Wasser spricht mit vielen Stimmen. Schon das Aufklatschen eines Tropfens, das Plätschern eines Brunnens oder das Rauschen eines Baches erzeugen faszinierende Klänge. Das aufregendste Tonspektrum aber hat das Meer zu bieten. Seine Klangfarben reichen vom harmonisch-heiteren Wellenspiel über das elementare Tosen bis hin zu mythischem Geraune. Die große Symphonie des Meeres weckt Sehnsüchte nach dem Grenzenlosen: nach Liebe, Freiheit und nach Abenteuer. Doch sie stimmt auch demütig - und manchmal zutiefst melancholisch.

Das Meer singt sein eigenes Lied, und Dichter wie Komponisten übersetzen es in die schönsten Klangmalereien. Sie laden diese Naturmusik mit Folklore auf, mit Weltanschauung, Historie und mit eigenen Erfahrungen. Nicht selten dient Neptuns Klangzauber auch als Echolot der Seele. In diesem denkwürdigen Sommer, da ein Virus selbst unsere Träume von Wellen und Wogen infiziert, wollen wir Ihnen das Meer zumindest in Hörweite rücken. Wir eröffnen unser Potpourri mit handverlesenen Seestücken aus der Literatur.

In seinem Werk "Das Meer" (1864) berichtet Jules Michelet von einem atlantischen Jahrhundertsturm, den er nahe Royan erlebte: "ein Meer aus Blei und Gips (...), hassenswert in seiner trostlosen Monotonie. Es wußte nur eine Note zu spielen: Es klang wie das unausgesetzte Heulen eines großen, kochenden Dampfkessels. Welche Schauerpoesie hätte gegen jene Prosa anzukommen vermocht?" Das Rasen der Elemente wirft den Poeten aus dem Rhythmus: "Meine Sätze flossen nicht mehr harmonisch. Die erste gerissene Saite auf meinem Instrument."

Watt und Wogen

Michelet liest das Buch der Natur stets auch durch die Brille des romantischen Geschichtsschreibers: "Die Wogen machten auf mich den Eindruck eines fürchterlichen Mobs, eines schauderhaften Gesindels nicht von Menschen, aber von heulenden Hunden, eine Million, eine Milliarde von grimmig aufgebrachten oder eher noch wahnsinnigen Hunden ...", die nur eines wollten: "die Rückkehr ins Chaos". Die Stimme des Meeres, das ist die Stimme des Volks. Und Michelet, dieser "Sänger des Volkes", der unablässig für die Ideale der Französischen Revolution eintritt, hört in der entfesselten See das Scheitern der Revolution von 1848 widerhallen.

Atlantische Stürme, erste Reihe fußfrei: Die erlebte auch der Urvater des Nature Writing, Henry Beston. Ein Jahr lang beobachtete er an Amerikas Ostküste die Natur und führte darüber Buch ("Das Haus am Rand der Welt", 1928). Darin fächert er zum Beispiel das Geräuschspektrum der Brandung auf, registriert auch Tempo und Tonhöhe, Rhythmus und Kontext der Brecher. "Jede Stimmung des Windes, jede Veränderung des Wetters, jede Phase der Tide - für alles hat das Meer eine je eigene Musik." In stürmischen Herbstnächten steigert sich die Brandung zur "Sinfonie aus donnernden Sturzseen". Und in dieser "unendliche(n), urgewaltige(n) Kaskade (...) liegen Schönheit und altertümlicher Schrecken". Beston erfasst die Natur sachlich - und mit Sinn für das Erhabene.

