Ein Mantel brachte Rose McGowan auf die Palme. Bei den diesjährigen Oscars hatte Schauspielerin Natalie Portman bekanntlich einen Dior-Mantel getragen, den sie mit den Namen jener Frauen besticken hat lassen, die ihrer Meinung nach auch einen Oscar verdient hätten. Das löste bei Kollegin Rose McGowan "Ekel" aus. Sie prangerte an, dass Portman hier nur Protest liefere, der sich den Mainstream-Medien gut verkaufen ließe. Lippenbekenntnisse seien aber nicht "mutig". Was habe Portman denn schon für Frauen getan: Sie habe nur zweimal mit Regisseurinnen statt Regisseuren zusammengearbeitet - eine davon sei Portman selbst gewesen. Und ihre Produktionsfirma habe auch nur eine einzige Regisseurin beschäftigt: Das war Natalie Portman selbst.

Dies ist ein Beispiel dafür, wie weitgefasst die MeToo-Bewegung in den vergangenen zwei Jahren geworden ist - aber auch, wie entzweiend diese einst heilsversprechende Revolution für Frauen unter Frauen mitunter auch sein kann. Rose McGowan war eine der Ersten, die von sexuellem Missbrauch durch Filmproduzent Harvey Weinstein berichtet hatte. Diese Enthüllungen gaben den Startschuss zur weltweiten Verbreitung des Hashtags #MeToo, mit dem sich Frauen gegen Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe wehrten. Der Prozess gegen Harvey Weinstein steuert nun einem Urteil entgegen. Was hat das Erdbeben, das die Aufdeckungen seiner Fehlverhalten ausgelöst haben, mehr als zwei Jahre später eigentlich gebracht?

Die MeToo-Welle ging durch verschiedene Branchen: Von der Filmindustrie schwappte sie in die Musik, in die Wissenschaft und die Politik, wo sich etwa Brett Kavanaugh, nun Richter des Obersten Gerichtshof der USA, einer Untersuchung stellen musste. In Deutschland wurden Vorwürfe gegen Filmregisseur Dieter Wedel laut. In Österreich führte MeToo zu Enthüllungen über sexuellen Missbrauch im Skisport, auch die demütigenden Zustände an der Wiener Ballettakademie wären wohl ohne Sensibilisierung durch MeToo weiterhin nicht ans Licht gekommen. Nicht zuletzt der Literaturnobelpreis kam wegen des Vorwurfs sexuellen Missbrauchs gehörig ins Trudeln.

Schwedens MeToo-Gesetz

Der kämpferische Hashtag hat sich weltweit verbreitet. Eine Google-Analyse zeigt zwar, dass er vor allem in den USA stark präsent war, aber tatsächlich noch stärker in Norwegen und Schweden. Schweden hat schließlich auch als Folge der MeTooBewegung ein neues Gesetz eingeführt. Es legt fest, dass beide Partner ausdrücklich und klar erkennbar mit dem Geschlechtsverkehr einverstanden sein müssen. Alles andere wird als Vergewaltigung gewertet, auch wenn der jeweilige Partner sich nicht körperlich zur Wehr setzt oder Nein sagt. Damit sollte verhindert werden, dass Passivität als stilles Einverständnis interpretiert werden kann.

Das war eine durchaus umstrittene Änderung. Die MeToo-Bewegung hatte sowieso auch Kritiker, und nicht nur in den Reihen der Beschuldigten. Manche Feministinnen beklagten, dass die Opferhaltung von Frauen zu zentral sei, andere beanstandeten, dass oft zu viel in einen Topf geworfen werde - zwischen sexistischen Witzen, Grapschen und Vergewaltigung werde nicht differenziert.

Die unterschiedlichen Wertigkeiten von Diskriminierung zeigt zum Beispiel auch die Entwicklung der MeToo-Bewegung in Indien. Ein Land, in dem sexuelle Gewalt an der Tagesordnung und Vergewaltigung ein Kavaliersdelikt ist, brauchte ein Jahr, um sich der Bewegung anzuschließen. Im Showbusiness tauchten die ersten Vorwürfe auf, massiv ging es dann Außenminister M.J. Akbar an den Kragen - er musste schließlich zurücktreten. Ein Anfang, ja, aber an der grundsätzlichen Situation, dass Frauen in Indien Menschen zweiter Klasse sind, die man in der Gruppe vergewaltigt und umbringt, hat das noch nicht allzu viel geändert.

Lieber gar keine Frauen

In China wiederum stehen mutige Frauen, die sich gegen ihre Belästiger gewehrt haben, oft am Ende selbst vor Gericht - wegen Rufschädigung.

Einer der Kritikpunkte an der MeToo-Bewegung entzündet sich auch an letzterem Punkt. Weil es sexuellem Missbrauch immanent ist, dass es im Normalfall keine Zeugen der Tat gibt, ist die erste Reaktion oft: Zweifel. Es beginnt sich allerdings nun zu ändern, dass einer Frau tendenziell weniger geglaubt wird als einem Mann. Und das führt nun wieder zu einem Backlash, der vielleicht die größte Niederlage der MeToo-Bewegung ist. Eine Studie stellte im vergangenen Jahr fest, dass Männer jetzt lieber Frauen gar nicht erst einstellen, um Problemen auszuweichen. 21 Prozent der befragten Männer gaben an, sie würden nur widerwillig überhaupt Frauen einstellen, wenn es um Jobs geht, bei denen diese viel mit Männern interagieren müssten (2018 sahen das nur 15 Prozent so). Die Frage, ob sie berufliche Treffen vermeiden würden, bei denen sie mit Frauen alleine seien, beantworteten 27 Prozent der Männer mit Ja.

Holprige Comebacks

Mittlerweile ist seit den ersten Vorwürfen in den USA bereits die Zeit gekommen, dass zum einen Filme über MeToo-Skandale gedreht werden ("Bombshell" ist gerade im Kino). Und zum anderen, dass Beschuldigte wieder den Weg in die Öffentlichkeit antreten, um ihren Berufen nachzugehen. Bisher sind es keine Modell-Beispiele der Rehabilitation. Der Komiker Louis C.K. "feierte" ein Comeback mit einem Programm ohne Reue, aber viel Bitterkeit. John Lasseter, kreatives Genie von Pixar, das Disney wegen einschlägiger Vorwürfe verlassen musste, wurde von "Skydance Animation" engagiert. Obwohl sich er schon schuldbewusst zeigte, kündigte Schauspielerin Emma Thompson ihre Sprecherrolle für einen Film unter seiner Leitung: "Wenn ein Mann seit Jahrzehnten unangemessen Frauen berührt, warum sollte eine Frau dann für ihn arbeiten wollen?"

Dass die Unterhaltungsbranche sich noch länger mit dem Thema MeToo beschäftigen wird müssen, zeigt eine Episode aus dem Vorfeld der Musikpreise Grammys, die nur wenig Echo erfuhr. Die erste weibliche Präsidentin der Grammy Akademie wurde suspendiert, nachdem sie sich - wie sie behauptet - über sexuelle Belästigung beschwert habe.