Die derzeitige Pandemie zeigt Dimensionen und Facetten einer Weltgesellschaft auf. Der Idealismus vom "Weltstaat" wird im Zeichen der Krise jedoch von den Spannungsfeldern Abschottung versus Solidarität und Autokratie bzw. Diktatur versus Demokratie überschattet. Das Pendel droht in Richtung der ersten Begriffe auszuschlagen, wobei grundsätzlich zu fragen ist, ob die Universalität der Menschenrechte am besten in einem "Weltstaat" anwendbar ist.

Wäre Demokratie in einem "Weltstaat" überhaupt vorstellbar? Müsste Francis Fukuyamas euphorisches Buch über "Das Ende der Geschichte" (1992) nicht vielmehr vom Ende der Demokratie gehandelt haben? In manchen Staaten existiert sie indes gar nicht. Demokratisch verfasste Systeme sind weltweit in der Defensive, von den EU-Ländern Mitteleuropas einmal abgesehen. China, Russland und die USA deuten nicht auf einen globalen Trend zur Demokratie.

Die rasante globale Verbreitung des Virus ist nicht nur Ausdruck der Globalisierung, sondern auch Manifestation von Globalität, wie sie die Bonner Politikwissenschafter Ludger Kühnhardt und Tilman Mayer enzyklopädisch dokumentiert haben.

Beide wissen: Die EU allein kann die weltweite Krise nicht bewältigen. G20, IWF und Weltbank müssten mindestens in konzertierter und koordinierter, wenn nicht in konzentrierter und kooperativer Form gemeinsam agieren und die Vereinten Nationen in Richtung Weltregierung gestärkt werden. Fromme Wünsche?

"Weltgeist" Napoleon

Ein Weltstaat im klassisch-konventionell gedachten Sinne bleibt vorerst Utopie. Ein vernünftiger und wohlverstandener Weltgeist - eine globale Identität - müsste ihm vorausgehen. Die Idee der Weltgesellschaft begründet noch keinen "Weltstaat". Ihre Gleichsetzung ist voreilig, zumal die bisherigen Konstruktionen von Weltgesellschaft überwiegend als Nicht-Staat gedacht worden sind.

Auch so kann man Grenzen überwinden: Konzert an der derzeit wegen Corona geschlossenen Grenze zwischen Deutschland (l.) und der Schweiz in Konstanz/Kreuzlingen. - © dpa/Felix Kästle
Auch so kann man Grenzen überwinden: Konzert an der derzeit wegen Corona geschlossenen Grenze zwischen Deutschland (l.) und der Schweiz in Konstanz/Kreuzlingen. - © dpa/Felix Kästle

Aber blicken wir einmal zurück auf die verschiedenen Konzepte eines "Weltstaats", wie sie von verschiedenen Denkern entwickelt wurden.

Mit der "Großen Revolution", die in Frankreich als Beginn der histoire contemporaine, der Zeitgeschichte, gilt, schien 1789 ein neues Weltzeitalter anzubrechen. In Napoleon sah Georg Friedrich Wilhelm Hegel den "Weltgeist" oder auch die "Weltseele zu Pferde". Im Sinne eines metaphysischen Prinzips meinte er die Totalität der gesamten historischen Wirklichkeit, aber auch einen Prozess. Durch den "Weltgeist" verwirkliche sich der "Endzweck" in der Weltgeschichte, nämlich die "Vernunft in der Geschichte".

Nach Karl Marx und Friedrich Engels erwiesen sich die "Schikane des Weltgeistes" und die "List der Vernunft" letztlich als "Weltmarkt". Hegel wollte den "Weltstaat" nicht denken. Immanuel Kant meinte, die Völker würden einen solchen gar nicht wollen. Er gab sich mit einer Föderation zufrieden. Mit alledem haben sich Philosophie, Politikwissenschaft und Soziologie, kaum aber die Geschichtsforschung befasst.

Der Rechts- und Staatsdenker Carl Schmitt sah im "Weltstaat" aufgrund von manifestem Freund-Feind-Denken und der Kriege zwischen Staaten einen Widerspruch. Ein "Weltstaat", der die Menschheit als Ganzes einen würde, wäre seines politischen Charakters voll und ganz entledigt. Schmitt, für den der Begriff des Staates den Begriff des Politischen voraussetzte, verwarf daher die Idee, während der Schriftsteller Ernst Jünger davon ausging, dass der "Weltstaat" von einer Weltgesellschaft beherrscht und getragen werde. Unter dem Titel "Der Weltstaat. Organismus und Organisation" besagte sein zeitkritischer Essay 1960, dass man weniger "stehe", sondern in Bewegung sei. Diese beschleunige sich und laufe auf einen "Weltstaat" zu. Der Literaturwissenschafter Steffen Martus regte an, Jüngers "Weltstaat" nicht als Programmschrift für die UNO zu deuten, sondern auf sein Konzept des "Anarchisten" und "Waldgängers" als zukünftigen Menschentypus zurückzuführen.

