Ironie der Vereinsgeschichte: Zentrale historische Weichenstellungen waren bei den roten Naturfreunden schwarz gefärbt: in Druckerschwärze das Gründungsinserat 1895 - und schwarz wie Kohle beim Verbot 1934. Denn wenige Monate vorher fuhr ein Zug von Wien kommend über den Arlberg. Als blinder Passagier, im Kohlentender der Dampflokomotive versteckt, reiste das Vereinsarchiv der Naturfreunde in die Schweiz.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 in Deutschland wurden mit den sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien auch die Naturfreunde verboten. Den Dollfuß’schen Ständestaat vor Augen, fürchtete die Vereinsleitung in Wien dasselbe Schicksal. Man verlegte den Vereinssitz nach Zürich und überschrieb das Vereinsvermögen an den Schweizer Vorsitzenden. Eine weise Entscheidung. Wie andere Politiker und Funktionäre der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) wurde auch der Naturfreunde-Präsident im Gefolge der Bürgerkriegskämpfe am 12. Februar 1934 verhaftet. Polizei und Heimwehr durchsuchten das Vereinshaus nach Waffen - ohne Erfolg. Der Auflösungsbescheid kam trotzdem, 101 Naturfreundehäuser wurden beschlagnahmt. Von einem ordentlichen Ermittlungsverfahren nahm man Abstand, sei es doch "amtsbekannt", dass der Verein Naturfreunde "im Sinne dieser Partei (SDAP) tätig war und ist".

Der Freude entgegen

So unrechtmäßig dieses Vorgehen war, so recht hatte der Ständestaat mit der Gleichsetzung von Naturfreunden und Sozialdemokratie. "Die Naturfreunde sind ein Kind der Arbeiterbewegung", sagt Andreas Schieder, Naturfreunde-Vorsitzender und SPÖ-Delegationsleiter im Europaparlament, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Dieses Erbe werde bewahrt und weitergetragen, unter anderem auch als größter österreichischer Skikursanbieter setze man sich dafür ein, "allen sozialen Schichten die Möglichkeit naturnaher Freizeitgestaltung zu ermöglichen".

Als der Sozialist, Freidenker und Lehrer Georg Schmiedl im März 1895 eine Annonce "zur Gründung einer touristischen Gruppe" in der "Wiener Arbeiter-Zeitung" ("AZ") schaltete, war dieser Gedanke noch Utopie. Tourismus war Privileg der Reichen. Adelige und Bürger fuhren auf Sommerfrische, flüchteten vor der Industrialisierung aufs Land und in die Natur. Dass auch die Arbeiterklasse, die in Fabriken und beengten Wohnverhältnissen am meisten unter den wirtschaftlichen Umwälzungen zu leiden hatte, touristisch aktiv werden könnte, erschien illusorisch. Sogar Victor Adler, dem man visionäres Denken bescheinigen muss, begrüßte Schmiedl, als dieser die Anmeldungen für seine Naturfreunde-Annonce in der "AZ"-Redaktion abholte, mit den Worten: "Ich hab mir’s gleich gedacht, dass Sie der Narr sind."

Doch der "narrische" Gedanke entpuppte sich als geniale Idee. 30 Interessenten meldeten sich auf das Inserat. 62 Naturfreunde kamen am 14. April 1885 zur ersten Wanderung. Treffpunkt war der Wiener Südbahnhof. Erkennungszeichen war die "AZ", die über den Ausflug berichtete: "Die touristische Gruppe der Wiener Sozialdemokraten unternahm am Ostersonntag von Mödling aus durch die Klause, über die ‚Breite Föhre‘ und ‚Krauste Linde‘ einen Ausflug auf den Anninger. Von da ging es nach Gaaden, wo Mittagsstation gemacht wurde, und zum Schluß durch die Hinterbrühl unter fröhlichen und ernsten Arbeitergesängen bis zum Mödlinger Bahnhof zurück."

