Machen wir uns nichts vor: Der überwiegende Teil aller Fotos, die im Laufe eines Menschenlebens gemacht werden, landet früher oder später auf dem Müll. Ein kleiner Teil vielleicht auch am Flohmarkt, und ein noch kleinerer Teil wird längerfristig aufgehoben. Dass Fotos entsorgt und schließlich vergessen werden, ist also ein ganz normaler Prozess. Weggeworfen werden: Hochzeitsfotos und Reiseerinnerungen, Aufnahmen von Familienfeiern, Freunden und Bekannten, Onkel Hans und Tante Julia, all den Nichten und Neffen, Ausflügen und Freizeitereignissen, darunter Bergeindrücke und Badefreuden und vieles, vieles mehr.

Warum verschwinden all diese Bilder? Die Gründe sind unterschiedlich: Platzprobleme, Trennungen, Umzüge, Auszüge, Entfremdungen aller Art, und sehr oft ist es der Tod, der Dinge, die einem Menschen lieb und teuer waren, mit einem Schlag entwertet. Wer soll die Fotos, die nach dem Tod übrig bleiben, aufheben? Bilder, die Jahrzehnte alt sind und deren Protagonisten vielleicht kaum mehr jemand kennt?

Ökologie der Bilder

Am Beginn des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts hat sich das Thema "Was tun mit alten Fotos?" noch zusätzlich verschärft. Denn analoge Fotos werden seit 20 Jahren kaum mehr gemacht. Und die enorme Menge an digitalen Fotos, die auf unseren Rechnern, diversen Festplatten, Memory Sticks und auf den Speicherkarten der Handys gelagert ist, hat, nüchtern betrachtet, noch weniger Chancen, länger zu überleben als die guten alten Fotoabzüge auf Papier. Digitale Fotografie wird meist unwillentlich (durch Missgeschicke oder mangelndes technisches Können) entsorgt: Etwa wenn Rechner, Geräte oder Internetanbieter gewechselt werden. Oder einfach: Wenn das Handy ins Wasser fällt und alle Daten unlesbar werden.

Wenn alte Fotos weggeworfen, entsorgt oder einfach vergessen werden, muss das nicht zwangsläufig ein existenzielles Drama sein. Was für die alten Kleider, Schuhe oder Bücher gilt, die sich seit Jahren in unserer Wohnung angesammelt haben, gilt auch für Fotos: Wir müssen, wollen wir nicht im Chaos ersticken, mit den Dingen um uns herum haushalten, im Sinne einer Strategie des Mach- und Bewältigbaren. Sonst wachsen uns diese Alltagsdinge buchstäblich über den Kopf und wir ersticken - wie Messies - im aufgestauten Material. Fotografie, diagnostizierte die amerikanische Autorin und Kritikerin Susan Sontag in ihrem legendären Buch "On Photography" schon vor Jahrzehnten (1977), sei längst ein Massenphänomen geworden, so "wie Sex oder Tanzen". Sie beendete ihr Buch mit einem Plädoyer für ein Maßhalten im Umgang mit Bildern. Sie spricht, in Analogie zur Ökologie realer Dinge, die in den 1970er Jahren erstmals breit diskutiert wurde, von der Notwendigkeit einer "Ökologie der Bilder", die dem blinden Anhäufen entgegengesetzt sei.

Und dennoch: Fotos sind nicht Schuhe, die entsorgt werden, ohne viel nachzudenken. Fotografien sind, solange sie im sozialen Verbund, in dem sie entstanden, verbleiben, höchst bedeutsame Dinge, auch und gerade dann, wenn sie gealtert sind. Insbesondere im privaten Kontext sind Fotos emotional aufgeladene Erinnerungsstücke.