Globaler Nationalstaat?

Der Soziologe und Sozialhistoriker Immanuel Wallerstein untersuchte Wirtschaftsräume. Er ging von einem Weltsystem im Sinne der europäischen Expansion und des Frühkapitalismus aus. In diesem seien die modernen Nationalstaaten entstanden. Diese Art von kolonisierter Weltgesellschaft brachte mit Unterwerfung indigener Kulturen eine extreme Verteilungsungleichheit hervor, wobei laut dem Linzer Afrika-Experten Thomas Spielbüchler die Entkolonialisierung keine Änderungen der machtpolitischen Strukturen der Welt bewirkte. Ob ein "Weltstaat" hier Besserungen verhieße, bleibt offen.

Der Sozialwissenschafter Peter Heintz wiederum hielt Weltgesellschaft für "einen neuen Typus". Ihre meisten Mitglieder würden nicht recht wahrnehmen, dass sie darin leben. Sie sei geeignet, traditionelle Konzepte der Gesellschaft zu überwinden. Nur eine "kleine Minderheit" würde sich schon als "Weltbürger", aber ohne Weltstaat fühlen. Während Heintz Weltgesellschaft als "Konglomerat verschiedener Kulturen" bezeichnete, verstand der Soziologe Niklas Luhmann sie als "weltweit sinnstiftende Interaktion" und als Begriff eines "funktionell differenzierten Systems", das grenzübergreifend funktioniere und durch seine Umwelt mitdefiniert werde. Den Begriff des "Weltstaats" verstand Luhmann als "globale Manifestation des idealtypischen Nationalstaates", gleichwohl das dafür notwendige Idealbild noch nicht existiere. Kein "Weltstaat" kann aber real so wie ein moderner Nationalstaat mit globaler Ausdehnung verstanden werden.

Eine Zeichnung des Soziologen und Systemtheoretikers Niklas Luhmann - © Sonntag/CC
Eine Zeichnung des Soziologen und Systemtheoretikers Niklas Luhmann - © Sonntag/CC

Der Soziologe Rudolf Stichweh knüpfte an Luhmann an, indem er Weltgesellschaft als System globaler Vernetzung mit Diffusion und Dezentralisierung beschrieb, ohne einen "Weltstaat" zu pro-gnostizieren. Der Politikwissenschafter und Konstruktivist der "Internationalen Beziehungen" Alexander Wendt geht dagegen von der unvermeidbaren Entwicklung zu einem "Weltstaat" aus. Er sei das logische Resultat sozialen Ringens um Anerkennung zwischen Staaten und werde letztlich Ausdruck einer kollektiven Identität sein. Wendt sieht derzeit schon Kompositionen lokaler Verwirklichungen von Weltstaatlichkeit, aber noch keinen universalen Weltstaat.

Die Soziologin Veronika Wittmann rekonstruierte die bisherige Debatte über Weltgesellschaft und kritisierte die eigene Disziplin dahingehend, nicht die über den nationalen Rahmen hinausgehenden, globalen gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse angemessen zu begreifen - das gilt auch für die Zeitgeschichte. Weltgesellschaft sei ein "Diskurs des Nordens", quasi eine Erblast des Kolonialismus, und diese sei auch kulturell zu divergent, wobei die sozio-ökonomische Inhomogenität innerhalb der Weltgesellschaft noch nicht bedeute, dass diese deshalb nicht existiere.

Europas Hoffnung

Die weltgesellschaftliche Realität hat ihre Idee mittlerweile eingeholt, die weltstaatliche Utopie hinkt der politischen Realität aber noch stark hinterher. Europarat und EU mit ihren Grund- und Menschenrechtsprinzipien bleiben neben der UNO Hoffnungsträger in der sich entwickelnden Weltgesellschaft. Der Rückzug ins nationale Schneckenhaus ist kein mittel- und langfristig sinnvoller Ausweg aus den Krisen unserer Zeit, sondern eine Einbahnstraße der Kurz-Zeitigkeit. So wird die Rechnung ohne den europäischen und globalen Wirt gemacht. Das Zeitgeschehen lehrte zuletzt: Globale Krisen sind nur mehr transnational zu lösen.

