Die Ausstellungsmacher des Museums für Schöne Künste in Gent sparen nicht mit Superlativen, "Eine optische Revolution" preisen sie an. Zurecht. Anlass ist weder ein runder Geburts- oder Todestag, sondern das außergewöhnliche Ergebnis der 2012 begonnenen Restaurierungsarbeiten des Genter Altars - 50 Prozent davon waren übermalt gewesen, und die Bilder des Kopfs des Lamm Gottes vor und nach der Renovierung haben zwischenzeitlich das Internet erobert.

Jan van Eycks Wahlspruch "Als ich can" (im Sinne von: So gut ich es vermag), mutet bescheiden an, doch deutet einiges darauf hin, dass der Künstler sich seines Ausnahmetalents bewusst war. Zu van Eycks Zeiten war es noch eher neu, dass Künstler ihre Werke signierten - er tat nicht nur das, er ging sogar einen Schritt weiter: Auf dem Portrait des Ehepaars Arnolfini (National Gallery, London) schreibt er in die Mitte des Bildes "Johannes de Eyck fuit hic" ("Jan van Eyck war hier") und sein Abbild ist direkt darunter in einem Spiegel zu sehen.

Nationalheiligtum

Das war 1434, zwei Jahre nach Vollendung des Genter Altars. "Lam Gods", das Lamm Gottes, nennen die Belgier dieses 5,2 Meter breite und fast vier Meter hohe Werk, es ist ihr Nationalheiligtum. Der Flügelaltar besteht aus 20 Paneelen, einer Festtags- und einer Alltagsseite. Auf dem zen-tralen oberen Teil der Festtagsseite thront Gott der Herr, flankiert von Maria und Johannes dem Täufer, zu ihrer rechten und linken singen Engel, und am Rand sind Adam und Eva dargestellt.

Der Außenflügel (Alltagsseite) des Genter Altars. - Saint-Bavo’s Cathedral Ghent © Lukasweb.be-Art in Flanders vzw, photo KIK-IRPA
Der Außenflügel (Alltagsseite) des Genter Altars. - Saint-Bavo’s Cathedral Ghent © Lukasweb.be-Art in Flanders vzw, photo KIK-IRPA

Direkt unter Gottvater steht das Lamm Gottes auf einem Podest in einer weitläufigen Landschaft, umrahmt von Engeln, Jungfrauen und diversen Repräsentanten der Kirche. Auf den Seiten sind die gerechten Richter, die Streiter Christi, Eremiten und Pilger zu sehen. Die "Alltagsseite" (sichtbar, wenn der Altar geschlossen ist) zeigt die Verkündigung im oberen Teil, unten betet das Stifterehepaar die zwei heiligen Johannes an, den Täufer und den Evangelisten.

Dieses hochkomplexe, bahnbrechende Werk ist in seiner Ikonographie und Malweise singulär, die Bewunderung blieb im Lauf der fast 600 Jahre seit seiner Entstehung ungebrochen. Dazu gesellt sich eine dramatische Geschichte, die es als ein Wunder erscheinen lässt, dass nur eines der 20 Altarpaneele verlorengegangen ist.

In der erst 1824 entdeckten Signatur des Altars lässt Jan van Eyck Bescheidenheit walten: "Der Maler Hubert van Eyck", heißt es da, "der von Niemandem übertroffen wurde, begann das Werk. Johannes, in der Kunst der zweite, vollendete es auf den Wunsch des Jodocus Vyd im Jahr 1432 am 16. Mai". Hubert van Eyck war höchstwahrscheinlich der ältere Bruder von Jan, über ihn ist, außer dem Todesdatum 1426, nichts bekannt - manche Experten halten ihn sogar für einen Mythos.

Jodocus Vyd alias Joos Vijd stiftete den Altar, gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth Borluut. Er war ein prominenter Politiker der Stadt Gent, der damals größten Industriestadt, die as wichtiger Handelsknotenpunkt galt. Dem Ansehen nach war das Stifterehepaar in seinen 50ern, die Gesichter der Beiden sind real, nicht so schön wie jene des Verkündigungsengels und der Maria. Joos hat sein schütteres Haupthaar fast wegrasiert, an seinen Wangen ist ein Dreitagebart zu sehen.

