Literaturpreise und Bestsellerlisten sind bekanntlich nicht die schlechtesten Seismografen dafür, was eine Gesellschaft bewegt, wonach sie sich sehnt und wovon sie möglicherweise lieber nichts wissen will. Psychologen dürften aus den Buchverkaufsschlagern eines Landes recht problemlos auf den Seelenzustand des jeweiligen Volkes schließen (können).

Neben den üblichen Verdächtigen - Gesundheit, Älterwerden, Glücklichsein - zeichnet sich dabei hierzulande in jüngster Zeit ein neuer Trend ab: Naturbücher, Ökoliteratur, grüne Themen aller Art. Die Bestseller von Peter Wohlleben und Maja Lunde, also Baum- und Bienenbücher, sind dabei nur so etwas wie - dieses Bild wird leider irgendwann dem Klimawandel zum Opfer fallen - die Spitze des Eisbergs.

"Nature Writing" ist inzwischen auch im deutschsprachigen Raum zu einem neuen, nicht wirklich übersetzbaren Gattungsbegriff geworden. Seit 2017 vergeben der Berliner Verlag Matthes & Seitz und das Bundesamt für Naturschutz (BfN) jährlich den Deutschen Preis für Nature Writing, einen mit immerhin 10.000 Euro dotierten Literaturpreis für deutschsprachige literarische Veröffentlichungen mit ausgeprägtem Naturbezug (wobei bisher in erster Linie Lyrikerinnen ausgezeichnet wurden). Und einer der bedeutendsten Vertreter dieses Schreibens, der Brite Robert Macfarlane, hat in diesem Jahr für sein Buch "Im Unterland. Eine Entdeckungsreise in die Welt unter der Erde" den derzeit wichtigsten deutschen Sachbuchpreis von NDR Kultur erhalten.

Reihe "Naturkunden"

Vor allem der Verlag Matthes & Seitz hat sich zu einem Hort des Nature Writing entwickelt. Dort ist seit 2013, betreut von der Autorin und Buchgestalterin Judith Schalansky, die Reihe "Naturkunden" beheimatet, und in ihr erscheinen "Bücher, die von der Natur erzählen, von Tieren und Pflanzen, von Pilzen und Menschen, von Landschaften, Steinen und Himmelskörpern, von belebter und unbelebter, fremder und vertrauter Natur. Der Name der Reihe ist Programm: Hier wird keine bloße Wissenschaft betrieben, sondern die leidenschaftliche Erforschung der Welt: kundig, anschaulich und im Bewusstsein, dass sie dabei vor allem vom Menschen erzählt - und von seinem Blick auf eine Natur, die ihn selbst mit einschließt."

Es ist der bemerkenswerte Versuch, vor allem angelsächsische Klassiker dieses Genres auch hierzulande bekannt zu machen und gleichzeitig neue Formen von "Naturkunde" zu entwickeln.

Ein Klassiker dieses Nature Writing ist Annie Dillards "Pilger am Tinker Creek" aus dem Jahr 1974. Ihre Naturbeobachtungen aus den Virginia Blue Mountains machten die damals 28-jährige Autorin auf einen Schlag berühmt und wurden im Jahr darauf sogar mit dem renommierten Pulitzerpreis ausgezeichnet. Und sie erwiesen gleich zu Beginn einer Art Urvater dieser Naturliteratur ihre Reverenz: "Ich habe mir vorgenommen, hier ‚ein meteorologisches Tagebuch der Seele‘ zu führen, wie Thoreau es nennt, ein paar Geschichten zu erzählen und einiges, was ich in diesem ziemlich durchzivilisierten Tal sehe, zu beschreiben und ein paar von den unbekannten Weiten und unheiligen Festen zu erkunden, zu denen mich diese Geschichten und Plätze über schwindelerregende Pfade, zitternd und zagend, führen."