Geschichte schreiben

Ein Fall für das Museum - oder nicht? Erinnerung an Mallorca, 1950er Jahre. - © Archiv Holzer
Ein Fall für das Museum - oder nicht? Erinnerung an Mallorca, 1950er Jahre. - © Archiv Holzer

Dazu kommt, dass Fotografien neben dieser lebensgeschichtlichen Erinnerungsfunktion auch noch andere Rollen spielen, unter anderem sind sie historische Dokumente. Seit langem ist die Geschichtsschreibung ohne fotografische Bilder nicht mehr denkbar, seit vielen Jahrzehnten sind Geschichtsbücher ganz selbstverständlich mit Fotografien bestückt. Audiovisuelle Dokumente sind, darüber besteht längst kein Zweifel mehr, zentraler Teil unserer kollektiven Erinnerung. Lange Zeit wurden zur Bebilderung der Geschichte fast ausschließlich Aufnahmen professioneller Lichtbildner (meist Bilder von Pressefotografinnen und Pressefotografen) verwendet. In den letzten Jahren hat sich die Haltung privaten Foto- (aber auch Film-)Aufnahmen gegenüber deutlich geändert. Man hat verstanden, dass die sogenannte "große Politik" und der Alltag der "kleinen Leute" eng miteinander verknüpft sind. Geschichte in Bildern zu schreiben, bedeutet demnach, auch das Leben weitab von Ministerialbürokratien und Pressekonferenzen in den Blick zu nehmen.

Lange Zeit wurden die privaten "Knipserbilder" in einen unüberbrückbaren Abstand zu den künstlerisch anspruchsvollen Hervorbringungen der Fotografie gebracht. Inzwischen ist die Verachtung gegenüber Knipsern und Amateuren etwas kleiner geworden. Es ist keine Seltenheit mehr, dass private Fotografien Eingang ins Museum finden. Das war nicht immer so. Die etablierten Institutionen der Kunst haben sich nur langsam und widerwillig der Fotografie geöffnet: Erst ab den 1970er Jahren gab es vermehrt reine Fotoausstellungen in Kunstmuseen, der große Fotoboom, der in den 1990er Jahren einsetzte, adelte einzelne Fotokünstler und Fotokünstlerinnen, indem ihre Arbeiten oft in riesigen, wandfüllenden Formaten zum Gegenpart der etablierten (Mal-)Kunst erhoben wurden. Und seit etwa 15 Jahren finden auch lange Zeit verachtete Formate der Fotografie Eingang ins Kunstmuseum: private Aufnahmen, Fotobücher, illustrierte Zeitungen und Zeitschriften, Fotopostkarten etc.

Foto-Kompetenzzentrum

Fotografie, in all ihren Ausprägungen, hat also inzwischen einen erheblichen dokumentarischen, künstlerischen und musealen Wert bekommen. Wenn dem so ist, stellt sich unweigerlich die Frage, wie Fotografien, die bedeutsam für unsere Geschichte, unser künstlerisches Selbstverständnis und unsere Erinnerung sind, ausfindig gemacht werden, langfristig aufbewahrt, gesichert und gezeigt werden können. Doch genau hier wird es kompliziert: Wer bestimmt, welche Fotos aufbewahrungs- und sammlungswürdig sind? Gehört die private Fotografie auch dazu, oder sollen nur (von wem auch immer) ausgewählte "Meisterwerke" gesammelt werden? Und weiter: Wer ist für eine solche Sammlung überhaupt zuständig? Der Staat, bestehende Archive und Institutionen, Private? Braucht es ein Museum oder ein gut ausgestattetes Archiv? Oder eher ein Kompetenzzentrum für Fotografie, mit entsprechenden Forschungs- und Vermittlungskapazitäten, Datenbanken, Online-Präsentationen usw.? Welche Rolle spielt die Wissenschaft in einem solchen Projekt? Macht es überhaupt Sinn, das Medium Fotografie getrennt von anderen Medien (etwa dem Film oder dem Internet) zu betrachten?

Fotos sind emotionale Objekte. Hochzeitsbild, 1920er Jahre. - © Archiv Holzer
Fotos sind emotionale Objekte. Hochzeitsbild, 1920er Jahre. - © Archiv Holzer

Soll ein staatliches Fotomuseum bestehende Bestände zusammenfassen oder gänzlich neu zu sammeln beginnen? Sollen private Sammlungen der Ausgangspunkt für weitere Akquisitionen sein oder nicht? Sollen die Bestände physisch an einem Ort vereint werden oder sollen Online-Datenbanken dafür sorgen, dass die breite Zugänglichkeit für regional verstreute Fotosammlungen möglich ist? Und schließlich, auf Österreich bezogen: Gibt es überhaupt eine österreichische Fotografie? Wenn wir etwa daran denken, dass die Überlieferungsgeschichte vieler Sammlungen und Archive, die aus der k.u.k. Monarchie stammen, länder- und regionenübergreifend erfolgte, bringt ein strikter nationaler Bezugsrahmen eine gewisse Einschränkung mit sich.