Die EU hat schon Formen von Staatlichkeit angenommen. Die Kommission kann weltgesellschaftlicher Vordenker sein und Impulsgeber bleiben, für einen eigenen Unionsstaat reichen die Kompetenzen aber noch nicht aus. Das gelänge nur, wenn die Mitgliedstaaten souveränitätspolitische Opfer bringen. Der Grazer EU-Forscher Peter Pichler sieht in der EU die Verkörperung einer "paradoxen Kohärenz" von Nationalität und Supranationalität.

Diesen Grundkonflikt zwischen nationaler und europäischer Identität in Krisen immer wieder auszubalancieren und einzurenken - mal durch "mehr", mal durch "weniger Europa" - sei das sinnstiftende Moment der EU. Dieses produktive Paradox mache sie zur kulturellen Risikogemeinschaft, deren einigendes Strukturband im Ausgleichen dieser Widersprüchlichkeiten bestehe.

Im Sinne von Verantwortungsgemeinschaft und Zukunftsraum versuche die EU, in der Krise alle Handlungsspielräume zu nutzen, um die paradoxe Kohärenz von Nation und Europa wiederherzustellen. Ob Corona-Bonds oder nicht: Um mehr Vergemeinschaftung werde man nicht herumkommen, sonst gebe es kaum Fortschritt, meint der Innsbrucker Politikwissenschafter Günther Pallaver. Der Nationalstaat allein sei gegenüber den globalen Herausforderungen machtlos.

Triste Forschungslage

Die jetzige Krise gibt aber nicht nur über Weltstaatskonstruktionen zu denken, sondern auch über bisherige Forschungsarbeit in unserem Land. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) machte 2010 mit der Reihe "Wissenschaftsstandort Österreich" auf ihre Forschungen aufmerksam. Die erste Broschüre trug den Titel "Ein wissenschaftliches Entwicklungsland?". Der damalige ÖAW-Präsident Helmut Denk antwortete "leider mit Ja".

Für die Zeitgeschichtsforschung war das schon keine Frage mehr, sondern ein Befund. Sie war von unserer Thematik fast so weit entfernt wie die Welt vom "Weltstaat". An der ÖAW wurde seit 2017 eine in ersten Ansätzen international ausgerichtete Zeitgeschichte im Verbund mit Biografie- und Neuzeitforschung systematisch abgewürgt und zerlegt. Anstatt sie zu stärken, verkroch man sich, institutionell abgesichert, auf Forschung zum "Balkan" und versteckte sich hinter der Habsburgermonarchie.

Gewiss keine unwesentlichen Anliegen, aber ist eine derart regional begrenzte, teileuropäische und epochenmäßig rückwärtsgewandte Orientierung im 21. Jahrhundert noch forschungszeitgemäß und gesellschaftsrelevant?

Die großen bewegenden Themen der internationalen Forschung und Jetztzeit wie die Biographien autoritärer Führungsfiguren, die Erosion des Systems der internationalen Beziehungen sowie der Demokratie, epochenübergreifend konkurrierende Großmächte-Konstellationen, die Neugewichtung des Multilateralismus zwischen den USA und der Welt oder die Neuauflage von Kaltem Krieg in Europa haben angesichts solch reduzierter Prioritätensetzung keine Chance. Globale Geschichtsanalysen wie Migra-
tionsgeschichte helfen hingegen, Weltgesellschaft besser zu verstehen.

Was die Zeitgeschichtsforschung an den Lehrstühlen österreichischer Universitäten angeht, dominiert die Beschäftigung mit der Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Gegenwartsgeschichte, histoire du temps presents, wie seit Jahrzehnten in Frankreich benannt, findet kaum statt. Zeitgeschichte ist Nationsgeschichte, was per se nichts Schlechtes, aber zu wenig ist.

Nicht-Österreich-Themen gibt es nur selten, z.B. Osteuropa, Russland und die Sowjetunion. Internationale Geschichte ist aber fast nur Fehlanzeige und Vergleichende Zeitgeschichte Europas Mangelware. Von einem Asien-Schwerpunkt träumen? Gleichwohl methodisch innovativ und theoretisch reflektiert wird neben Lokal- und Regionalgeschichte vor allem Staatsgeschichte geboten.

