Der Blick auf das Häusermeer ist so klar, wie man ihn selten erlebt hat. Die Luft wirkt reiner, der sonst übliche Lärmpegel deutlich vermindert. In das heuer wieder auffallende Gezwitscher der Vögel mischt sich hin und wieder das Bellen von Hunden. Menschen sind fast nur einzeln oder paarweise unterwegs, manchmal trifft man auf Paare mit Kindern, die ein erstaunlich idyllisches Familienbild abgeben. Öfter als sonst wird mit einem freundlichen Lächeln gegrüßt.

Wer das Glück hat, sich in den Tagen vor Ostern 2020 auf den Wiesen am Westrand Wiens bewegen zu können, darf für kurze Zeit die neue Krise vergessen, die unseren Planeten erfasst hat. Da mag, speziell dem Bildungsbürger, für einen Moment sogar eher der Text von Goethes "Osterspaziergang" aus dem "Faust" durch den Kopf gehen (siehe den Text am Ende des Artikels) als die aktuelle Corona-Statistik. Aber sehr schnell werden sich wohl Assoziationen zu den Problemen der Gegenwart einstellen.

"Vom Eise befreit sind Strom und Bäche/Durch des Frühlings holden, belebenden Blick", so beginnt Goethes Gedicht. - © chris liu
"Vom Eise befreit sind Strom und Bäche/Durch des Frühlings holden, belebenden Blick", so beginnt Goethes Gedicht. - © chris liu

"Vom Eise befreit sind Strom und Bäche/Durch des Frühlings holden, belebenden Blick", so lässt der Dichterfürst diesen Monolog beginnen. Das führt den Großstädter gleich zu der Frage: Wo waren im letzten Winter Eis und Schnee? Ja, es gab etliche recht kalte Tage, aber zugefrorene Gewässer oder verschneite Flächen erlebten wir, wenn überhaupt, viel seltener als in vergangenen Jahrzehnten. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, nimmt auf Schritt und Tritt den Klimawandel und seine Folgen wahr. Er ist Realität und kein Geschäftsmodell von nach Forschungsgeldern gierenden Wissenschaftern und auch kein billiger Vorwand von "Fridays-for-Future"-Demonstranten, die nur Schule schwänzen wollen.

"Im Tale grünet Hoffnungsglück/ Der alte Winter, in seiner Schwäche,/Zog sich in rauhe Berge zurück." Ja, wie oft ist denn der echte Winter in den für ihn bestimmten Monaten überhaupt aus den zu Goethes Zeit noch "rauhen" (heute nur noch "rauen") Bergen herausgekommen? Das Grünen der Natur setzt heutzutage viel früher ein, die Jahreszeiten haben sich verschoben, das Wetter schlägt mehr Kapriolen als früher. Gerade sind noch heftige Stürme über das Land gezogen. Die letzten Grüße der kalten Jahreszeit, von Goethe "ohnmächtige Schauer körnigen Eises" genannt, lassen die Obstbauern, nicht die Einzigen, die sich derzeit um ihre wirtschaftliche Existenz Sorgen machen, um die nächste Ernte zittern.

Flattert da nicht ein Zitronenfalter? Und dort ein Kleiner Fuchs? Schmetterlinge sind rarer geworden - wie alle Insekten. Experten sprechen von einem Rückgang der Insektenbestände in Österreich um 75 Prozent, weltweit seien 30 Prozent der Arten bedroht. Der Ausbruch von Seuchen habe auch mit dem Rückgang der Biodiversität, also der Artenvielfalt, zu tun, meinen Ökologen. Sie halten es für möglich, dass schrumpfende Lebensräume von Tieren, auch von Fledermäusen, und daraus resultierende Änderungen im Verhalten dieser Lebewesen das Risiko der Übertragung von Viren auf den Menschen erhöhen.

Der amerikanische Meteorologe Edward N. Lorenz hat 1972 in einem Vortrag die Frage aufgeworfen, ob der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen könne. In abgewandelter Form wurde aus dieser Frage spätestens 1993 mit dem Film "Jurassic Park" eine die Chaostheoretiker beschäftigende Aussage: "Der Flügelschlag eines Schmetterlings in China kann einen Wirbelsturm in der Karibik auslösen." China! Kleine Ursachen, große Wirkungen! Schon kommt einem wieder das winzige Coronavirus in den Sinn, das von Wuhan ausgehend binnen weniger Wochen auf der ganzen Welt verbreitet wurde. Innerhalb kurzer Zeit hat es Zehntausenden den Tod gebracht, möglicherweise werden es bald Millionen sein.

