Giordano Brunos Schaffen erreicht im London der Jahre 1583 bis 1585 einen Höhepunkt. In Werken wie "Das Aschermittwochsmahl", "Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen" oder "Über das Unendliche, das Universum und die Welten" philosophiert er buchstäblich über Gott und die Welt. In fast prophetischer Weise nimmt er spätere naturwissenschaftliche Entdeckungen vorweg: Der Italiener spekuliert bloß - das aber konsequent und weitsichtig.

Für die allermeisten Menschen der damaligen Zeit ruht die Erde noch völlig unbewegt im Mittelpunkt des Universums. Sie dreht sich nicht. Vielmehr soll der ganze Kosmos jeden Tag aufs Neue um sie herum wirbeln. Das entspricht dem Augenschein. Wir sehen die Gestirne ja täglich auf und unter gehen.

Nikolaus Kopernikus hat dieses alte Weltbild 1543 auf den Kopf gestellt, indem er die Erde rotieren und sie um die Sonne kreisen ließ. Doch weil man die Bewegung der Erde nicht fühlt, gilt Kopernikus als Außenseiter, seine Kosmologie bloß als seltsame Hypothese. Der Philosoph und Theologe Giordano Bruno, geboren im Jänner 1548 im süditalienischen Nola, hat sich trotzdem schon als junger Dominikanermönch für die neue Lehre begeistert. Auch er glaubt, dass uns die Sinne einen Streich spielen: Sie gaukeln uns bloß vor, im Zentrum der himmlischen Bewegungen zu ruhen.

Unbekannte Planeten

Aus "De revolutionibus orbium coelestium" von Nikolaus Kopernikus. - © Jagiellonian Library
Aus "De revolutionibus orbium coelestium" von Nikolaus Kopernikus. - © Jagiellonian Library

Bei Kopernikus zieht die Erde gemeinsam mit Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn um die Sonne. Doch für Bruno existieren noch etliche weitere Planeten. Diese entzögen sich bloß unserem Blick - wegen ihrer Kleinheit, ihrer Distanz, ihrer langsamen Bewegung oder ihrer dunklen Oberfläche. Tatsächlich werden Astronomen später auf die fernen Planeten Uranus und Neptun stoßen, ebenso auf hunderttausende schmächtige Kleinplaneten.

Für Brunos Zeitgenossen ist die vermeintlich zentrale Erde noch von den Sphären der Wandelgestirne eingehüllt. Die kleinste dieser "Zwiebelschalen" ist die Sphäre des Mondes. Dann folgen zunehmend größere, bis hin zur Sphäre des Saturn. Bruno nennt solche Kugelschalen "albern", einschließlich der angeblich alles umhüllenden Fixsternsphäre: Sie soll die vertrauten Sternbilder tragen und den überschaubaren Kosmos nach außen hin abgrenzen.

Allzu groß kann der Kosmos in der alten Sichtweise nicht sein, muss er doch tagtäglich um die Erde wirbeln. Kopernikus hat hingegen die Erde in Rotation versetzt. Sein Kosmos darf ruhen und entsprechend wachsen. Bei Bruno wächst er bis in die Unendlichkeit hinaus!

Brunos Fixsterne kleben nicht mehr an der Innenseite einer Sphäre. Sie stehen in höchst unterschiedlichen Abständen von der Erde und sind - ganz korrekt - im Raum verstreut. Für Bruno strahlen diese Sterne Licht und Wärme aus, sind Sonnen wie die unsrige; nur deren ungeheurer Abstand lässt sie zu schwachen Sternpünktchen zusammenschrumpfen. Auch hier liegt er richtig.

Damals, vor Erfindung des Fernrohrs, kennt man rund tausend Sterne. Doch für Bruno ist deren Zahl keinesfalls begrenzt. Diese fernen Sonnen besäßen außerdem selbst wiederum Planeten, die sie in bestimmten Abständen und auf festen Bahnen umkreisten - so spekuliert er. Ab 1995 werden Astronomen tatsächlich Planeten im Orbit um andere Sonnen nachweisen, die sogenannten "Exoplaneten". Brunos Planeten besitzen unterschiedliche Dimensionen. Darunter befinden sich seiner Überzeugung nach sogar "viele, ja unzählige Erden".