Als in den letzten Monaten in Österreich und in Deutschland eine breite Debatte über die Notwendigkeit eines Fotomuseums einsetzte, wurden all diese Fragen eher am Rande behandelt. Aber immerhin: Mit einem Mal schien in beiden Ländern möglich, was jahrzehntelang verschleppt und verhindert worden war: die Errichtung eines staatlich geförderten Foto-Kompetenzzentrums. Die deutsche Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat sich 2019 dezidiert für ein bundesweites deutsches Foto-Zentrum ausgesprochen und eine Studie zu den Möglichkeiten einer Realisierung in Auftrag gegeben, die seit März 2020 vorliegt.

Standortfrage

Als Standort wird nicht, wie ursprünglich vorgesehen, Düsseldorf vorgeschlagen, sondern Essen, das bessere Voraussetzungen mitbringe. Inzwischen ist zwischen den beiden Städten eine regelrechte Medienschlacht um den Zuschlag entstanden. Die Stadt Ulm, die sich ursprünglich ebenfalls beworben hatte, ist schon aus dem Rennen. Auch in Österreich ist seit 2017 die Diskussion um ein staatliches Fotomuseum wieder entflammt. Die Diskussion drehte sich unter anderem um die Frage: Braucht es ein solches Museum überhaupt? Und wenn ja: Sollte dieses in Wien oder, wie zuletzt kolportiert, in Salzburg errichtet werden?

Eine Machbarkeitsstudie wurde von Bund und Land Salzburg in Auftrag gegeben und 2019 fertiggestellt. Veröffentlicht wurde diese, anders als in Deutschland, bisher nicht. Entscheidung ist ebenfalls noch keine gefallen. Weder über die Frage ja oder nein, noch über den Standort. Jüngst hat sich auch noch Linz ins Gespräch gebracht, der neue Leiter des oberösterreichischen Landesmuseums, Alfred Weidinger, will das inzwischen umbenannte Landesmuseum demnächst in ein Museum der Fotografie und Medienkunst umgestalten. Die Meldung, die Ende März 2020 erfolgte, ging im Corona-Fieber unter. Was genau geplant ist, ist noch nicht ganz klar.

Es wird also - wieder einmal - diskutiert und gestritten, vor allem über die Standortfrage. Die konzeptuelle Debatte über die Rolle eines solchen Fotomuseums fiel bisher weit weniger ergiebig aus. Auch die Frage, welche Fotografien aus welchen Gründen gesammelt bzw. aufbewahrt, erforscht und vielleicht öffentlich ausgestellt werden sollen, blieb in den bisherigen öffentlichen Diskussionen weitgehend ausgeklammert.

Eines aber scheint jetzt schon sicher: Ein wie auch immer geartetes Museum oder Kompetenzzentrum kann - allein schon aus Kapazitätsgründen - nur relativ wenige ausgewählte Fotobestände neu ankaufen bzw. übernehmen, bearbeiten und langfristig sichern. Es ist mit Sicherheit ausgeschlossen, dass die Familienfotosammlung von Onkel Hans und die Urlaubsdias von Tante Julia in einer solchen neuen staatlichen Sammlung landen werden. Man sollte das auch offen aussprechen und die Akquisitionskriterien breit diskutieren.

Gesucht: Kriterien

Ein Blick über die Landesgrenzen hinweg ist sinnvoll. Als mögliche Modelle könnten, so die erwähnte deutsche Studie, unter anderem das Nederlands Fotomuseum in Rotterdam oder die Fotostiftung Schweiz dienen. Ersteres wurde, unterstützt durch eine private Anschubfinanzierung, im Jahr 2003 errichtet. Finanziell getragen wird es mittlerweile durch den Staat, die Stadt Rotterdam sowie eingeworbene Drittmittel. Inzwischen ist die Sammlung des Nederlands Fotomuseum, die sich aus den Beständen mehrerer Vorgängerinstitutionen und aus kontinuierlichen Ankäufen zusammensetzt, auf 5,5 Millionen Bilder angewachsen. Auch die Fotostiftung Schweiz geht ursprünglich auf eine private Initiative zurück. Sie wurde 1971 als "Stiftung für die Photographie" gegründet, wird aber mittlerweile zu einem großen Teil aus dem staatlichen schweizerischen Kulturbudget gefördert.

