"Und jetzt war alles vorüber, ich hatte nicht ein einziges Exemplar aufzuweisen aus den unbekannten Ländern, die ich durchzogen hatte, kein Mittel der Rückerinnerung an jene wilden Szenen, denen ich beigewohnt. Aber alles Bedauern war, wie ich mir sagen mußte, vergeblich..."

So lautete das niederschmetternde Resümee des dreißigjährigen Alfred Russel Wallace (1823-1913) nach dem Brand auf der Helen, dem Zweimaster, mit dem der Naturforscher die Reise aus Brasilien zurück in die Heimat angetreten hatte. Rund siebenhundert Meilen von den Bermudas entfernt war der größte Teil seiner Kollektion samt zahlreichen Skizzen und Notizen den Flammen zum Opfer gefallen.

Pionier Wallace

Einen einzigen Papagei konnten die Schiffbrüchigen aus dem Atlantik fischen. In Manaos, dem Ausgangspunkt für die Rückreise zwei Monate zuvor, hatte Wallace noch 34 lebende Tiere besessen, darunter zwei Hellrote Aras, zwanzig weitere Papageien in zwölf Arten, einen "Fasan" und einen Tukan. Es müssen tausende, ja zehntausende Gegenstände, Pflanzen und Tiere unterschiedlichster Provenienz und Gattung gewesen sein, die er auf seiner vierjährigen Erkundungstour durch die unerschlossenen Weiten des Amazonasbeckens zusammengetragen hatte - Fische, Insekten, geschossene Vögel oder schlicht aufgesammelte Weichtiere und andere Objekte.

Obwohl ihn das Inferno auf hoher See um die meisten Früchte seiner Sammel- und Forschungstätigkeit bringt, stellt der Pionier der Evolutionsforschung gut fünfzig Jahre später in seinen Lebenserinnerungen fest: "Die Reise war das zentrale und alles beherrschende Ereignis meines Lebens."

Wo Wallace seinen Fuß hinsetzt oder Stromschnellen bezwingt, herrscht noch die pure Wildnis. Hitze, Mücken und Krankheiten machen das (Über-) Leben zu einem wahren Abenteuer. Indianer sind seine oft unberechenbaren und unwilligen Helfer. Doch im Blätterdach über ihm hausen Faultiere, Wollaffen und Uakaris; Jaguare durchstreifen den Tropenwald; Flussdelfine, Seekühe und Unmengen an Fischen, von Alligatoren umlauert, durchziehen die Gewässer; und das Heer der Gliederfüßer dominiert überall. Von diesem Fluidum lässt er sich Tag für Tag umgarnen. Wallace gewinnt Einblicke in die Vielheit der tierischen Bewohner Amazoniens - auf ganz unterschiedlichen Ebenen.

Zunächst einmal ist es die Fülle der Arten an sich, seien es Käfer, Schmetterlinge, Affen oder eben die Vögel. Allein unter den Papageien vermag er zwischen Ara und Sperlingspapagei mindestens dreißig verschiedene Vertreter auszumachen, und nicht weniger als 16 Tukanarten begegnen ihm von der Amazonasmündung bis zum Rio Negro. Auch Mitglieder der Schreivögel, einer fast ausschließlich auf Lateinamerika beschränkten Vogelgruppe, lernt er kennen. Wegen der Stimme fällt Wallace einer ihrer Vertreter besonders auf: der schneeweiß gefiederte Einlappenkotinga (Procnius albus). Lautstark lässt er um die Mittagszeit seinen Ruf wie eine Glocke erschallen, wenn all die anderen Vögel stumm erscheinen.

Im Deutschen heißt er auch Zapfenglöckner, da an seinem Schnabel ein eigenartiges fleischiges Gebilde herunterhängt. Nach heutigem Wissensstand ist er die weltweit stimmgewaltigste Vogelart. Der Schallpegel seines Gesangs von bis zu 125 Dezibel wird von keiner anderen Vogelart auch nur annähernd erreicht.

Variantenreichtum

Das Leib-und-Magen-Thema des englischen Forschungsreisenden bilden freilich die regionalen Verbreitungsmuster der Fauna und die Verbreitungstendenzen einzelner Arten. Folgerichtig führt ihn sein Weg vom gelernten Landvermesser zum Begründer und ersten Architekten der Biogeographie. Doch für die Beantwortung dieses Fragenkreises werden ihm später die vernichteten Tierpräparate und Aufzeichnungen bitter fehlen.

