Die alte Forderung von Feministinnen, bei Frauenrechten handle es sich um Menschenrechte, wird hier überspitzt. Niemand, so der Tenor, soll seiner Herkunft, seines Geschlechtes oder seiner Religion wegen unterdrückt werden. Als generelle Antidiskriminierungsgruppe erhebt dieser neue Feminismus den Anspruch einer Wertedebatte - und streicht ihn damit von der praktischen politischen Agenda. Aktionistisch, moralisch und unpolitisch - das sind die kritischen Schlagworte, die sich dieser neue Feminismus gefallen lassen muss.

Vor allem aber: Die Zahlen sprechen eine andere Sprache - von der sich nicht schließenden Lohnschere über den nach wie vor verschwindend geringen Frauenanteil in Chefetagen bis hin zur aktuellen Gewaltserie. An der Lebensrealität der meisten Frauen geht die Feierstunde des neuen Feminismus ziemlich vorbei. Zugleich suggeriert der breite Diskurs aber, es herrsche ein breiter Konsens über die selbstverständliche Gleichwertigkeit von Mann und Frau, es sei also alles getan. Doch jenseits privilegierter, bildungsnaher Schichten ist von Gleichstellung oft kaum die Rede. Ganz im Gegenteil: Soziologen beobachten nicht nur hier die Rückkehr zu traditionellen Rollenbildern. Die Frau bleibt zuhause bei den Kindern oder hilft halbtags in der Firma des Mannes mit, das ist ein nach wie vor beliebtes Modell von Familienorganisation.

Feminismus als Konzept für eine ganze Gesellschaft

Doch die Erweiterung des feministischen Bezugsrahmens geht auch in eine andere Richtung. Auch hier geht es darum, eine breitere Basis für einst ausschließlich von Frauen vorgetragenen Forderungen nach der Veränderung gesellschaftlicher Gegebenheiten zu schaffen. Nicht nur im deutschsprachigen Raum hat sich spätestens in Folge der nicht unproblematischen MeToo-Debatte eine praktisch orientierte Gruppe an Denkerinnen herauskristallisiert, die versucht, sich (wieder) auf Themen konzentrieren, bei denen Frauen diskriminiert werden, weil sie Frauen sind. Genauer gesagt: wo Menschen ihres Geschlechts wegen schlechtergestellt sind. Und das sind nach wie vor meist Frauen.

Feminismus denken sie als eine die ganze Gesellschaft betreffende Bemühung, Gleichwertigkeit vor Gleichmacherei zu stellen und Wege aufzuzeigen, von denen alle profitieren - und nicht Frauen Männern etwas wegnehmen oder umgekehrt. "Eine emanzipierte Frau ist nicht notwendigerweise queer oder lesbisch", grenzt etwa die deutsche Philosophin Svenja Flaßpöhler ihre Position ab. Zentral ist ihr ein Konzept, das Weiblichkeit aufwertet - ohne dafür Männlichkeit abzuwerten. Der ewige Opferdiskurs müsse ein Ende haben, ist eine ihrer zentralen Forderungen, (auch) Frauen müssen in ihre eigene Potenz finden. Auch die Philosophin Lisz Hirn setzt in der Geschlechterfrage mehr auf das Vereinende und auf Selbstermächtigung, wenn sie für ein Ethos der gleichberechtigten Elternschaft plädiert. Von einer Gleichstellung würden in ihrer Analyse beide Seiten profitieren.

Ewiger Stolperstein der fehlenden Frauensolidarität

Auch diese Position des neuen Feminismus entwickelt bisherige weiter. Doch die Verbreiterung findet anders statt: Die Gleichstellung der Geschlechter, so die Grundthese, kann nur gelingen, wenn Männer und Frauen sich gemeinsam dafür einsetzen, weil sie beide Vorteile (für sich) darin erkennen. Ausgehend von dieser gesamtgesellschaftlichen Perspektive wird der Forderungskatalog deutlich konkreter - und politischer: Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, faire Pensionsansprüche für Mütter oder Quotenregelungen in Spitzenpositionen. Aber auch Rahmenbedingungen, die Männern wie Frauen gemeinsam verantwortete Elternschaft und Familienorganisation erlauben - von flexibler Kinderbetreuung über geteilte Karenzen bis hin zu besserer Bezahlung von Pädagoginnen und Pädagogen oder der Aufwertung häuslicher Arbeit etwa in der Pflege.