo-, Inter- und Transsexuelle, wegen ihrer Herkunft oder Religion, wegen ihres Alters oder Bodymassindex benachteiligte Menschen - sie alle finden Schutz unter dem wehenden Gleichstellungsbanner des Feminismus. Alles gut also?

Mitnichten. Mit der Omnipräsenz des Begriffes und der Vielzahl der Unterthemen ist Feminismus zur allumfassenden Antidiskriminierungsformel geworden - und erhält damit als Teil einer moralisierenden Wertedebatte den Geschmack einer Leerformel. Zudem schreibt dieser neue Feminismus als große Solidaritätsbewegung mit allen Unterdrückten den Opferdiskurs weiter fort. Denkt man diese Logik weiter, wird Feminismus irgendwann mangels vereinendem Gegner verpuffen - ohne etwas an den gesellschaftlichen Realitäten geändert zu haben: Schließlich wird so gut wie jede und jeder aus irgendwelchen Gründen diskriminiert. Der derartigen Ausweitung der feministischen Kampfzone droht so das Sich-Zerfransen in Parallelschauplätzen.