Indes gibt es eine weitere Ebene der Mannigfaltigkeit. Wallace entdeckt nämlich den Variantenreichtum der Vögel, die offenbar dennoch nach identischen Nahrungsquellen gieren. "Welche Vögel hätten merkwürdigere und unterschiedlichere Schnabelformen aufzuweisen als der Ibis, der Löffler und der Reiher? Und doch sieht man sie Seite an Seite im Flachwasser desselben Strandes nach derselben Nahrung suchen."

Die gleiche Überlegung beschäftigt ihn bei den fruchtfressenden Vögeln, die "sich vom selben Baume nähren". Wie lassen sich derartige Rätsel auflösen? Dahinter verbergen sich zutiefst evolutionsbiologische Fragen, nach der Entstehungsgeschichte, nach der Funktion von Körperbau und Verhalten, nach der Konkurrenz der Organismen oder gar ihrem wechselseitigen Nutzen.

Ein Balistar-Paar. Diese Art ist nur noch in Tierhaltungen sicher, wie hier im Vogelpark Irgenöd (Bayern). - © Sontag
Ein Balistar-Paar. Diese Art ist nur noch in Tierhaltungen sicher, wie hier im Vogelpark Irgenöd (Bayern). - © Sontag

Was Wallace bei seiner ersten großen Tropenunternehmung nicht vergönnt war, sollte ihm zwischen Singapur und Neuguinea in überreichem Maße zuteilwerden. Acht Jahre treibt es den überragenden Tier- und Pflanzenkenner durch den Sunda-Archipel. Der Ertrag dieser Folge von Entdeckungsfahrten in eine zersplitterte Inselwelt beläuft sich auf über einhunderttausend "naturgeschichtliche Gegenstände". Darunter finden sich mehr als 8000 Vögel. Endlich triumphierte die Suche nach der Vielfalt der Organismen.

Vordenker Uexküll

Zwei Jahre nach der glorreichen Rückkehr des britischen Evolutionsforschers aus dem malaiischen Archipel erblickte eineinhalbtausend Kilometer weiter östlich der Entdecker einer biologischen Vielfalt ganz anderer Couleur das Licht der Welt: Jakob Johann von Uexküll (1864-1944). Auf Gut Keblas im heutigen Estland geboren, absolvierte der adelige Deutschbalte ein Zoologiestudium an der Universität Dorpat (jetzt Tartu).

In der praktischen Forschung wandte er sich vornehmlich Wassertieren zu, von Blutegeln bis Langusten und Seeigeln, doch sein Interesse galt der gesamten Breite des Organismenreichs. Hier kamen Graugans, Rohrdommel und ihre geschnäbelten Verwandten ins Spiel, ja bildeten zentrale Figuren in seinen Streifzügen durch die Tierwelt.

Uexküll war ein dezidierter Individualist und lebte de facto als ein Privatgelehrter. Doch seine enorme Wachheit für alles Lebende und die Fähigkeit, das Beobachtete in ein umfassendes Konzept zu gießen, machten ihn paradoxerweise gleich in mehreren Disziplinen der Biologie und verwandter Wissensgebiete zu einem einflussreichen Vordenker.

Entscheidend war sein Befund, dass ein Tier jeweils nur über eine eingeschränkte Wahrnehmung der Umwelt verfügt, und zwar entsprechend seiner biologischen Ausstattung. Infolgedessen hat jedes Tier auch ein eigenes Zeit- und Raumempfinden. "Ebenso ist die Welt einer Krähe, die eines Wasserhuhns, eines Falken trotz Vogel-Gemeinsamkeiten jeweils spezifisch." So fasste der Schweizer Zoologe und Biophilosoph Adolf Portmann die Sicht Uexkülls als Wegbereiter einer neuen Biologie zusammen.

Uexküll griff auf die Arbeit von Konrad Lorenz zurück. Ihn faszinierte die Idee, dass etwa eine Dohle die Artgenossen, je nach Situation, gewissermaßen gespalten wahrnimmt. Demnach dominieren in der Kindheit Eltern- und Geschwisterkumpane, später sind es nach dieser Vorstellung die Flug- und sozialen Kumpane, und schließlich hat es die nun erwachsene Dohle mit Geschlechtskumpanen und mit einigem Glück auch mit Kindkumpanen zu tun.