Handschlag zum Jubiläum . . . - © Machreich
Handschlag zum Jubiläum . . . - © Machreich

An der Gründungsversammlung am 16. September 1895 nahmen 185 Personen teil. Unter ihnen der Jusstudent Karl Renner. Der spätere zentrale Politiker fürdie Erste und Zweite Republik verfasste die Satzung des Vereins und entwarf aus den verschränkten Händen der Arbeiterverbrüderung und drei roten Alpenrosen das Naturfreundelogo. Weitere Ortsgruppen wurden gegründet und deren Vereinsabende mit Vorträgen und Vorführungen zu "einer Art sozialdemokratischer Kulturabende" bereichert. Man baute Vereinslokale in den Städten und Schutzhütten auf den Bergen. 1905 gründete sich in Zürich die 40. Ortsgruppe und erste außerhalb Österreichs. Eine Ortsgruppe in New York und weitere in Frankreich, Norwegen, Holland, Rumänien und Bulgarien folgten.

In der Vereinszeitung "Der Naturfreund" erläuterte Initiator Schmiedl das Bestreben seiner Bewegung: "Wir wollten vor allem die Arbeiter losreißen von den Stätten des Alkohols, vom Würfel- und Kartenspiel. Wir wollten sie aus der Enge ihrer Wohnung, aus dem Dunst der Fabriken und Wirtshäuser hinausleiten in unsere herrliche Natur, sie der Schönheit und der Freude entgegenführen. Wir wollten sie in die Lage versetzen, ihre Körper und ihren Geist freizumachen von dem trüben und öden Allerlei des Alltags. Wir wollten sie der frischen Luft, dem Licht und der Sonne zuführen." Auf wohlwollendes Interesse stießen die Naturfreunde bei reformorientierten liberalen Kräften.

Anwalt der Alpen

Eugen Guido Lammer, niederösterreichischer Pädagoge, Schriftsteller, Verfechter des führerlosen Bergsteigens und "alpiner Feuerkopf" (© Reinhold Messner), sah 1908 in den Naturfreunden eine Annäherung an das reformbereite Bürgertum: "Niemand von uns hätte z.B. noch vor zehn Jahren das Hereinfluten der sozialistischen Arbeitermassen (Süddeutschlands und Österreichs) in den eigentlichen Berg-‚Sport‘ erwartet, eben weil dieser wirklich zielbewußt aristokratisch ist und weil jene Schichten alles sonstige Aristokratische, wie Fechtsport, Jagd, Automobilsport u. dgl. ebenso zielbewußt verwerfen. Hier müßte die völkerpsychologische Analyse tiefer den Finger in die Wunden der Zeit legen: Es zeigt sich an diesem Symptom, wie furchtbar der Industrialismus, die großstädtische Zivilisation und die Mechanisierung des Daseins in der vorigen Generation an unserem Volk gefrevelt haben. (...) Wo in der Theorie des Kopfes die öde Gleichmacherei herrscht, erhebt sich siegreich aus dem Instinkt die uralte Sehnsucht nach harmonischem Auswirken der Individualität und das Heimweh nach der Natur."

Das gemeinsame Interesse an der Natur verband auch die verschiedenen alpinen Vereine. 1899 setzten sich die Naturfreunde gemeinsam mit dem Touristenklub gegen die Ableitung der Myrafälle im Piestingtal für industrielle Zwecke ein oder machten mit dem Alpenverein gegen ein Krafthaus bei den Krimmler Wasserfällen mobil - mit Erfolg. Doch mit der politischen und gesellschaftlichen Radikalisierung in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wuchsen auch Konkurrenzdenken und politisch-ideologisch motivierte Feindseligkeiten zwischen den Alpinvereinen.

Mit dem Erstarken der Nationalen und Völkischen im Alpenverein wurden neben den Juden auch die Naturfreunde zum Feindbild. Dass die Hetze bis in die Gipfelregion reichte, überliefert ein Gipfelbucheintrag aus 1912: "Es ist eine Unverschämtheit, wenn sich Sozi in ein Buch eintragen, das von Patrioten aufgelegt wurde." Naturfreunde-Generalsekretär Leopold Happisch kommentierte derartige Anwürfe lakonisch: "Man will eben kein ,Proletengesindel‘ auf die Schutzhütten kommen lassen, man will schön unter seinen Hitlern und Ludendorffern (Weltkrieg-General und Hitler-Anhänger) bleiben."

