Biologe, Zufallsforscher, Pazifist und Sozialist: Paul Kammerer (1880-1926), hier im Jahr 1923. - © Bettmann/Getty Images
Biologe, Zufallsforscher, Pazifist und Sozialist: Paul Kammerer (1880-1926), hier im Jahr 1923. - © Bettmann/Getty Images

Dass ein Physiker ein Buch über Biologie schreiben und damit nachhaltige Wirkung in diesem Fach erzielen kann, hat Erwin Schrödinger mit dem 1944 erschienenen  "Was ist Leben?" bewiesen. Aber gibt es auch Biologen, die ähnlich folgenreiche Bücher geschrieben haben? Nun, einem direkten Vergleich hält das 1919 erschienene "Gesetz der Serie" von Paul Kammerer (1880-1926) vielleicht nicht stand. Dazu ist das Ansehen Kammerers zu umstritten.

Er wurde zwar 1923 als "zweiter Darwin" gefeiert, war 1926 aber Protagonist "des größten wissenschaftlichen Skandals der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts". So hat zumindest Arthur Koestler, der Kammerer 1971 rehabilitieren wollte, die Affäre eingeschätzt, in deren Gefolge der von Kammerer vertretene Lamarckismus im Westen von der Bildfläche verschwand. Im Übrigen befasst sich "Das Gesetz der Serie" nicht (nur) mit Physik.

Wie inspirierend und irritierend Wissenschaft sein kann, dafür gibt "Das Gesetz der Serie" aber ein sehr schönes Beispiel. Kammerer erforschte das Phänomen Zufall. Und er forderte das schier Unmögliche: Nämlich diesen unberechenbaren Begleiter des Menschen zu domestizieren. Ein Unterfangen, bei dem die Wissenschaft notwendigerweise auf jenes Terrain gerät, in dem seit jeher Aberglaube und Gottesfurcht herrschen. Das war Kammerer bewusst. Darum entschuldigte auch er sich, so wie Schrödinger, schon im Vorwort für seine Grenzüberschreitung - und zwar im Original in Sperrdruck: "Bisher okkulte Dinge von Mystik zu befreien, nicht bereits erhellte Dinge mit einem mystischen Schleier zu bedecken, ist mir Ziel und Vorsatz."

Das Resultat seiner Bemühungen ist ein knapp 500 Seiten umfassendes wissenschaftliches Werk. Rund 400 Quellen zitiert Kammerer darin (darunter 13 eigene, zum Beispiel seine "Allgemeine Biologie"), und den thematischen und zeitlichen Bogen spannt er von Aristoteles, Aischylos und Ovid über Galilei, Leibniz, Newton bis hin zu Darwin, Freud und Einstein, der damals noch nicht weltberühmt war: Die Sonnenfinsternis, deren Beobachtung die Relativitätstheorie bestätigen sollte, war im Mai 1919. Kammerer war also am Puls der Zeit.

Und er war mit seinem Interesse am Zufall nicht allein. Unter anderem gab es schon die "Knäuelungstheorie" von Othmar Sterzinger, auf deren Ähnlichkeit mit seiner "Serialitätstheorie" Kammerer hinweist. Im Einklang sah sich Kammerer auch mit den programmatischen Worten des Philosophen Ernst Mach: "Nicht Mißachtung des Zufalls, sondern zweckmäßige und zielbewußte Benützung desselben wird der Forschung förderlich sein".