Unter bestimmten Bedingungen lassen sich sogar Ersatzkumpane "erwirken". Dies kann zu kuriosen Ergebnissen führen. Uexküll berichtet: "Im Amsterdamer Zoo befand sich ein junges Rohrdommelpärchen, dessen Männchen sich in den Direktor des Zoos ,verliebt‘ hatte. Um die Paarung nicht zu hindern, machte er sich längere Zeit unsichtbar. Das hatte den Erfolg, daß das Männchen sich an das Weibchen gewöhnte. Es kam zu einer glücklichen Ehe, und als das Weibchen auf seinen Eiern brütend saß, wagte es der Direktor, sich wieder sehen zu lassen. Aber was geschah? Kaum erblickte das Männchen seinen ehemaligen Liebeskumpan, so jagte es das Weibchen vom Neste weg und schien durch wiederholte Verbeugungen anzudeuten, er möge den ihm zukommenden Platz einnehmen und das Brutgeschäft weiterführen."

Mannigfaltigkeit schlägt sich also nicht allein im Aussehen eines Vogels oder im Erscheinungsbild seines Lebensraums nieder. Was unsereinem zunächst eindeutig oder immergleich vorkommen mag, kann bei verschiedenen Spezies nach vollkommen unterschiedlichen Prinzipien ablaufen.

Die Mannigfaltigkeit der Arten ist freilich nur die eine Seite. Weit weniger Beachtung fand lange die Tatsache, dass die Vielfalt viel weiter reicht, nämlich bis zum einzelnen Individuum. Wer über längere Zeiträume, etwa über mehrere Jahre, eine Gruppe artgleicher Vogelindividuen, zum Beispiel Stare, beobachten kann, wird feststellen, dass die vermeintlich nicht unterscheidbaren Gruppenmitglieder über spezielle Eigenheiten verfügen. Mit einem Wort: Sie repräsentieren Persönlichkeiten. Schon im Aussehen finden sich oftmals gewisse Abweichungen, nicht selten sogar auffallende Unterschiede. Und mit dem Verhalten verstärken sich die Verschiedenheiten.

Vertreter ihrer Gattung, und doch allesamt auch Individuen: Dreifarben-Glanzstare in Kenia. - © Sarah Gundre-Parker
Vertreter ihrer Gattung, und doch allesamt auch Individuen: Dreifarben-Glanzstare in Kenia. - © Sarah Gundre-Parker

Insgesamt sind unsere Kenntnisse über die Vogelarten in den vergangenen Jahrzehnten mit beeindruckender Geschwindigkeit gewachsen. Da allerdings, wo es um die Einstufung und Beurteilung innerartlicher Abweichungen geht, stoßen wir auf erheblichen Nachholbedarf. So verwundert kaum, dass die Frage nach der Persönlichkeit auch für das Vogelreich im Trend liegt.

Zunächst einmal sollte man sich bewusst machen, wie der Lebensentwurf des einzelnen Vogels grundsätzlich aussieht. Von vornherein bestimmend für das individuelle Schicksal ist das Geschlecht. Über den weiteren Verlauf gibt der Zeitpfeil den Takt an, denn das Individuum ist ja nicht zeitlebens gleich. Als Nestling oder Nestflüchter in die Welt gesetzt, durchläuft es über die Entwöhnung, das Teenager- oder Jugendstadium und womöglich noch weitere Zwischenstadien bis zur Geschlechtsreife des vollerwachsenen Vogels mehrere Lebensabschnitte. An der Mauser, einer Spezialität der Vögel, lässt sich rein äußerlich die Chronologie dieser Lebensphasen nachvollziehen.

Zoologe Heini Hediger

Zugang zu den individuellen Feinheiten im Verhalten bekommt, wer über längere Zeit intensiven Kontakt mit vielen Tieren und darüber hinaus vor allem mit mehreren Angehörigen jeweils einer Spezies hat. Einen derartigen Fall repräsentierte etwa der Zoologe Heini Hediger. Der 1906 in Basel geborene Kaufmannssohn entwickelte früh eine ausgesprochen innige Beziehung zu Tieren. Zu Hause umgab ihn bald eine kleine Privatmenagerie. Auch außerhalb suchte er beharrlich die Nähe von Getier aller Art - Fischen, Hunden, Ziegen, Panther und Gnu im Basler "Zolli" bis zum Menschensilben stammelnden Eichelhäher.

