Der Bruderkrieg" lautet ein neuer Buchtitel von Hermann Pölking und Linn Sackarnd. Am 19. Juli 1870, provoziert durch die legendäre Emser Depesche von Bismarck, wurde der Krieg vor den Kriegen von Frankreich an Preußen offiziell erklärt. Das deutsche Bürgertum besaß ein zwiespältiges Bild von Frankreich: Wurde seine Kultur einerseits sehr verehrt, galt es andererseits seit dem 17. und 18. Jahrhundert als aggressiver "Raubstaat". Elsass und Lothringen gehörten mit den Bistümern Metz, Toul und Verdun zum Heiligen Römischen Reich. Ludwig XIV. hatte sich unter Behauptung fraglicher Rechtstitel und durch mehrere Kriege die Gebiete einverleibt, was die Reichsstände ohnmächtig hinnahmen.

Im 19. Jahrhundert wurde dies im Zeichen des aufkommenden Nationalismus als "Unrecht an den Deutschen" im Sinne einer "Erbfeindschaft" hochstilisiert. Die Befreiungskriege gegen Napoléon I. hatten zuvor schon einen deutschen Franzosenhass provoziert. Das Ringen um den Rhein tat ein übriges.

Brutalisierung und
Demütigung

Im Sommer 1870 zogen Hunderttausende in die Schlachten. Fast drei Millionen Soldaten, darunter mehr als eine Million Deutsche, waren insgesamt mobilisiert. Die erste Phase ging als Kabinettskrieg mit der entscheidenden Schlacht von Sedan am 2. September zu Ende, in der die französische Châlons-Armee vernichtend geschlagen und Kaiser Napoleon III. gefangen wurde. Das war zuletzt in der Schlacht von Pavia 1525 Karl V. gegen Franz I. gelungen.

Die Dritte Republik unternahm unter Léon Gambetta und Jules Favre mit Guerillakrieg ("Francs-tireurs") und Massenmobilisierung alles, um die drohende Niederlage abzuwenden. Darauf entschieden die deutschen Militärs, weiter vorzurücken und Paris zu belagern. Die Bevölkerung litt unter dem mit größtmöglicher Brutalität geführten Krieg. Die französische Hauptstadt wurde mit schwerer Artillerie beschossen. Im Winter 1870/71 versuchten neu aufgestellte französische Armeen, Paris zu entsetzen. Fast 200.000 Soldaten starben. Der deutsche Truppeneinzug in Paris am 1. März 1871 traf Frankreichs Seele tief.

Noch während der Kampfhandlungen wurde am 18. Jänner 1871 im Spiegelsaal von Schloss Versailles eiligst das deutsche Kaiserreich ausgerufen, solange der Partikularismus der unbotmäßigen süddeutschen Staaten nicht von außen unterstützt werden konnte. Frankreich war im Abwehrkampf und Österreich durch den Krieg mit Preußen von 1866 entkräftet. Die "blutige Reichsgründung", so Tobias Arand, hatte praktische wie symbolische Gründe. Das Hauptquartier der deutschen Truppen mit Bismarck an der Spitze lag in Versailles. Im Schaufenster der französischen Monarchie erschien die Demonstration der Macht besonders eindrucksvoll, was eine bewusste Demütigung war. Das Gemälde Anton von Werners, das die Kaiserproklamation zeigt, ist nicht nur in deutschen Geschichtsbüchern endlos reproduziert worden, sondern auch in europäischen Schulbüchern das meistgezeigte Bild zur deutschen Geschichte.

Folgen und
Reaktionen

Der Sieg prägte nachhaltig das Geschichtsbild der Deutschen von der Reichseinigung "aus Blut und Eisen". Für viele Franzosen wurde beides zum Trauma. Mit "Welch eine Wendung durch Gottes Führung!" ließ sich die deutsche Kriegspropaganda nach Sedan vernehmen. Die Nationalbewegung erhielt in ganz Deutschland großen Auftrieb. Am 28. Jänner 1871 wurde der Waffenstillstand unterzeichnet. Frankreich musste im Frieden von Frankfurt am 10. Mai Teile von Elsass und Lothringen abtreten sowie Reparationen in Höhe von fünf Milliarden Francs leisten. Die Gebiete waren von Konservativen, Liberalen und Journalisten gefordert worden. Die preußisch-deutsche Führung hielt sie aus militärstrategischen Gründen für nützlich. Deutsche Industrielle wünschten Zugriff auf lothringisches Erz.

