Reinigungskräfte auf dem Ciliwung-Fluss. - © Spreitzhofer
Reinigungskräfte auf dem Ciliwung-Fluss. - © Spreitzhofer

Denn Jakarta sinkt Jahr für Jahr tiefer. In manchen Vierteln geht es um Zentimeter, andere liegen bereits rund drei Meter unter dem Meeresspiegel. Wenn die großen Pumpen nicht funktionieren, stehen manche Gebiete unter Wasser. Früher konnten die 13 Wasserläufe durch die Stadt, die meist in der Vulkankette hinter Bogor entspringen, noch ungehindert ins Meer fließen. "Jetzt müssten die Flüsse und Kanäle bergauf fließen, um das Meer zu erreichen. Also müssen sie es herauspumpen", sagt Bondok, der mich zur Mauer gebracht hat.

Er wohnt ganz in der Nähe. Doch Wasseranschluss hat er genauso wenig wie fast drei Viertel der Bevölkerung. Die muss Wasser aus Plastikkanistern oder von Tankwägen kaufen. Oder sie bohrt Brunnen zum Grundwasser, das aber in Küstennähe zunehmend versalzen ist, weil bereits Meerwasser eingedrungen ist. Also muss noch tiefer gebohrt werden.

"Je mehr Grundwasser abgepumpt wird, desto stärker sinkt die Stadt, denn der Boden ist sumpfig, und wenn ihm das Wasser entzogen wird, fehlt Stabilität. Es kommt zur Bodensenkung. Zudem drückt das schiere Gewicht der Gebäude auf den weichen Untergrund", erklärte Victor Coenen kürzlich in einem TV-Interview. "Jakarta vor dem Wasser zu schützen - das ist technisch betrachtet gar nicht so schwer. Aber die sozialen Konsequenzen sind es. Wenn du diese Menschen in Sozialbauten umsiedeln willst, dann müssten sie etwa 13 Euro Miete zahlen. Das ist eine lächerliche Summe für uns, aber unfassbar viel für sie. Hochwasserschutz in Jakarta ist also eher ein sozio-ökonomisches als ein technisches Problem."

Die prekären sanitären Verhältnisse der Stadt an der Java-See sind seit Jahrhunderten bekannt und keineswegs bloß Folge eines unseligen Mix aus Bevölkerungsexplosion (1950: 1,7 - 2019: 10,8 Millionen Menschen), umweltschädlicher Produktion und Klimawandel. James Cook, Forscher und Entdeckungsreisender, beschreibt die Situation 1770 wie folgt: "Die Kanäle, welche größtenteils ein stillstehendes, sehr verunreinigtes und faules Wasser enthalten, dünsten in der heißen Jahreszeit einen unausstehlichen Gestank aus (. . .) In der nassen Jahreszeit (. . .) schwillt das Wasser in diesen unreinen Kanälen dermaßen an, dass es aus seinen Ufern tritt und in den niedrigen Gegenden der Stadt die unteren Stockwerke überschwemmt. Ist es wieder abgelaufen, so findet man da, wo es stand, eine unglaubliche Menge von Schlamm und Kot."

Schwer verseucht

250 Jahre später sind Cooks Betrachtungen nur teilweise obsolet. Aus gesundheitlicher Perspektive herrscht jedenfalls dringender Handlungsbedarf: Von den ungeklärten Industrie-Abwässern der Hauptstadt sind etwa im Mündungsgebiet des Flusses Citarum, im Ostteil von Metro-Jakarta, direkt 500.000 und indirekt rund fünf Millionen Menschen betroffen. Wasser und Boden sind mit hohen Anteilen von Blei, Cadmium, Chrom und Pestiziden derart verseucht, dass das Blacksmith Institute den Fluss 2013 in seine Liste der "Top 10 der am stärksten verseuchten Orte der Welt" aufgenommen hat.

2018 belegte Jakarta in einer Rangliste der Städte nach ihrer Lebensqualität Platz 142 unter 231 untersuchten Städten weltweit. Dass 40 Prozent der Rohrleitungen lecken, wie Elisa Sutanudjaja vom Rujak Center für urbane Studien in Jakarta schätzt, macht die Versorgungslage nicht einfacher.

Vieles stinkt hier, nicht nur olfaktorisch. Und alles sinkt. Reiche Viertel und Gated Communities, Industriezonen und Lagerhallen genauso wie informelle Slums, die immer wieder neu aufgebaut werden: an Wasser-Reservoirs, an stockenden Flüssen und Kanälen, im Wasser auf Stelzen gebaut. Und so blockieren Bauten, Schmutz und Abfall ein Abfließen des Wassers in den Entwässerungskanälen noch mehr. Die Ärmsten können sich Mieten schwer leisten, seien sie noch so gering, also errichten sie ihre Behausungen dort, wo es nichts oder sehr wenig kostet. Bondok bringt mich zu seinem Onkel. Der kann nur mehr mit gebeugtem Kopf in seine Küche gehen, deren Decke er vor fünf Jahren nicht einmal mit den Händen erreichen konnte.

Neue Hauptstadt

Die Wasserversorgung verbessern, existierende Schutzmauern sichern - so lautet die Marschrichtung. Ist ein großer, befahrbarer Deich vor der Bucht von Jakarta eine letzte Option, um die Stadt langfristig zu retten? Wie der Abschlussdeich am Ijsselmeer in Holland weit draußen gelegen, würde er die Wellen brechen und könnte zugleich als Verbindung zwischen dem internationalen Flughafen Soekarno Hatta und dem Containerfrachthafen Tanjung Priok dienen.