Theodor Storm lässt in seinem Gedicht "Meeresstrand" selbst das Watt zu uns sprechen: "Ich höre des gärenden Schlammes / Geheimnisvollen Ton/ (...) Noch einmal schauert leise / Und schweiget dann der Wind. / Vernehmlich werden die Stimmen / Die über der Tiefe sind." Das Meer sendet seine Botschaft; kann sie der nachdenkliche Betrachter entschlüsseln? Sten Nadolny wiederum bringt das Polarmeer zum Klingen. In seinem Roman "Die Entdeckung der Langsamkeit" malt er eine frühe Eismeerfahrt John Franklins aus und lässt seinen Helden "benennen, was er sah, aber das gelang schlecht. Es war eher eine Musik, die man in Notenschrift hätte schreiben müssen. Das feingerippte Meer umspielte und trug die Eisfiguren wie ein Takt, und sie selbst hatten, wie Klänge, eine Harmonie, obwohl sie doch etwas Gesplittertes und Geborstenes waren."

Zischen und Dampfen

John William Waterhouse, "Odysseus und die Sirenen" (Öl auf Leinwand, 1891). - © National Gallery of Victoria
John William Waterhouse, "Odysseus und die Sirenen" (Öl auf Leinwand, 1891). - © National Gallery of Victoria

Zum Meer gehört freilich auch der betörende Gesang der Sirenen. Homers Odysseus lässt sich an den Schiffsmast binden, um dem Singsang gefahrlos zu lauschen; seinen Gefährten stopft er Wachs in die Ohren. Aber wie frei ist Odysseus? Sich dem "Liede der Lust" durch technische Aufgeklärtheit (also Selbstfesselung) zu entwinden, lasen T.W. Adorno und M. Horkheimer als Allegorie der "Dialektik der Aufklärung": Der Sieg der Rationalität über die Natur fordere ein großes Opfer, nämlich die Selbstpreisgabe des Subjekts.

Wie das Lied des Meeres, vermag auch sein Schweigen zu erschüttern. Albert Camus verdanken wir ein großartiges Bild vom Verstummen des (Mittel-)Meers zur Stunde des Pan und das umwälzlerische Wiedererwachen der Fluten: "Unter der betäubenden Mittagssonne bewegt sich das Meer nur schwach und kraftlos. Wenn es in sich zusammenfällt, bringt es die Stille zum Schweigen. Eine Stunde der Hitze, und das große weißliche Wellblech des farblosen Wassers beginnt zu zischen. Es zischt, dampft und entzündet sich endlich. Im nächsten Augenblick wird es sich umwälzen und der Sonne seine feuchte Seite darbieten, die noch in den Wellen und den Dunkelheiten geborgen ist." (Essay "Das Meer. Bordtagebuch", 1953). Camus beschreibt Extreme von schmerzhafter Sinnlichkeit, die es auszuhalten, aus denen es eine existentielle Erkenntnis zu gewinnen gilt.

Bereits Goethe hatte die Wucht der schweigenden See erfahren: Auf seiner Rückreise von Sizilien nach Neapel driftete das Schiff auf die Klippen vor Capri zu. Das beklemmende Erlebnis fand im Gedicht "Meeresstille" seinen Nachhall: "Tiefe Stille herrscht im Wasser,/ Ohne Regung ruht das Meer,/ Und bekümmert sieht der Schiffer/ Glatte Fläche ringsumher.// Keine Luft von keiner Seite!/ Todesstille fürchterlich!" Doch das launische Meer wechselt rasch seine Stimmung. "Und Äolus löset/ Das ängstliche Band", heißt es im Poem "Glückliche Fahrt": Aufkommende Winde trugen das Schiff - samt Dichterfürsten - sicher zurück in den Hafen.

Beide Goethe-Gedichte - und hiermit leiten wir unsere Auslese an musikalischen Seestücken ein - wurden von Beethoven in der Kantate "Meeresstille und glückliche Fahrt" vertont. Sie inspirierten auch Mendelssohn Bartholdy zu seiner (gleichnamigen) Konzert-Ouvertüre: die Meeresstille als Adagio, der aufkommende Fahrtwind dann Molto allegro e vivace. Noch weitaus lebhafter geht es in Mendelssohns Konzert-Ouvertüre "Die Hebriden oder Die Fingalshöhle" zu (Endfassung 1833). Angeregt durch eine Schottlandreise und den Besuch der Fingalshöhle auf der Insel Staffa, bildete der Komponist die aufgewühlte See vorwiegend in h-Moll ab.