Hediger konnte sich nicht erinnern, jemals einen anderen Beruf angestrebt zu haben als den eines Zoodirektors. Er schlug denn auch tatsächlich diesen Weg ein und wurde im Laufe seiner Karriere nacheinander der Leiter der drei Schweizer Tiergärten. Sein Sinn für die Vielfalt, gespeist aus den Erlebnissen und Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend, wurde bald durch eine einjährige Südseefahrt nachhaltig gestärkt.

Feierte schon früh das Tier als Individuum: der Schweizer Zoodirektor Heini Hediger - © Zoo Zürich
Feierte schon früh das Tier als Individuum: der Schweizer Zoodirektor Heini Hediger - © Zoo Zürich

So wie es Wallace und Stresemann vorgemacht hatten, ging der Zoologiestudent in der fernöstlichen Inselwelt auf Sammeltour. Hier hatte er gewissermaßen auch erstmals ernsthaften Kontakt mit "fliegenden" Tieren, nämlich mit flugverdächtigen Schlangen, denen er eine seiner ersten Veröffentlichungen widmete. Allerdings erwiesen sich die mutmaßlichen Flugkünste von Dendrelaphis calligaster als nichtig. Danach tauchten auch gefiederte Studienobjekte, vom Höckerschwan bis zum Marabu, regelmäßig in Hedigers grenzenlosem Œuvre auf.

Hediger schöpft mehr als die meisten anderen Naturforscher aus dem Vollen, denn als Tiergartendirektor ist er zwangsläufig mit der gesamten Breite des Organismenreichs konfrontiert. Hier hat er es mit den uns geläufigen Zooinsassen zu tun, Flusspferden und Elefanten, Keas und Pinguinen, zudem auch mit deren Schmarotzern und mit all den ungebetenen, freilaufenden Gästen eines Zoobetriebs. Dazu gehören Futter stehlende Ratten oder Rotfüchse, die es etwa auf Wassergeflügel und ihre Brut abgesehen haben könnten. Weil jedem Zootier die unbedingte Zuwendung gehört, wird der Blick für Feinheiten seiner Verfassung und seines Verhaltens - kurz für das Individuelle - geschärft. Womöglich gerade deshalb findet er den Zugang zum tierlichen Individuum als eigenständigem Subjekt viel früher als andere professionelle Tierforscher und Verhaltenskundler.

Beispielhaft unterstreicht dies die folgende drastische, im wahrsten Sinne singuläre Beobachtung Hedigers bei seinen jugendlichen Besuchen im "Zolli", in einer noch rohen Ära der Tierhaltung. Ein Hermelin, dem lebende Ratten als gängige Leckerbissen dargeboten wurden, lehnte eines Tages eine zur Fütterung vorgesehene Ratte aus unerfindlichen Gründen ab und ging mit ihr eine monate- oder sogar jahrelange Freundschaft ein.

Beobachtungspalette

Der Zoodirektor und Universitätslehrer kann eine Reihe von Schülern für sein Credo gewinnen, das sich an der Artenvielfalt und zugleich maßgeblich am einzelnen Tier orientiert. Wie spielen oder sonnen sich die Gehegebewohner? Wie begegnen sich vertraute und fremde Tiere? Wie trinken Finken, Papageien und Flamingos? Unter den Fittichen eines Betreuers, der zugleich als Zoochef über Hunderte von exotischer wie einheimischer Gefiederter, Geschuppter und Gezähnter verfügt, ist die Beobachtungspalette nahezu unbegrenzt. Einer seiner Doktoranden, Robert Keller, nimmt die Spielleidenschaft der Keas unter die Lupe. Er entdeckt die Fähigkeit dieser neuseeländischen Papageien, Purzelbäume zu schlagen, zu schaukeln sowie Schneekugeln und Schneewalzen herzustellen und vor sich her zu schieben.

Hediger feierte das Individuum sozusagen als Unzeitgemäßer. Doch mittlerweile sind Untersuchungen über individuelle Temperamente, etwa an Kohlmeisen oder Staren, geradezu modern. Als Maß dienen unter anderem die Aktivität, Aggressivität und die Neigung eines Vogels, seine Umgebung zu erkunden. Besonders anschaulich erscheinen individuell unterschiedliche Schlafgewohnheiten. Unter Blaumeisen, deren Verhalten mit Hilfe von Infrarotkameras in Nistkästen aufgezeichnet wurde, fanden sich ausgeprägte Langschläfer und andere, die wesentlich früher munter wurden und später zu Bett gingen. Ihre Nächtigungsweise behielten die Tiere dauerhaft bei. All diese Persönlichkeitsforschung steckt freilich noch in den Anfängen.