Wie präzise Jan van Eyck gemalt hat, sieht man auch an einem banalen Detail des Portraits von Elisabeth: neben den wenigen Falten auf der Stirn und am Hals erkennt man auch die feinen Haarnadeln, mit denen Elisabeths Kopftuch fixiert ist. Die beiden knien jeweils in einer Art Nische, zwischen ihnen stehen Johannes der Täufer und Johannes der Evangelist - nicht als reale Personen gemalt, sondern als Statuen auf einem Sockel.

Präziser Beobachter

Wer war dieser Jan van Eyck? Die Quellenlage zu seinem Leben ist dürftig. Ziemlich sicher ist, dass er um 1391 in der kleinen Stadt Maaseik geboren wurde. Er war Hofmaler von Philipp dem Guten, Herzog von Burgund. Dieser schätzte seinen Hofmaler sehr, 1435 erhöhte er sein Gehalt, damit er nicht "unseren Dienst" verlässt, da "wir keinen anderen finden werden, der sich unserem Ermessen nach in seiner Kunst und Wissenschaft so sehr auszeichnet".

Neben Hubert hatte Jan van Eyck vermutlich zwei weitere Geschwister: Lambert und Margarete. 1431 ließ er sich in Brügge nieder, kaufte ein Haus und heiratete 1433 Margarete, das erste gemeinsame Kind wird 1434 geboren. Er starb nur wenige Jahre später, 1441 - allem Anschein nach ziemlich plötzlich.

Jan vvan Eycks Portrait des Goldschmieds Jande Leeuw, der einen Ring in der Hand hält. - © Kunsthistorisches Museum, Wien
Jan vvan Eycks Portrait des Goldschmieds Jande Leeuw, der einen Ring in der Hand hält. - © Kunsthistorisches Museum, Wien

Das Handwerk blühte zu dieser Zeit in Gent und Brügge. Dass Jan van Eyck regen Austausch mit hochqualifizierten Handwerkern pflegte, zeigt sein Portrait des Goldschmieds Jan de Leeuw (Kunsthistorisches Museum, Wien), der stolz eines seiner Werke, einen Ring, hoch hält. Auf dem Rahmen, der so gemalt ist, damit er wie Bronze aussieht, steht: "Nun hat Jan van Eyck mich gemalt, begonnen hat er damit 1436". Das ist wichtig, weil Jan virtuos verschiedenste Metalle, Gold und Edelsteine darzustellen vermochte.

Schon 1456 lobte Bartolomeo Facio (1400-1457), Gelehrter am neapolitanischen Hof, den Realismus von Eycks Portraits, die Tiefenwirkung seiner Bilder, die Lebendigkeit in winzigen Details und vermerkte, dass er mit der Geometrie und jenen "artes", Künsten, vertraut war, die zur Pracht der Malerei beitragen. In der Tat war er mit der optischen Theorie seiner Zeit vertraut, die meisten Experten tendieren jedoch bei der Frage, ob er sich eher von seinem Wissen oder seiner präzisen Beobachtungsgabe leiten ließ, zu Letzterem.

Meister der Ölmalerei

Oberhalb der Stifterportraits grüßt der Engel Maria. Beide sind etwas zu groß für den real anmutenden Raum, in dem sie stehen. Zwischen Engel und Maria sehen wir eine flandrische Stadt, daneben ist eine Wandnische samt Handtuch und Waschschüssel. Zum Vergleich zeigen die Ausstellungsmacher ein perspektivisch konstruiertes Bild der Verkündigung des italienischen Malers Domenico Veneziano (1410-1461).

"Die italienische Renaissance", so Maximiliaan Martens im Ausstellungskatalog, "reduzierte die außerordentliche Komplexität der spätmittelalterlichen optischen Lehre auf die Betrachtung der Welt (...) wie durch ein Fenster" mittels geometrisch konstruierter Perspektive. Jan van Eycks Perspektive hingegen ist intuitiv und, wie die Landschaft rund um das Lamm zeigt, erzielt er Tiefenwirkung auch durch Farbe und Licht. Einfacher gesagt: je weiter weg etwas ist, desto blauer und heller ist es dargestellt.

Anders als seine italienischen Zeitgenossen, die Tempera-Farben benutzten, ist van Eyck ein Meister der Ölmalerei. Er schafft es, dass man auf den ersten Blick erkennt, um welches Material es sich handelt. Der Lichtführung auf beiden Seiten des Altars entspricht dem realen Lichteinfall der Vijd-Kapelle der Sint-Baafskathedraal, für die der Altar konzipiert worden war.