Mittlerweile haben Astronomen auch Exoplaneten von Erdgröße entdeckt; mitunter sogar solche, deren Sternabstand günstig genug wäre, um eventuell Wasser an der Oberfläche zuzulassen. Wie Bruno behauptet, existierten auf den fernen Welten "ebenso viele, ja unzählige einfache und zusammengesetzte Einzelwesen" wie auf Erden. Indizien für Leben fand man bis heute auf keinem der weit über 4000 bekannten Exoplaneten, Astronomen fahnden aber danach. Für Bruno sind die Bewohner fremder Planeten zum Teil den Menschen ähnlich - oder vielleicht sogar "besser" als diese!

Brunos Universum ist nicht erschaffen worden, wie es der biblische Schöpfungsbericht lehrt. Es war vielmehr schon immer da, als "Wirkung und Erzeugnis einer unendlichen Ursache und eines unendlichen Prinzips". Kopernikus wähnte unsere Sonne in der kosmischen Mitte. Brunos unendliches, ewigliches All kennt hingegen kein Zentrum mehr. Kein Ort ist bevorzugt. Die Sonderstellung des Menschen ist aufgehoben. Für Bruno rotiert außerdem nicht nur die Erde um ihre Achse: Alle Himmelskörper tun es ihr gleich. Deren Bewohner unterlägen somit ebenfalls der Sinnestäuschung, alles drehe sich nur um sie.

Bruno denkt das kopernikanische Modell radikal weiter. Er setzt uns buchstäblich in der Unendlichkeit aus. Mittlerweile steht außer Zweifel: Wohin wir im Universum auch flögen, wir stießen tatsächlich nie an eine Grenze. Ob der Kosmos unendlich groß ist, wissen wir aber nicht.

Früher Pantheist

In der Vorstellung von Brunos Zeitgenossen schließt das Reich Gottes, der Engel und der Heiligen außen an den Kosmos an. Doch Brunos unendlicher Kosmos wird von nichts umfasst; außer ihm gibt es nichts. Wo bleibt dann noch Platz für Gott, wo für den Himmel? "Wir brauchen die Gottheit nicht in der Ferne zu suchen", antwortet Bruno: "Denn sie ist uns nahe und sogar tiefer in uns als wir selbst." Brunos Gott existiert in allem, beseelt alles; er ist nicht verschieden von dieser Welt, sondern eins mit ihr. Mehr als hundert Jahre später wird man den Begriff "Pantheismus" (griechisch: pan, alles; theos, Gott) für ein solches Gottesverständnis prägen.

Wenn Gott in allem ist, dann freilich auch im Strick des Henkers, im Beil des Scharfrichters und in den Flammen des Scheiterhaufens. Bruno stößt sich daran nicht. Er streicht Gott auch nicht etwa aus seiner Gleichung, um an dessen Stelle gleich den Kosmos zu verehren. Stattdessen erklärt er, warum sein Kosmos unendlich groß sein muss: Eine endliche Welt wäre der göttlichen Allmacht unwürdig.

Auch existieren für Bruno weder Fegefeuer noch Hölle. Den unendlichen, vollkommenen Gott zu teilen, erscheint ihm absurd. Jesus ist somit nicht Gottes Sohn. Bruno sägt damit am Fundament des Christentums - doch dieses mutet ihm mit seinen Dogmen sowieso irrational an.

400 Jahre nach seinem Tod wurde Giordano Bruno mit einer Briefmarke geehrt. - © Pinter
400 Jahre nach seinem Tod wurde Giordano Bruno mit einer Briefmarke geehrt. - © Pinter

Bruno ist einst Dominikaner gewesen und hatte die Priesterweihe erhalten. 1576 brach er aber mit seinem Orden. Man verdächtigte ihn damals der Ketzerei, weil er verbotene Bücher las und die Bilder der Heiligen aus seiner Zelle verbannte. Später hielt er sich in Genf, Frankreich, England und Deutschland auf - also auch unter Calvinisten, Anglikanern und Lutheranern.