Gegen die Annexion waren nur vereinzelt deutsche linksliberale Publizisten und die sozialistischen Abgeordneten im norddeutschen Reichstag, die seit September 1870 die Kriegskreditvorlagen ablehnten. Mit Elsass-Lothringen als "Reichsland" verfestigte sich der Dualismus der "Erbfeindschaft", der durch das französische Revanchebedürfnis noch verschärft war. Gambetta sprach das berühmte "Immer daran denken, niemals davon sprechen" aus. Der Sozialist Jean Jaurès bezichtigte hingegen sein Land einer Mitschuld am Krieg, denn es hätte über Jahrhunderte eine Einigung Deutschlands hintertrieben: "Frankreich war es, die ihn seit langem vorbereitet und fast unvermeidbar gemacht hat, indem es ... der notwendigen und legitimen deutschen Einheit mit stiller Feindschaft entgegengetreten ist. ... Wie schmerzhaft war es, nicht länger die große Nation, sondern nur eine große Nation zu sein!" Während Frankreich in Folgejahrzehnten alles daran setzte, seine Stärke zurückzugewinnen, reagierte Bismarck mit einem ausgeklügelten Bündnissystem, um den Nachbarn möglichst zu isolieren. Beides sollte nicht gelingen.

Frankreichs Niederlage bedeutete einen Rückschlag für seinen seit Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgten Wirtschaftsaufschwung. Das Vertrauen in Armee und Staat war perdu. Mit Sedan wurde der Mythos vom unbesiegbaren deutschen Soldaten geboren. Der Sieg gab allem Militärischen einen überhöhten Stellenwert. Intensiviert wurde die Modernisierung des deutschen Militärs durch das preußische Modell der allgemeinen Wehrpflicht bei kurzer Dienstzeit. Die Reparationsgewinne beflügelten den Gründer-Boom. Denkmäler für den "Eisernen Kanzler" schossen wie Pilze aus dem Boden. Ein Bismarckturm gehörte zu jeder größeren Stadt. Gravelotte-, Sedan- und Weißenburg-Straßen künden noch heute von den erfolgreichen Schlachten. Der vielbeschworene Angriffsgeist führte zu einer "blinden Anbetung der rohen Gewalt" (Arand).

Von Versailles
zu Versailles

Der Sieg von 1871 verschob nicht nur die Machtverhältnisse am Kontinent, sondern verkehrte sie laut Andreas Wirsching auch ins Gegenteil. Vor 1870 war Frankreich stärkste Militärmacht Europas. Das wilhelminische Reich begann von nun an bevölkerungsmäßig, militärisch und ökonomisch vor Frankreich zu rangieren.

Historisch betrachtet lässt sich keine direkte Linie von 1871 bis 1914 ziehen, doch hält Arand fest, dass der Erste Weltkrieg in seiner Brutalität und seinem Hass nicht denkbar gewesen wäre "ohne das deutsch-französische Unglück des enthemmten National- und Volkskriegs von 1870/71". Der Frieden mit dem Deutschen Reich sollte nach dem Ersten Weltkrieg nicht zufällig 1919 in Versailles besiegelt werden. Die Verhandlungen wurden bewusst am 18. Jänner eröffnet. Deutschlands Großmachtstellung blieb jedoch trotz massiver französischer Reparationsforderungen im Wesentlichen bestehen. Seine strukturelle Überlegenheit manifestierte sich wieder Ende der 1930er Jahre, was im Juni 1940 zu einer weiteren brutalen Niederlage Frankreichs führte. Dass etwas mehr als zehn Jahre später mit der Montanunion ein deutsch-französischer Schulterschluss erfolgte, der zur Begründung der westeuropäischen Einigung und von Verständigung zur Versöhnung beider Länder führen sollte, erscheint vor dem historischen Hintergrund der drei Kriege wie ein Wunder, war aber auch Ergebnis von Einsicht und Vernunft von am Boden liegenden Nationen. Vor allem aber galt es nun, mit Integration das deutsche Gefahrenpotenzial kontrolliert einzubinden.