Die braunen Flecken am Edelweiß des Alpenvereins waren bei den Neugründungen der alpinen Vereine nach 1945 eine schwere Bürde für ein gedeihliches Miteinander. Offiziell einigte man sich auf einen "Frieden in den Bergen", aber die gegenseitigen Ressentiments blieben lange bestehen. Mit der vor rund 20 Jahren begonnenen offensiven Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit im Alpenverein und dessen Klarstellung, "dass wir gesellschaftlich handeln, auch wenn wir ‚nur‘ Bergsteigen gehen", scheinen die Vorbehalte mittlerweile überwunden.

Naturfreunde-Vorsitzender Schieder lobt die "hervorragende Zusammenarbeit" mit dem Alpenverein. "Wir ziehen an einem Strang", bestätigt AV-Präsident Andreas Ermacora auf Nachfrage das "sehr gute Verhältnis". Schieder war gern gesehener Gast auf der AV-Hauptversammlung und Ermacora ist zur 125-Jahre-Feier der Naturfreunde im Herbst eingeladen. Gemeinsam wurden zuletzt im Verband Alpiner Vereine Österreich (VAVÖ) auch die Hygiene-Regeln für die Schutzhüttenbesuche in Corona-Zeiten ausgearbeitet. Ermacora: "Uns verbindet heute das gemeinsame Anliegen für eine gute Hütten- und Wege-Infrastruktur sowie für die Erhaltung der Umwelt und als Anwalt der Alpen."

Utopie "Welt frei!"

Im gemeinsamen Einsatz für die Wegefreiheit schließt sich für Schieder "der historische Kreis" zu den Anfängen der Naturfreunde: "Damals wie heute geht es dabei um die Verteilungsfrage." 1906 war dazu im Naturfreunde-Vereinsblatt in der Rubrik "Der verbotene Weg" zu lesen: "Weil ein einzelner Mensch wenige Stunden seines nutzlosen Daseins damit verbringt, eine von allen Seiten zusammengetriebene Wildherde niederzuknallen, wird oft ein ausgedehntes Gebiet verschlossen, dessen Schönheiten zu genießen alle Menschen ein heiliges Recht besitzen."

Für Schieder kein Ärgernis von gestern, sondern ein hochaktueller Trend, "denn heute werden wieder ganze Berge und Wälder von Einzelnen aufgekauft und wie Schrebergärten abgesperrt". Tabubruch für einen Verein, dessen Mitglieder sich mit "Berg frei!" begrüßen. Was die Zukunft seines Vereins betrifft, wünscht sich der Vorsitzende "gerade in Klimawandel-Zeiten eine Stärkung der internationalen Dimension, denn Natur- und Klimaschutz kennt keine Grenzen".

"Also steigen sie herauf auf die Gipfel, um das Ganze dieser Welt in ihrem Geiste zu erobern und Grenzsteine kennen sie nicht mehr." - Karl Renner (hier im Jahr 1905). - © Archiv
"Also steigen sie herauf auf die Gipfel, um das Ganze dieser Welt in ihrem Geiste zu erobern und Grenzsteine kennen sie nicht mehr." - Karl Renner (hier im Jahr 1905). - © Archiv

Womit sich ein weiterer Kreis zu den Naturfreunde-Anfängen schließt: Bei der feierlichen Eröffnung des ersten Naturfreunde-Schutzhauses am Padasterjoch in den Stubaier Alpen im August 1907 erinnerte der Festredner, Reichsratsabgeordneter Karl Renner, an den internationalen Anspruch der Bewegung: "Die Erde, sie ist verteilt - aber Millionen und Millionen sind leer ausgegangen. Ihnen ist der Teil versagt - also steigen sie herauf auf die Gipfel, um das Ganze dieser Welt in ihrem Geiste zu erobern und Grenzsteine kennen sie nicht mehr."

Und mit auf den Weg gab Renner seinen Naturfreunden eine Utopie: "Wenn Sie hinauseilen in die Natur, wenn Sie wieder heraufkommen in dieses Haus, erinnern Sie sich daran, was wir wollen, vergessen Sie nicht, was die Aufgabe der Menschheit ist, und es wird nicht nur ein ‚Berg frei!‘ sein in unserer Zukunft, sondern ein ‚Welt frei!‘."