1591 kehrt er leichtherzig ins katholische Italien zurück. Doch schon im vergleichsweise liberalen Venedig schlägt die Inquisition zu. Sie wirft Bruno vor, unter Ketzern gelebt und an der Göttlichkeit Jesu gezweifelt zu haben. Bruno gibt sich zunächst überrascht: Er habe immer gelehrt, was jeder Christ über Gott Vater glauben müsse. Was Christus betrifft, hätte er zwar an der Fleischwerdung Gottes gezweifelt - dies aber für sich behalten. Die unbefleckte Empfängnis will er nie in Abrede gestellt haben, ebenso nicht, dass die Seelen, "katholisch geredet (...) ins Paradies, ins Fegefeuer oder in die Hölle kommen".

Am 30. Juli 1592 räumt Bruno dann ein, nicht geringen Anlass zum Verdacht der Ketzerei gegeben zu haben. Er bitte um Verzeihung für all seine Irrtümer und wolle in den strengen Ordensgehorsam zurückkehren. Sollte man ihn am Leben lassen, würde er eine bemerkenswerte, beispielgebende Besserung geloben. Mit diesem Kniefall will er der Auslieferung ans Inquisitionstribunal in Rom entgehen. Doch Rom drängt: Eine Barke warte schon, heißt es. Venedig zögert, es fürchtet einen Präzedenzfall. Doch Bruno ist kein Venezianer. Staatsinteressen stehen somit nicht auf dem Spiel. Er wird schließlich ausgeliefert.

Ab dem Februar 1593 wird Bruno in der römischen Engelsburg gefangen gehalten. In Venedig ist seine Astronomie kaum zur Sprache gekommen. Die kopernikanische Lehre war dort erst recht kein Thema: Die katholische Kirche wird erst zwei Jahrzehnte später dazu Stellung beziehen - dann allerdings sehr entschieden und ablehnend.

Aus Rom fehlen Prozessakten, da diese im frühen 19. Jahrhundert für wertlos erachtet und vernichtet wurden. Orientiert man sich an den venezianischen Dokumenten, sollte es in Rom ebenfalls primär um Glaubensfragen gegangen sein. Allerdings fordert man Bruno im Jahr 1597 auch auf, die Vorstellung von der Existenz anderer Welten aufzugeben. Auch sie könnte theologische Fragen aufgeworfen haben: Dürfen dortige Wesen ebenfalls auf Erlösung hoffen? Hat sich Christus dort auch am Kreuz geopfert?

Verurteilter Ketzer

Seit 1889 steht die Statue Brunos auf dem Campo de' Fiori in Rom - an der Stelle, wo er als Ketzer verbrannt wurde. - © CC Berthold Werner
Seit 1889 steht die Statue Brunos auf dem Campo de' Fiori in Rom - an der Stelle, wo er als Ketzer verbrannt wurde. - © CC Berthold Werner

Fast acht Jahre Haft mit 17 Verhören rauben Bruno jede Hoffnung. Er verrät seine Überzeugungen jetzt nicht mehr. Im Februar 1600 verurteilt man ihn wegen Ketzerei. Seine Antwort an die Richter: "Mit größerer Furcht verkündet ihr vielleicht das Urteil gegen mich, als ich es entgegennehme."

Die Zeitung "Avisi di Roma" berichtet mit Genugtuung von der Hinrichtung Brunos am Scheiterhaufen: Der "verbrecherische Dominikanerbruder" und "hartnäckige Ketzer" habe nach seiner Laune verschiedene Dogmen gegen den Glauben ersonnen, insbesondere gegen die heilige Jungfrau und die Heiligen. Bruno stirbt am 17. Februar 1600 in den Flammen. Seine Schriften werden ebenfalls verbrannt.

Die Zensur und die Zersplitterung Italiens hemmen die Wissenschaft. Im 19. Jahrhundert stemmt sich der Vatikan gegen die Vereinigung der italienischen Fürstentümer zum Nationalstaat. Nun heben antiklerikale Kreise Bruno aufs Podest. Sie küren ihn zu einem Märtyrer der Wissenschaft. Für die meisten Historiker starb Bruno aber nicht wegen seiner naturwissenschaftlichen Anschauungen, sondern wegen seines Gottesverständnisses. Für ihn freilich war beides untrennbar miteinander verbunden.