Die Massenproduktion von Gütern und Verpackungen schuf Unmengen Müll, der in den wachsenden Städten zum Ärgernis wurde. In Paris quollen im 19. Jahrhundert die Straßen vor Lumpen, Glasscherben, Fischköpfen, Kartoffelschalen und Fäkalien nur so über. Erst 1884 sollte sich das Problem lösen, als der Seine-Präfekt Eugène-René Poubelle ein Dekret zur Mülltrennung erließ, das das Entsorgen von Abfällen auf der Straße verbot. Fortan waren die Hauseigentümer verpflichtet, ihren Unrat in genormten Gefäßen zu entsorgen: eine Tonne für organische Stoffe, eine für Papier und Lumpen sowie eine für Porzellan, Glas und Austernschalen. Noch heute ist der Mülleimer in Frankreich ("poubelle") nach jenem Mann benannt, der diese Trennung einführte. Aus kulturgeschichtlicher Perspektive interessant ist, dass Müll eine neue Bedeutung erfuhr, als er zunehmend mit den Armen assoziiert war, die außerhalb der Konsumkultur standen.

Der Soziologe Reiner Keller schreibt in seinem Buch "Müll - Die gesellschaftliche Konstruktion des Wertvollen", dass sich mit der Entstehung von Säuberungstechnologien und einer Gesundheitspolizei im 18. Jahrhundert auch eine "soziale Säuberung" vollzog: "Bettler und Zuchthäusler werden als Straßenkehrer eingesetzt, der Beruf des Lumpensammlers wird öffentlich abgewertet, und ganz allgemein wird der Einsatz von ,sozialem Schmutz‘ zur Entfernung der Abfälle propagiert." Neben dem traditionellen und gar nicht so unehrenwerten Metier der Chiffonniers, also der Müllausleser, die in einer Gilde mit eigener Standesehre organisiert werden, bildet sich in den Städten eine privatwirtschaftliche Konkurrenz.

Arbeit gibt es zuhauf. "Um 1895", notiert Keller, "fallen in Paris pro Tag 0,639 Kilogramm Müll an." Die Müllsortierung wurde in den darauffolgenden Jahrzehnten immer rationalisierter und kommerzialisierter: Mülldeponien wurden eingezäunt, um eine "wilde Müllauslese" zu verhindern, gleichzeitig stieg der Organisationsgrad der Müllwirtschaft. In den 1930er Jahren etablierte sich in den Städten eine Entsorgungsinfrastruktur.

Soziale Konstruktion

Es scheint, als würde die Existenz eines hochprofessionellen "Abfallmanagements" die Müllproduktion noch befeuern. Auch heute produziert die Konsumgesellschaft jede Menge Müll: Papiermüll. Plastikmüll. Atommüll. Trash-TV. Verbalen Müll. Oder Datenmüll, jene Gewaltvideos, vor denen das Netz überquillt und die von einem digitalen Putztrupp auf den Philippinen für ein paar Dollar am Tag entsorgt werden.

Mit dem digitalen Müll ist es ja ein wenig wie mit dem physischen: Solange er nicht in der eigenen Timeline aufpoppt, ist er kein Problem. Doch was wäre, wenn die traumatisierten Vertragsarbeiter, die sich unter ärgsten psychologischen Qualen Enthauptungsvideos von IS-Kämpfern anschauen müssen, eines Tages den Dienst verweigerten? Ab wann sind Algorithmen so weit entwickelt, dass sie das Netz autonom von all dem Kommunikationsmüll säubern können? Wollen wir das überhaupt?

Was Müll ist und was nicht, ist keine Entscheidung, die man in den Sortierzentren von Entsorgungsfabriken oder in den Entwicklungslaboren der Tech-Konzerne trifft, sondern letztlich eine soziale Konstruktion. Der Müll, der in den Ozeanen umhertreibt, ist ja nicht bloß da, weil er produziert wurde, sondern weil die Gesellschaft mit dem Wegwerfen eine stillschweigende Erklärung über die Nutzlosigkeit abgibt.