Also einen Satz gibt es, anhand dessen man diesem Buch und seinem Autor einen unrealistischen Blick auf die Welt vorwerfen könnte. Er steht auf Seite 274 und lautet: "Wir haben den Kampf gegen die großen Infek-tionskrankheiten so gut wie gewonnen." Daran erkennt man, dass es vor Jahresbeginn geschrieben wurde, auch wenn es erst heuer - zumindest auf Deutsch - erschienen ist.

Sehr viel mehr Sätze, die man derart offenkundig gegen Rutger Bregman und seine Weltsicht vorbringen könnte, wird man auf den rund 470 Seiten von "Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit" aber nicht (mehr) finden.

Und das ist erstaunlich, denn der junge (1988 geborene) niederländische Historiker stellt sich in dem Buch, wie der nicht unbescheidene Untertitel ja bereits verrät, einer riesengroßen Aufgabe und Herausforderung: Er will nicht weniger, als in globalhistorischem Ausmaß zeigen, dass der Mensch "im Grunde gut" ist. Und damit antreten gegen ein Menschenbild, das u.a. von Denkern wie Thukydides, Augustinus, Machiavelli, Hobbes, Luther, Calvin, Nietzsche und Freud seit Jahrhunderten propagiert wird - nämlich: Der Mensch ist von Natur aus egoistisch.

Das ist nicht nur die Ansicht von Philosophen, es ist auch die Grundlage von traditionellem Christentum, rationaler Aufklärung, von Kapitalismus und Kommunismus, die - in unterschiedlichen Ausprägungen - allesamt von der sogenannten Fassadentheorie ausgehen, wonach die Zivilisation nur eine dünne Fassade ist, die beim geringsten Anlass einstürzt. Weswegen es bestimmter Institutionen und Machtstrukturen bedarf, um genau das zu verhindern.

Diese Theorie ist für Rutger Bregman grundlegend falsch. Kein Wunder, dass er für sein Projekt anfänglich wenig Unterstützung bekam: "Ein deutscher Verlag lehnte meinen Buchvorschlag entschieden ab: Die Deutschen würden nicht an das Gute im Menschen glauben." Eine Ansicht, die der Philosoph Peter Sloterdijk kürzlich in einem Aufsatz zur Corona-Krise bestätigte: "Es wirkt immer rufschädigend, wenn der Verdacht aufkommt, man sei ein guter Mensch."

Rutger Bregman hat Erfahrung mit dieser Art von Benachteiligung: "Wer sich für den Menschen einsetzt, wird auf Schritt und Tritt verspottet und beschimpft. Man wäre naiv. Einfältig." Und man tritt gegen eine Hydra an: "Für jedes menschenfeindliche Argument, das man für ungültig erklärt, kriegt man zwei zurück. Die Fassadentheorie ist ein Zombie, der sich weigert zu sterben."

Rutger Bregman bei seinem Auftritt 2019 in Davos. - © Weltwirtschaftsforum
Rutger Bregman bei seinem Auftritt 2019 in Davos. - © Weltwirtschaftsforum

Der Holländer, der 2019 von sich reden machte, als er beim Weltwirtschaftsforum in Davos die Steuervermeidung von Mil-liardären anprangerte, lässt sich von derlei Konfrontationen aber keineswegs entmutigen, ganz im Gegenteil. Er fand einen Verlag (und mittlerweile ist auch sein nunmehriger deutscher, Rowohlt, heilfroh, denn das Buch hält sich seit Wochen konstant in den Sachbuchbestsellerlisten) und konnte seine Sicht in aller Detailfülle und mit geduldiger Argumentation darlegen. Und dabei zeigt sich: Dieser Mann ist keineswegs naiv, schon gar nicht einfältig. Er ist vielmehr klug, belesen, mutig und überzeugend. Daher wusste er auch von Beginn an, dass er nicht nur gegen die genannte Galerie klassischer "Ego-Denker" anzutreten hat, sondern auch gegen eine Phalanx jüngerer Herausforderer, die für eine nachhaltige Verfestigung eines negativen Menschenbildes sorgten.

Echter Herr der Fliegen

Dazu zählen: "William Golding und seine düstere Phantasie, Richard Dawkins mit seinem egoistischen Gen. Jared Diamond und seine traurige Geschichte über die Osterinsel." Und die beiden amerikanischen Psychologen Philip Zambardo und Stanley Milgram, die mit ihren jeweiligen, berühmt gewordenen Experimenten (dem "Stanford-Prison"- und dem "Milgram"-Experiment) beweisen wollten, dass ganz normale Menschen in bestimmten Situationen rasch bereit sind, gegen andere gewaltsam vorzugehen.