Die zunächst in Zürich und seit 2003 in Winterthur beheimatete, international viel beachtete Einrichtung ist ein modernes Archiv und zugleich Kompetenzzentrum zur schweizerischen Fotografie. Gesammelt werden ausgewählte Nachlässe herausragender Schweizer Fotografinnen und Fotografen, die professionell erschlossen, aufbereitet und gesichert werden. Die Sammlung umfasst rund 250.000 Archivabzüge, 50.000 Ausstellungsprints und ein bis zwei Millionen Negative. In drei Ausstellungen pro Jahr werden diese einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Zusammen mit dem Fotomuseum Winterthur betreibt die Fotostiftung Schweiz eine gut ausgestattete Fachbibliothek für Fotografie sowie, zusammen mit der ETH Zürich, eine ständig wachsende Online-Sammlung.

Sowohl die Fotostiftung Schweiz als auch das Nederlands Fotomuseum haben klare Richtlinien entwickelt, was gesammelt wird und was nicht. Die Betonung liegt auf dem Wörtchen "nicht". Denn beide Institutionen sammeln bei weitem nicht alles, sondern wählen sehr gezielt aus. In Rotterdam wurden bisher an die 170 Archive von Fotografinnen und Fotografen gesammelt, in Winterthur sind es an die 100. Das bedeutet: Es erfolgt eine strenge Auswahl, bevor Fotos ins Museum kommen und hier - um teures Geld - langfristig für die Nachwelt aufbewahrt werden.

Ein neues Fotomuseum in Österreich und Deutschland wird diese internationalen Erfahrungen aufgreifen müssen. Es ist sinnvoll, bereits jetzt Kriterien dafür zu entwickeln, was in der neuen Institution aufbewahrt werden soll - und was nicht. Wenn man ehrlich ist, wird man festhalten müssen: Der Großteil der privaten Fotobestände wird auch in Zukunft nicht im neuen Fotomuseum landen. Ganz einfach deswegen, weil dafür die Ressourcen fehlen werden. Heißt das, dass eine neue staatliche Sammlung für Fotografie keine privaten Fotos sammeln sollte? Ganz und gar nicht! Die private Dimension der Fotografie sollte unbedingt eine Rolle spielen, allerdings in Form sorgsam ausgewählter Bestände, die in Dialog etwa mit dokumentarischen, fotojournalistischen oder künstlerischen Formen der Fotografie treten könnten.

Einbeziehung

- © Archiv Holzer
© Archiv Holzer

Was passiert mit dem Gros der Fotografien, die bisher im Müll oder am Flohmarkt landeten? Der Weg zur Entsorgung und ins Vergessen wird wohl auch künftig nicht zu vermeiden sein. Aber wenn die Sensibilität für den Wert der Fotografie allgemein steigt, besteht die Chance, dass neben den Archivräumen eines neuen Fotomuseums auch andere Adressaten für interessante Fotosammlungen ins Spiel kommen, die seit vielen Jahren schon enormes Fachwissen und Expertise für historische Fotografie aufgebaut haben: etwa das Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien, die beiden neuen Häuser für die österreichische Geschichte, das Wien Museum, die Fotosammlungen der Landes- und Stadtarchive, diverse weitere Museen, aber auch private Fotosammlungen und Fotoinstitutionen wie Bonartes oder Westlicht und einige andere mehr.

An all diesen Orten wird seit vielen Jahren Fotografie gesammelt und teilweise auch erforscht, ausgestellt und veröffentlicht. Bevor ein neues Fotozentrum aus der Taufe gehoben wird, wäre es sinnvoll, all diese Aktivitäten und Ressourcen zu erheben und zu vernetzen. Und es wäre hoch an der Zeit, die zahlreichen kompetenten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter all dieser Institutionen, aber auch Expertinnen und Experten in den Bereichen Fotografiegeschichte, Museums- und Archivkunde, Restaurierung etc. in die Diskussion über den künftigen Umgang mit dem österreichischen Fotoerbe miteinzubeziehen. Noch ist Zeit dafür.