- © Wiener Zeitung/Moritz Ziegler
© Wiener Zeitung/Moritz Ziegler

Geschichte ist nur scheinbar eine abgeschlossene Sache. Tatsächlich macht sich jede Generation aufs Neue einen Reim auf die Vergangenheit. Entsprechend wechseln die Perspektiven und Rückschlüsse. Der Historiker Ernst Bruckmüller hat eine neue, 692 Seiten starke und dennoch kompakte Geschichte Österreichs vorgelegt. Die "Wiener Zeitung" traf ihn zum Gespräch.

"Wiener Zeitung": Gibt es für Sie so etwas wie eine sich durch die Geschichte der letzten Jahrhunderte ziehende Idee von Österreich?

Ernst Bruckmüller: Dass hinter unserer Geschichte eine Schöpfungsidee stehen könnte, von diesem Glauben müssen wir uns wohl, so fürchte ich jedenfalls, verabschieden. Österreich hat keine übernationale Sendung, weder im mitteleuropäischen noch im deutschsprachigen Raum. Österreich ist, so wie es heute dasteht, tatsächlich ein Überbleibsel, das vor allem von der Bedeutung seiner Hauptstadt Wien getragen wird. Alleine diese Hauptstadt ist, so wie alle großen Städte dieser Welt, etwas Besonderes. Und dieses Besondere ist es wert, dass wir es erhalten und pflegen. Damit dies gelingen kann, ist es wiederum notwendig, dass wir als staatliche Einheit über die Pflege dieses Erbes übereinstimmen. Gottseidank haben wir diesen Konsens. Das ist sehr viel wert, auch im Hinblick auf die Entwicklung eines gemeinsamen Europas, wo jeder Teil seine Kultur und Geschichte einbringen soll, ja muss.

Trotzdem reden Politiker von einer "historischen Rolle" Österreichs: Auch Intellektuelle und Manager sehen das Land als Brückenbauer nach Mittel- und Osteuropa, ja als neutralen Vermittler. Ist das nur Wunschdenken?

Die erste Aufgabe eines jeden Staats besteht darin, dass er zunächst der eigenen Bevölkerung eine vernünftige Lebensgrundlage bietet, einen festen Rahmen für die politische und wirtschaftliche Existenz. Darüber hinaus ergibt sich für Österreich die Rolle, für diese Europäische Union, deren Mitglied wir seit 1995 sind, sinnvoll und konstruktiv zu wirken. Was unsere Rolle als Brückenbauer nach Osteuropa angeht, so fürchte ich, ist in den letzten Jahrzehnten nicht allzu viel geschehen. Vielleicht ist das aber auch ein Glück, weil ja in Prag, in Budapest oder Warschau Österreichs historische und gegenwärtige Rolle nicht immer nur positiv gesehen wird. Von daher ist es womöglich ganz gut, wenn wir uns nicht zu wichtig in diesem Raum machen, der ja erst durch Emanzipation von Österreich zu seiner heutigen staatlicher Eigenständigkeit gefunden hat.

Folgt man Friedrich Heer, hat sich Österreichs Identität stets in der Auseinandersetzung mit inneren wie äußeren Feinden entwickelt: Katholiken gegen Protestanten, Christen gegen Osmanen, Deutsche gegen Slawen, Haus Habsburg gegen Preußen und schließlich Christdemokraten gegen Sozialdemokraten. Brauchen wir solche Gegnerschaften mehr als andere?