Planetarischer Notstand

Wann, wenn nicht jetzt, merkt die Menschheit, dass wir alle im gleichen Boot sitzen? Der deutsche Journalist Franz Alt hat in seinem Buch "Liebe ist möglich" 1985 einen heute aktueller denn je wirkenden Satz formuliert: "Wir leben in einem planetarischen Notstand und brauchen zur Rettung eine planetarische Wende über ein neues planetarisches Bewusstsein."

Dieses planetarische Bewusstsein, dieses Gefühl globaler Verbundenheit, existiert in Ansätzen schon lange. Als Beispiel wird oft das Jahr 1969 genannt, als man, wo immer das möglich war, auch in den entlegensten Winkeln der Erde, die Landung der ersten Menschen auf dem Mond regis-trierte, wenn nicht sogar live beobachtete. Doch Kolonialismus und Rassismus, Nationalismus und Chauvinismus, Machtdenken, schlichte Gier und mangelnde Empathie funkten bisher immer wieder dazwischen, wenn es um nachhaltige weltweite Zusammenarbeit ging. Das zeigte sich auch jetzt. Einerseits halfen einander Staaten, indem sie Kranke aus stärker betroffenen Ländern in ihre noch ausreichend zur Verfügung stehenden Intensivbetten aufnahmen, anderseits brach zwischen manchen ein oft unfair ausgetragener Wettstreit um Schutzkleidung, Masken, Beatmungsgeräte und Material für Corona-Tests aus. "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" lautet eine Weisheit Goethes, die zwar nicht aus dem "Osterspaziergang" stammt, aber gültig bleibt und zum Glück auch in diesen Tagen von vielen beherzigt wird.

"Überall regt sich Bildung und Streben", schreibt Goethe über die Aufbruchsstimmung im Frühjahr. Es liegt nahe, an jene Bildung zu denken, die an Schulen und Universitäten vermittelt wird. Dort gibt es derzeit keine Lehrveranstaltungen. Weil auch viele Geschäfte und Büros geschlossen sind, vereint das Homeoffice Familienmitglieder, die einander sonst den ganzen Tag nicht sehen, oft auf engstem Raum.

Ein Osterspaziergang am Stadtrand ist heuer ein Privileg, für das jeder dankbar sein muss, der dazu Gelegenheit hat. Vielen im städtischen Häusermeer mangelt es an dem, was Goethe anschaulich als Ausbruch des Volkes aus engen Räumen in die Natur schildert: "Aus dem hohlen finstern Tor/Dringt ein buntes Gewimmel hervor./Jeder sonnt sich heute so gern./Sie feiern die Auferstehung des Herrn,/Denn sie sind selber auferstanden,/Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,/Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,/Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,/Aus der Straßen quetschender Enge,/Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht/Sind sie alle ans Licht gebracht."

Fest der Auferstehung

"Sie feiern die Auferstehung des Herrn", heißt es in diesen Zeilen. Aber wo ist Gott in dieser Zeit? Erhört er die Gebete nicht, die um ein Ende der Not flehen? Warum lässt er denn so viel Böses und Leid auf der Welt zu? Versuche, diese alte "Theodizee-Frage" zu beantworten, gibt es viele. Die einfachste lautet: Weil es Gott gar nicht gibt, und wenn es ihn doch geben sollte, dann ist er nicht der barmherzige Vater, den die Religionen verkünden.

"Imagine, there’s no heaven", heißt es in einem der bekanntesten Songs von John Lennon. Man solle sich eine Welt ohne Himmel und ohne Religion vorstellen. Worauf es ankomme, sei eine "Brotherhood of Man", also eine brüderliche menschliche Gemeinschaft.