Albrecht Dürer besuchte Gent im April 1521 und lobte den Altar als "ein über köstlich, hoch verständig gemahl (Gemälde) und sonderlich die Eva, Maria und Gott der vatter . . ." Ende der 1550er Jahre wirft Philipp II. von Spanien und Herrscher über die damaligen Niederlande sein Auge auf den Altar. Die Kirche rückt ihn nicht heraus, so entsendet Philipp II. den "flämischen Raf- fael", Michiel Coxcie, der ihn im Originalformat im Stil seiner Zeit kopiert, wobei er so Portraits von Philipp II., Karl V. und sich selbst hinzufügt. Diese Kopie war bis 1808 in Madrid, als sie die napoleonischen Truppen nach Brüssel verfrachten und die einzelnen Teile verkauft werden.

Blick auf den Stifter des Altars,Joos Vijd. - © David Levene
Blick auf den Stifter des Altars,Joos Vijd. - © David Levene

Das Original wird im 16. Jahrhundert massiv von eifrigen Bilderstürmern bedroht, die Genter verstecken es erfolgreich im Turm. Dann ist erst einmal einige hundert Jahre Ruhe. 1781 besucht Kaiser Joseph II. Gent und ist schockiert von der real-nackten Darstellung von Adam und Eva - die Kirchenverantwortlichen hängen sie prompt ab und lagern sie ein. Gut so, denn 1794 plündern die Franzosen die Stadt und nehmen die Mitteltafeln an sich. Erst zwanzig Jahre später erhält die Stadt Gent den Altar zurück. Die Mitteltafeln werden 1816 wieder aufgehängt, die Flügel jedoch verkauft - über den Brüsseler Kunsthändler L.J.Nieuwenhuys und den englischen Kaufmann Edward
Solly kommen sie an den preußischen Staat, werden renoviert und ab 1830 im neu geschaffenen Königlichen Museum in Berlin ausgestellt.

Der in Gent verbliebene Mittelteil übersteht hingegen 1822 nur durch ein Wunder einen Brand in der Kathedrale. Nach dem Ersten Weltkrieg erzwang der Vertrag von Versailles die Rückgabe der Flügel an Gent. Endlich hing nun der komplette Altar wieder an seinem angestammten Platz. Doch in der Nacht vom 10. auf den 11.
April werden zwei Altarflügel gestohlen - die "gerechten Richter" und Johannes der Täufer. Der britische Scotland Yard kommt zur Hilfe, am 1. Mai erhält der Bischof von Gent eine Lösegeldforderung - eine Million belgische Francs.

Der Bischof stimmt zu und gibt dies per Zeitungsinserat bekannt. Er erhält einen Gepäckaufbewahrungsschein für ein Schließfach im Brüsseler Nordbahnhof, in dem die Polizei tatsächlich "Johannes den Täufer" findet. Für die "gerechten Richter" wird die Lösegeldforderung auf 500.000 Francs reduziert. Einer der mutmaßlichen Diebe wollte angeblich kurz vor seinem Tod sein Gewissen erleichtern und verraten, wo die "gerechten Richter" sind - vergeblich, alles, was er sagen kann, ist "Lamm Gottes".

Gelagert in Altaussee

Der Altar wurde im Mai 1940 zur Sicherheit ins südfranzösische Pau gebracht. Im Juli 1942 stellten ihn dort die Nationalsozialisten "sicher" und brachten ihn nach Neuschwanstein. Von dort kam er 1944 in die Salzmine von Altaussee. Die Minenarbeiter verhinderten kurz vor Kriegsende die Demolierung - der Stollen sollte samt den zahlreichen gelagerten Kunstwerken gesprengt werden. Schließlich finden ihn die "Monuments Men", die amerikanischen Soldaten, die für die Rettung von Kulturgütern zuständig waren. Nach dem Krieg, ab 1951 wurde der Altar restauriert, das fehlende Paneel durch eine Kopie ersetzt.

Noch sind die aktuellen Renovierungsarbeiten nicht beendet. Rund 50 Prozent des Altars, den in der Tat nicht nur Jan van Eyck alleine geschaffen hat, waren übermalt. Diese stammen vor allem aus einer Renovierung im 16. Jahrhundert. Es bleibt spannend.