Der Eingansgbereich zum Haus der Geschichte in Wien. - © APA/HELMUT FOHRINGER
Der Eingansgbereich zum Haus der Geschichte in Wien. - © APA/HELMUT FOHRINGER

Viel Kraft war jahrelang gleich auf zwei Häuser der österreichischen Geschichte in St. Pölten und in Wien gerichtet. Der jüngste Österreichische Zeitgeschichtetag fand virtuell statt und befasste sich mit der wichtigen Frage, was nach den Jubiläen kommen soll. Bisher waren diese Tage Sammelpunkte engagierten akademischen Nachwuchses im nahezu völligen Prekariatszustand.

Krise als Lernchance

Jede Krise bietet Lernchancen. Für die Zeitgeschichtsforschung gilt es nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland, trotz drohender Renationalisierung im Zeichen von Corona, zukünftige Perspektiven und Strategien der Europäisierung, Internationalisierung und Globalisierung zu überlegen. Von bisherigen Einzelstudien ließe sich ausgehen, um noch mehr vergleichend weiterzuarbeiten. Ein europäischer und internationaler Vergleich kann im Sinne der Erforschung von Entscheidungskulturen aufzeigen, wie sich Staaten verhalten, welche Schlussfolgerungen ihre Entscheidungsträger aus Krisen gezogen haben, welche Mittel zum Einsatz kommen usw.

Eine Zeitgeschichte als Interdependenzforschung wird fragen, welche Auswirkungen die Corona-Krise etwa auf Klimapolitik hat. Die Zeit danach wird verdeutlichen, wie viele arme Menschen es gibt bzw. wo staatliche Hilfsmechanismen geholfen haben und wo nicht. Eine vergleichende Ungleichheitsforschung kann ausgehend von der Makro- bis zur Mikrogeschichte gehen, eingeschlossen die Regionalgeschichte, wovon die bisher verdienstvolle österreichische Bundesländerforschung weiter profitieren kann.

Ohne eine substanzielle Forschungsförderung und Beendigung der Benachteiligung der Geisteswissenschaften aufgrund ihrer chronischen Unterfinanzierung wird das freilich nicht gelingen. Die hierarchische und bürokratische ÖAW ist mit ihren finanziellen Möglichkeiten für die "Philosophisch-Historische Klasse" im Grunde eine "Armedei der Wissenschaften". Wenn gleich kommuniziert würde, dass geisteswissenschaftliche Projekte gar nicht so erwünscht sind, so wie dies der Jubiläumsfonds der Na-tionalbank seit letztem Jahr ehrlicherweise tut, könnte man sich monatelange Projektantragsarbeit sparen. Vorzugaukeln, dass es "exzellente" Fördermöglichkeiten für "die Besten" gibt und man speziell auch Geisteswissenschafter zur Antragsstellung einlädt, ist angesichts der schon seit geraumer Zeit bestehenden Begutachtungs- und Bewilligungspraxis des Wissenschaftsfonds FWF zynisch.

Es geht bei den jüngeren Forscher/innen längst nicht um "die Besten", die bereits aus dem zeitgeschichtlichen "Entwicklungsland" abgewandert sind, sondern vielmehr um "ein Lotteriespiel", bei dem die genannten Disziplinen benachteiligt sind. Um "exzellent" bewertet zu werden, müssten zwei exzellente Gutachten vorliegen, was in den Geisteswissenschaften aufgrund verschiedenster Denkschulen ungleich schwieriger ist als in den Naturwissenschaften. Wenn wie in den letzten Jahren von vier "exzellent" begutachteten geschichtswissenschaftlichen FWF-Projekten aufgrund finanzieller Begrenzungen nur eines gefördert werden kann, hat "Entwicklungshilfe" keine Chance.

Verteilungskämpfe

Eine nachhaltige, teamorientierte und international wettbewerbsfähige zeitgeschichtliche Forschung ließ sich bisher in Österreich nicht entwickeln. Es dominieren Einzelkämpfer und Kleinstgruppen. Neben der Virologie ganz generell mehr Geld in Bildung und Forschung zu investieren, sollte eine Lehre aus der Corona-Krise sein. Die massiv zu erwartenden Verteilungskämpfe nach Covid-19 dürften aber kaum bessere Chancen bieten - so wie auch nicht für die Weltgesellschaft, vom "Weltstaat" ganz zu schweigen. Wenn (welt-)gesellschaftsrelevante, zeitgemäße und zukunftsträchtige Forschung ausbleibt, um so weniger. Um mit Hegel zu enden: Ist das Bewusstsein erst revolutioniert, kann die Wirklichkeit nicht mehr standhalten.