Bregman ist in der Auseinandersetzung mit all diesen Männern (Frauen finden sich mit derlei Behauptungen kaum) nicht alleine. Er kann auf eine Reihe von Soziologen, Psychologen, Anthropologen und Archäologen (darunter viele Frauen) zurückgreifen, die in jüngerer Zeit Belege gefunden und zusammengetragen haben, die diese düsteren Befunde aufhellen bzw. widerlegen.

Daher ist dieses Buch auch eine spannende (und spannend geschriebene) Reise zu zeitgenössischen Forschungsbereichen, die tatsächlich ein anderes Menschenbild begründen helfen. Es ist faszinierend, zu sehen, wie ein Dominostein der schwarzen Welt- und Humansicht nach dem anderen umfällt. Die beiden genannten Experimente von Zambardo und Milgram: beide schwer manipulativ - und in ihren Ergebnissen nicht haltbar; Dawkins’ "egoistisches Gen": biologisch längst überholt; und auch das Fazit über die Osterinsel, wo die egoistischen Bewohner angeblich ihre eigene Zivilisation vernichtet haben, fällt diametral anders aus, als Jared Diamond oder Thor Heyerdahl das behaupteten: "Es gab keinen Krieg, keine Hungersnot, keinen Kannibalismus. Die Abholzung des Waldes machte die Insel nicht ärmer, sondern produktiver. Das Massaker um 1680 hat nie stattgefunden. Die eigentliche Zerstörung erfolgte erst nach 1860. Die Ausländer fanden kein Chaos vor, sie richteten eines an."

Und was ist mit "Herr der Fliegen"? Dieses Buch des britischen Lehrers und Nobelpreisträgers William Golding aus dem Jahr 1951, das von einer Gruppe Jugendlicher erzählt, die auf einer Insel stranden und dort innerhalb kürzester Zeit zu Bestien und Mördern werden, hat sich weltweit millionenfach verkauft und mit seiner "realistischen Betrachtung von Kindern" eine nachhaltige Wirkung erzielt. Tatsächlich ist es reine Fiktion, der Phantasie eines misanthropischen, depressiven und alkoholkranken Mannes entsprungen.

Eine ähnliche Geschichte mit ganz anderem Ausgang hat sich 1965 in der Südsee zugetragen, als einige Jugendliche, Schüler eines englischen Internats auf der Insel Tonga, mit einem gestohlenen Boot ausrissen, in Seenot gerieten und nach tagelanger Irrfahrt auf einer unbewohnten Felsinsel namens ’Ata landeten. Als sie dort nach 15 Monaten durch Zufall von der Besatzung eines vorbeifahrenden Schiffes gesichtet und aufgelesen wurden, zeigte sich, dass sie sich weder kannibalisiert noch kriminalisiert hatten.

Tanz der Argumente

Sie waren vielmehr in einer erstaunlich kreativen und solidarischen Weise miteinander umgegangen - und hatten auf diese Weise ihr Überleben gesichert. "Manchmal gab es Streit, aber wenn das passierte, gaben sie einander Freiraum. Einer begab sich auf die eine Seite der Insel, der andere auf die andere, bis sie sich wieder abgekühlt hatten."

Diese reale Geschichte hat es bei weitem nicht zu jener Berühmtheit gebracht wie Goldings Roman, der bis heute zur Pflichtlektüre in Schulen zählt. Auch das zeigt Bregman in seinem Buch, dass nämlich die einstige Theorie von Thomas Hobbes, wonach der Mensch des Menschen Wolf sei, bis heute mächtige Fürsprecher hat. Diese zynische Weltsicht, die bis in gängige Betriebswirtschaftslehren und politische Machttheorien hinein fortwirkt, hat viele Vorteile: Sie ist fatalistisch, selbstbestätigend, legitimiert Kontrolle und sichert den Machterhalt.