Eine solche Gemeinschaft ist natürlich nur mit planetarischem Bewusstsein denkbar, sie sollte sich über jegliches nationale und egoistische Denken hinweg für die ganze Erde, ihre Bewohner und die ökologischen Kreisläufe verantwortlich fühlen. In ihr müssten aber - im Gegensatz zu Lennons antireligiösem Ansatz - sowohl areligiöse als auch gläubige Menschen ihren Platz finden können, die einander in wechselseitiger Toleranz und Übereinstimmung in den humanitären Anliegen verbunden sind.

Der Glaube an Gott war und ist nach wie vor für die Mehrheit der Menschen die stärkste Triebfeder für ethisches, menschliches Handeln. Eine "Brotherhood of Man", die gläubige Menschen ausschließt oder sogar bekämpft, würde nicht zu mehr Humanität, sondern zu mehr Spaltung beitragen. Der britische Philosoph Tim Crane, ein deklarierter Atheist, hat unlängst in seinem Buch "Die Bedeutung des Glaubens" zu friedlicher Koexistenz zwischen gläubigen und areligiösen Menschen aufgerufen.

Die Auferstehung Jesu Christi von den Toten ist für Christen der wichtigste Inhalt ihres Glaubens, Ostern daher ihr höchstes Fest. Ihnen ist bewusst, dass die Menschen nicht mehr im Paradies leben und Gott ihnen die Freiheit lässt, einander Gewalt und Böses anzutun. Sie sehen, dass er auch nicht eingegriffen hat, um den Tod Jesu zu verhindern, dass in dieser Welt von Giftschlangen bis zu Erdbeben und Tsunamis, von Viren bis zu Vulkanausbrüchen tödliche Gefahren lauern, vertrauen aber dank der Osterbotschaft vom auferstandenen Christus da-rauf, dass der Tod nicht das letzte Wort haben und alles Leid einmal überwunden sein wird.

Mit dem Wort Auferstehung wird auch so mancher Neubeginn nach einer Krise bedacht. Im Text "Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung" lässt sogar ein modernes Kirchenlied anklingen, dass dieser Begriff nicht nur für die österliche resurrectio, sondern auch für eine positive Wende im persönlichen Leben anwendbar ist. Ostern ist eng mit dem Lob Gottes durch den Ruf "Halleluja" verbunden, der im Oratorium "Der Messias" unvergleichlich vertont worden ist. "Georg Friedrich Händels Auferstehung" nannte Stefan Zweig in seinen "Sternstunden der Menschheit" das Kapitel über die Entstehung dieser Komposition, der eine schwere gesundheitliche Krise Händels vorangegangen war.

Zu Ostern 2005 erlebten wir einen stummen Papst, als dem todkranken Johannes Paul II. am Fenster zum Petersplatz die Stimme versagte. Vor kurzem sahen wir auf diesem Platz im strömenden Regen einen sehr einsamen Papst Franziskus den sonst nur zu Weihnachten und Ostern üblichen Segen Urbi et Orbi spenden.

Papst Franziskus beim einsamen Segenspenden "Urbi et Orbi" vor dem Petersdom. - © afp/F. V. Pinto
Papst Franziskus beim einsamen Segenspenden "Urbi et Orbi" vor dem Petersdom. - © afp/F. V. Pinto

In diesen starken Bildern wurde die ganze Ohnmacht des Menschen in Krisensituationen sichtbar. Von einem der literarischen Jahresregenten von 2020, dem vor 250 Jahren geborenen Dichter Friedrich Hölderlin, stammt der in solchen Situationen tröstliche Spruch: "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch."

Krise als Chance

Auch die Drangsale und Nöte dieses Frühjahrs werden einmal vergangen, aber - auch wenn wir in Österreich vielleicht weit glimpflicher als andere davonkommen - hoffentlich nicht so bald vergessen sein. Aus jeder Krise gilt es Lehren zu ziehen, die Chancen zu nutzen, die sie für positive Veränderung bieten. Wenn Goethe fröhliche Frühlingsmenschen in einem Kahn, "bis zum Sinken überladen", beschreibt, fallen wohl vielen sofort keineswegs lustige Menschen auf überladenen Booten ein. Die Migration, der Klimawandel - es warten ständig große Herausforderungen auf uns.

Aber jede humane Bewältigung einer Krise bedeutet eine Art Auferstehung und lässt uns in das Jauchzen von "groß und klein" am Ende von Goethes
"Osterspaziergang" einstimmen: "Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein."