Sie waren die Superhelden der Aufklärung, ein Gegenkonzept zum militaristischen "héros": Die Rede ist von den "grands hommes". Diese "großen Männer" vereinen Genie und Talent mit unerschütterlicher Tugendhaftigkeit, haben stets das Gemein- und Staatswohl im Blick. So steht es in der von Diderot und d’Alembert herausgegebenen "Encyclopédie" geschrieben; der Eintrag stammt von Chevalier Louis de Jaucourt, einem eminenten Mitarbeiter des epochalen Nachschlagewerks. Die grands hommes sind also humanistische Geisteshelden, und als solche von hoher Symbolkraft für den Wertekanon und die kulturelle Identität einer Gesellschaft. Man hält sie öffentlich präsent, durch Jubiläen, Denkmäler oder auch Ortsnamen.

Bordeaux hat diesen Heroen einen besonderen Erinnerungsort geschaffen: In der nobelsten Meile der Altstadt liegt die Place des Grands Hommes. Von da führen sternförmig Straßen weg, allesamt nach Frankreichs Aufklärer-Prominenz benannt: Rue Voltaire, Rue Diderot, Rue Buffon, Rue J.-J. Rousseau, Rue Montesquieu. Nur die Rue Montaigne fügt sich - rein zeitlich betrachtet - nicht in diese Gruppe. Montaignes Präsenz in diesem Strahlenkranz hat einen anderen Grund. Sein Wirken ist mit der Geschichte der Stadt untrennbar verbunden; selbiges trifft auf Charles-Louis de Secondat Baron de La Brède de Montesquieu zu. Nach dieser - literaturgeografischen - Logik sollte hier freilich auch eine Rue Mauriac zu finden sein. Die aber verläuft in einem profaneren Altstadtviertel. Dennoch: Die "3 M", das Dreigestirn Montaigne, Montesquieu und Mauriac, wurde zur kulturellen Chiffre für Bordeaux. Dieser Troika sei ein nicht minder leuchtendes "M" hinzugefügt - die Buchhandlung Mollat.

Selbstbewusst

Die "4 M" also: Ihre Geschichte umspannt fünf Jahrhunderte. Sie haben den Genius Loci von Bordeaux auf höchst unterschiedliche Weise geprägt - und wurden von diesem ihrerseits beeinflusst. Bordeaux ist eine elegante, selbstbewusste Stadt, weltoffen durch den Weinhandel, markiert durch die lange englische Herrschaft - und durch den Stolz und Tatendrang des Gascogners. Zur französischen Zentralmacht hatte man oft ein distanziertes, mitunter rebellisches Verhältnis. Bordeaux entwickelte sich zum mächtigen Regionalzentrum, ausgestattet mit Privilegien und einem eigenen Oberstgericht, dem Parlement. Dort bildeten sich wahre Richterdynastien heraus: Montaigne, geboren 1533, zählte zu dieser Kaste.

Seine Ägide als Gerichtsrat fiel in die Zeit der Hugenottenkriege. Am Gerichtshof fand er im seelenverwandten Richterkollegen La Boétie einen wahren Freund. Der starb früh, Montaigne erbte seine Bibliothek, quittierte bald das Amt und zog sich auf das Familienschloss im Périgord zurück. In der Turmbibliothek nahm er sein Opus Magnum, die "Essais" in Angriff (das anti-dogmatische Epochenbuch landete auf dem Index des Vatikan). Die erste Ausgabe ging 1580 in Druck - bei Simon Millanges. Die Druckerei befand sich in der Rue St.-James, einen Steinwurf vom Rathaus entfernt. In dieses zog Montaigne 1581 ein. Er übte das Amt des Bürgermeisters vier Jahre aus. Der nach humanistischen Idealen erzogene Adelsspross, seines Zeichens auch Kammerherr des Hugenotten Henri de Navarre, bewährt sich als Mediator zwischen dem katholischen und protestantischen Lager. Die Stadt prosperierte.

Als Rathaus von Bordeaux diente damals die Grosse Cloche, ein mächtiger Uhr-/Glockenturm, der zugleich als Stadttor fungierte. Er beherbergte auch ein Gefängnis, aus dem manch Bordelaiser Reeder kräftige Männer freikaufte. Bürgermeister Montaigne hatte seine festen Routen durch die Stadt, zum Beispiel entlang der Garonne - oder durch die Rue Sainte-Catherine (heute 1250 Meter lange Fußgängerzone), wo er seine (vielen) Handschuhe besorgte. Seine Familie besaß mehrere Häuser in der Altstadt, u.a. in der Rue de la Rousselle.

Montaigne-Kenotaph im Musée d'Aquitaine. - © Waldinger
Montaigne-Kenotaph im Musée d'Aquitaine. - © Waldinger

Nach seiner Amtszeit (in Bordeaux wütete gerade die Pest) kehrte Montaigne zurück auf sein Schloss und schrieb an den "Essais" fort. Er starb 1592 in der Hauskapelle und fand im Kloster der Feuillanten in Bordeaux seine - vorläufig - letzte Ruhestatt: Das Kloster wich einem Lycée, dieses einem Universitätsinstitut. Montaignes Kenotaph stand in der Eingangshalle, und viele Studenten berührten vor Prüfungen das Bein der Skulptur. In den 1980ern wurde das Gebäude zum Musée d’Aquitaine umgestaltet, wo der Kenotaph heute zu sehen ist. Erst jüngst entdeckte man im Keller des Museums einen Sarg - mit dem Namen "Montaigne": DNA-Analysen der Gebeine sollen letzte Zweifel beseitigen. Nach dem großen Mann der Renaissance sind auch das Elitegymnasium und die größte Universität von Bordeaux benannt.

Die Familie von Montesquieu gehörte ebenfalls zum Amtsadel des Parlement; sie besaß Domizile in Bordeaux und Weingüter in der Region, etwa das Chateau de la Brède. Hier wuchs Montesquieu (Jahrgang 1689) auf, hier lebte und arbeitete er zumeist. Er unterhielt sich viel mit den Weinbauern, verfasste sogar ein Werk zur Weinkultur. Auf seine Schulzeit in einem Pariser Internat folgte ein Jurastudium in Bordeaux. Die Stadt spielte bereits eine große Rolle im Kolonialhandel.

In der Stadt verankert

Montesquieu (1689-1755). - © Collection Chateau Versailles
Montesquieu (1689-1755). - © Collection Chateau Versailles

1714 erbte Montesquieu von einem Onkel das Amt des Gerichtspräsidenten und wurde Mitglied der Bordelaiser Akademie der Künste, Wissenschaften und Literatur. Es wehte der Geist der Aufklärung. Und Montesquieu nahm mit seiner Satire "Lettres persanes" (Persische Briefe) System und Gesellschaft des verfallenden Absolutismus ins Visier. Das Buch erschien anonym in Amsterdam. Es wurde ein Bestseller, europaweit, und ebenfalls vom Vatikan verboten - wie schon Montesquieus Hauptwerk "Vom Geist der Gesetze" (Bordeaux hat sogar eine Rue Esprit des Lois!).

Der Rechtsphilosoph verkaufte sein Richteramt; sein weiteres Leben verlief zwischen La Brède und Paris, wo er 1755 starb; sein Grab in der Kirche Saint-Sulpice wurde in der Französischen Revolution geschändet, der Verbleib der sterblichen Überreste ist unbekannt. Bordeaux würdigt Montaigne und Montesquieu mit Standbildern an der riesigen Place des Quinconces; die beiden Philosophen aber haben der Stadt kein literarisches Denkmal gesetzt.

Mauriac-Büste von Ossip Zadkine im Jardin Public. - © Waldinger
Mauriac-Büste von Ossip Zadkine im Jardin Public. - © Waldinger

Ganz anders François Mauriac, dessen Werk tief in der Stadt und deren Umland verankert ist. Der 1885 in Bordeaux geborene Sohn vermögender Kaufleute (Holz- und Weinhandel) litt unter der kastenhaften Enge seines Milieus. Sein antiklerikaler, republikanischer Vater starb jung, die Kinder wuchsen in Obhut der erzkatholischen Mutter auf; Onkel Louis, ein Anwalt, übernahm die Vormundschaft. Mauriac absolvierte in Bordeaux eine katholische Schule und ein Literaturstudium; die Ferien verbrachte er auf den Landsitzen der Familie (das Weingut Chateau Malagar gehört heute der Region Aquitanien; es beherbergt das Centre Mauriac).