Der einzige philosophische Gegenspieler zu Hobbes - und seiner folgenreichen Theorie vom "Leviathan", dem Alleinherrscher, der dem Kampf aller gegen alle Einhalt gebietet (1651 veröffentlich) - war Jean-Jacques Rousseau. Der Ansicht des Franzosen, wonach der Mensch in seinem ursprünglichen, natürlichen Zustand gut gewesen sei und erst durch die Zivilisation verdorben wurde, kann der Holländer Bregman viel abgewinnen. Daher zieht sich der fiktive Disput dieser beiden Denker (Rousseau wurde 1712 geboren, als Hobbes schon 33 Jahre tot war) als ein Tanz der Argumente, eine Art philosophischer Pas de Deux, durch das gesamte Buch. Immerhin sind Hobbes und Rousseau bis heute "die gedanklichen Urväter aller Konservativen und Progressiven, der Realisten und Idealisten geblieben".

Warum Rousseau, der für seine Ansichten ebenfalls vielfach verspottet und für naiv gehalten wurde, für Bregman recht behalten hat? Weil dessen Belege überzeugend sind, also dass der Urmensch als Nomade in einer Welt der Freiheit und Gleichheit lebte, während er vor rund 15.000 Jahren, nach Ende der letzten Eiszeit, durch den Klimawandel bedingt, sesshaft wurde, Landwirtschaft betrieb, Dörfer und Städte errichtete - und Besitz erwarb. "Wie sagte Rousseau doch gleich dazu? ,Der Erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: dies ist mein‘ - damit ging es schief."

Es war der Beginn von Ungleichheit, Ungerechtigkeit und der Startschuss für Kriege. Der "Homo puppy", als welchen Bregman den Menschen in seiner Evolution vom Neandertaler zum freundlichen, sozialen Wesen vor rund 50.000 Jahren beschreibt und bezeichnet ("Was Hunde im Vergleich zu Wölfen sind, sind wir verglichen mit Neandertalern"), verwandelte sich "vom Kosmopoliten zum Xenophoben".

Die sogenannte Zivilisation, die uns heute als bewahrenswerte Errungenschaft erscheint, war, wie Bregman folgert, lange Zeit keineswegs ein Segen: "Wenn die Geschichte der Zivilisation nur einen Tag andauern würde, wären 23 Stunden 45 Minuten bitteres Elend gewesen; allein in den letzten 15 Minuten würde sie sich plötzlich als großartige Idee erweisen."

Ob sie freilich wirklich eine so gute Idee war und ist, bleibt für Bregman eine offene Frage. Er konzediert allerdings, dass der Fluch der Zivilisation - und all ihrer Folgeschäden (von Weltkriegen bis zur Klimakatastrophe) - sich überwinden lässt. Und dass wir heute recht wohl "die Wahl haben, unsere Städte und Staaten so zu organisieren, dass alle etwas davon haben". Im letzten Abschnitt des Buches (das die Existenz des Bösen übrigens nirgendwo leugnet, sondern nur in seiner Erscheinungshäufigkeit relativiert - und damit für einen anderen Realismus plädiert) präsentiert Bregman eine Vielzahl an internationalen Beispielen für partizipative und kooperative Bürgerrechtspolitik, geglückte Friedensinitiativen (von Südafrika bis Kolumbien), neue Pflege- und Schulformen, bis hin zu innovativen Gefängnismodellen (etwa in Norwegen).

Aus all dem zieht der Historiker für die Gegenwart den Schluss, dass wir - so wie deutsche und britische Soldaten 1914, als sie während des berühmten Weihnachtsfriedens freiwillig aus den Schützengräben kamen - aus heutigen Schützengräben, die sich u.a. durch soziale Medien bilden, herauskommen müssen, um nicht eine kleine, hasserfüllte Minderheit (die Trolle im Internet erwiesenermaßen sind) als repräsentativ für den Rest der Menschheit anzusehen. Dafür brauchen wir Verstand, dessen Anteil Bregman - auch darin konsequent anti-freudianisch - keineswegs für gering erachtet: "Unser Verstand ist keine dünne Schicht, die unsere emotionale Natur bedeckt. Er ist ein wesentlicher Bestandteil dessen, wer wir sind. Er macht uns zum Menschen."

Und deswegen warnt er auch vor einem Übergenuss an sozialen Medien und Nachrichten, die uns ein verzerrtes Bild der Welt liefern. Und schließt mit einem Ratschlag, der uns an dieser Stelle naturgemäß besonders gefällt: "Meine Faustregel: Studiere lieber die bedächtige Samstagausgabe der Tageszeitungen als das tägliche Newsbulletin."