"Frauen verkochten Essensreste zu Suppe oder verfütterten sie an Haustiere; insbesondere Hühner fraßen fast alles und revanchierten sich mit Eiern. Langlebige Güter wurden an Menschen aus anderen Schichten oder Generationen weitergereicht oder auf Dachböden und in Kellern für eine spätere Nutzung gelagert. Gegenstände, die für Erwachsene nutzlos wurden, wurden Spielzeuge für Kinder." Kaputte oder abgenutzte Sachen konnten zum Hersteller zurückgebracht und repariert werden. Aus Knochen wurde Gelatine gewonnen, oder sie wurden zu Werkzeugen weiterverarbeitet. Und die Dinge, die man nicht mehr verwenden konnte, wurden eben verheizt.

Frühmoderne Gesellschaften hatten ein hochfunktionales Recyclingsystem, das Gegenstände wiederverwertete oder als Brennstoff nutzte. Man warf nichts weg, weil Rohstoffe knapp waren. Erst mit der Ende des 19. Jahrhunderts einsetzenden Industrialisierung und Massenproduktion änderte sich das. "Mehr Leute hatten mehr Sachen und weniger Lagerraum in Mietskasernen, Apartmenthäusern oder anderen Siedlungen", schreibt Strasser.

Die neuen Verpackungsprozesse für die Produktion und Befüllung von Kartons und Dosen sowie neue Materialien wie Cellophan und Alufolie erzeugten eine "neue Klasse Haushaltsmüll". Die Verpackungen boten Marken eine willkommene Fläche, ihre Produkte zu promoten. Insofern hängen die Anfänge der Produktwerbung auch mit den Anfängen des Papiermülls zusammen. Und je mehr die industrielle Produktion von Nahrungsmitteln voranschritt, desto weniger Handarbeit war im Haushalt notwendig, und desto mehr verschwanden auch Kulturtechniken wie das Fertigen von Werkzeugen oder Recycling von Lebensmittelabfällen.

Natürlich, darauf weist Strasser in ihrem lesenswerten Buch hin, sei kein menschliches System perfekt zyklisch. Im Lauf der Geschichte haben Haushalte immer wieder Abfälle produziert. Davon zeugen zum Beispiel die Trittsteine in Pompeji, die an Kreuzungen errichtet wurden, damit die Bürger nicht im schmutzigen Wasser der Kanalisation waten mussten.

Archäologen haben in den Häuserruinen der antiken Stadt die Überreste von Abwassergruben entdeckt, in denen die Bewohner Olivenkerne, Pflanzensamen und zerbrochenes Geschirr entsorgten. Auch selbstversorgende Bauern im antiken Griechenland haben Müllhalden für zerbrochene Krüge und andere Materialien errichtet, die weder kompostiert werden konnten noch als Tierfutter dienten. Was zeigt: Eine perfekte Wiederverwertung gibt es nicht.

Teufelskreis

Doch mit der Industrialisierung passieren nun zwei Dinge: Zum einen entkoppelt sich der Müll als Bestandteil der Verwertungskette von der Produktion. Gleichzeitig wird Müll zum Treibstoff des Wirtschaftswachstums. "Müll und Müllmachen", schreibt Strasser, "wurden für die Wirtschaft in einer ganz neuen Weise wesentlich: das Wachstum der Märkte für neue Produkte kam in Teilen aus der kontinuierlichen Entsorgung alter Sachen." Im Übergang von der präkapitalistischen Subsistenzwirtschaft zur Industriegesellschaft musste also mehr Müll produziert werden. Dass in dieser Verbindung - Wachstumsdoktrin auf der einen Seite, Wegwerfmentalität auf der anderen Seite - bereits der Teufelskreislauf eines Wirtschaftssystems angelegt war, dessen Ressourcenverbrauch die verfügbare Biokapazität überschreitet, ist offenkundig.