Sein Geist wurde jedoch mehr von linkskatholischen Geistlichen (darunter sein Bruder Jean) geformt. 1907 ging er nach Paris, wo ihn Maurice Barrès förderte - und ihm die freigeistige Avantgarde neue Horizonte eröffnete. Politisch engagierte sich Mauriac im Spanischen Bürgerkrieg, in der Résistance oder für die Rechte der Maghrebiner. Sein autobiografisch grundiertes Romanwerk trug ihm den Nobelpreis ein. Es leuchtet die Abgründe der Provinzbourgeoisie aus, ihre Dünkel und Heuchelei, ihren Materialismus. Familienzwang und Pflichtgefühl stehen dem Glück vieler Figuren entgegen. Die Universalität seiner dunklen Bürgerportraits wurde nicht immer erkannt. Bordeaux versöhnte sich mit seinem großen Sohn - und ehrte ihn zum 80. Geburtstag im Grand Théâtre. Auch eine Büste im Stadtpark und im Musée des
Beaux-Arts würdigen den Romancier. Dieser frequentierte und literarisierte übrigens gern unser viertes "M" - die Buchhandlung Mollat.

Mollat, das ist die Geschichte einer Institution. Albert Mollat gründete 1896 ein Buch-, Papier- und Lederwarengeschäft und einen Verlag. 1928 übersiedelte das Unternehmen an den jetzigen Standort, die Rue Porte-Dijeaux/Ecke Rue Vital Carles (letztes Stadtdomizil von Montesquieu!). Die Buchhandlung expandierte auf fünf Läden und ein Plattengeschäft. 1989 übernahm Urenkel Denis Mollat die Führung. Eigentlich ist er Mediziner, aber eben auch einziger Sohn - und mithin "héritier involontaire", unfreiwilliger Erbe, wie er sich selbstironisch nennt.

Charismatischer Patron

Schaufenster-Detail: Die Buchhandlung Mollat in der Rue Porte-Dijeaux/Ecke Rue Vital Carles. - © Camille Dalby/Mollat
Schaufenster-Detail: Die Buchhandlung Mollat in der Rue Porte-Dijeaux/Ecke Rue Vital Carles. - © Camille Dalby/Mollat

Doch Denis Mollat steuert das Unternehmen mit Leidenschaft, Systematik und Innovationsgeist. Dabei verläuft sein Start unter schwierigsten Umständen: 1990 eröffnet Virgin in Bordeaux einen Megastore, und die nahe Filiale der Kette Fnac holt sich ihren Direktor von Mollat. Denis Mollat kontert - und wirbt von Fnac eine Spitzenkraft ab. Virgin hat 2013 geschlossen, Mollat aber beging 2016 sein 100-Jahr-Jubiläum.

Der charismatische Patron führt uns durch sein Universum, das einen ganzen Häuserkomplex umfasst. Die Einzelläden sind zu 2700 m2 Verkaufsfläche vereinigt: 15 deckenhohe Bücherrayons, 350.000 Titel auf Lager, dazu Musik, DVDs - und als perfekte Lotsen 55 diplomierte Buchhändler. Fix angestellt, wie Monsieur Mollat betont. Der so dynamische wie dionysische Unternehmer ist auch passionierter Freizeitpilot und Fotograf. Den Verlag hat er reanimiert, und mit der Station Ausone einen High-Tech-Saal für Lesungen, Diskussionen, Ausstellungen und Konzerte geschaffen: "Wir zeichnen die Veranstaltungen auf, sie sind auf YouTube zu sehen." Auch via Website (www.mollat.com), soziale Medien und das Webzine www.station-ausone.com stellt Mollat ein breites Kulturprogramm zur Verfügung.

Mollat, die größte und älteste unabhängige librairie Frankreichs, hält ihre Tore auch sonn- und feiertags offen. Ihre marineblauen Papiertaschen gehören zu den Mythen des Bordelaiser Alltags. Sie werden gehütet wie ein Fetisch, wie der ortsansässige Künstler Rodolphe Martinez schwärmt. Seine Würdigung findet sich im "Dictionnaire amoureux de la librairie Mollat" (Plon, 2016), in dem Vertreter aus Wissenschaft, Kunst und Literatur ihre Liebe zu diesem Tempel bekennen. Für den Historiker Pierre Nora ist Mollat eine Bücherstadt, für den Philosophen Michel Serres eine Universität; und Winzerlegende Alexandre de Lur Saluces nennt Denis Mollat einen leuchtenden "Anti-Fahrenheit 451".

Das letzte Wort überlassen wir dem Geehrten selbst: Das Buch, so Denis Mollat, "ist ein Bollwerk gegen die Barbarei".