Wallende Wasser

Stürmische Meere durchbrausen die gesamte Musikgeschichte des 18. Jahrhunderts. - © Silas Baisch
Stürmische Meere durchbrausen die gesamte Musikgeschichte des 18. Jahrhunderts. - © Silas Baisch

Den Prototyp des musikalischen Seesturms schuf allerdings Marin Marais mit der Suite "Tempête" aus seiner Oper "Alcione" (1706). Die titelgebende Alkyone, Tochter des Windgottes Äolus, liebt und heiratet Keyx, den König von Trachis. Das gefällt nicht allen. Keyx wird Opfer eines Schiffbruchs, Alcione folgt ihm aus Gram in den Tod. Das wiederum rührt die Götter; das Paar wird in Eisvögel verwandelt. Marais akzentuierte seine Sturmmusik mit einer Windmaschine und dumpfen Pauken. Stürmische Meere durchbrausen die gesamte Musikgeschichte des 18. Jahrhunderts. In Vivaldis Konzert "La Tempesta di Mare" peitschen und gischten die großen Wasser so effektvoll wie unerbittlich; ähnlich in Jean-Philippe Rameaus Oper "Les Boréades" oder in Mozarts Oper "Idomeneo".

Feierlich-bewegt strömt Georg Philipp Telemanns Wassermusik dahin: Seine Orchestersuite "Hamburger Ebb’ und Fluth" wurde 1723 anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums der Hamburger Admiralität aufgeführt. Einleitend malen lange Töne die Ruhe der Ebbe aus, sie werden vom Rauschen steigender und wieder zurückweichender Tiden abgelöst. Es folgen Bläserepisoden im Rhythmus wallender Wasser, ehe diverse Meergottheiten auftanzen: die schöne Thetis, der in sie verliebte Neptunus, die quicklebendigen Najaden, ein scherzender Triton sowie die antagonistischen Windgottheiten Aeolus und Zephyr. Zum Ausklang imitieren Streicher und Oboen nochmals den Gezeitenwechsel, dann schließt ein ausgelassener Volkstanz der Hamburger Bootsleute den Reigen. In Summe eine "sehr angenehme Musike", urteilte ein zeitgenössischer Bericht.

Die impressionistischen Traumwelten von Claude Debussys Orchesterwerk "La Mer" eröffneten buchstäblich unerhörte Sphären. Es besteht aus den drei sinfonischen Skizzen "Von der Morgendämmerung bis zum Mittag auf dem Meer", "Spiel der Wellen" und "Dialog zwischen Wind und Meer". Wie schon der Lichtzauber impressionistischer Maler, überforderte auch Debussys Klangzauber das Publikum. Selbst die Musiker des Orchester Colonne demonstrierten bei der Pariser Uraufführung (1905) bloß Verstörung: Sie fältelten ihre Noten zu Papierfliegern und ließen sie durch den Raum segeln. Charles Baudelaire indes berauschte sich an dem neuartigen Klangspiel von Wind und Wellen - er adelte es mit dem Prädikat "magies liquides". Fünf Jahre später holte Ralph Vaughn Williams mit seiner "Meeressymphonie" zum opulenten Festakt aus. Er setzte die gesamte Seegangs-Skala in Ton - als Metapher unseres Daseins. Für den Chor zog er Gedichte aus Walt Whitmans "Leaves of Grass" heran. Benjamin Britten wiederum, den die elementaren Gewalten der ostenglischen Küste seit Kindestagen in den Bann zogen, triumphierte 1946 mit seiner Oper "Peter Grimes". Die Fischer-Geschichte "The Borough" von George Crabbe inspirierte ihn zu dieser hochdramatisch-expressiven Oper.

Dem Sog des Meeres folgt freilich auch die U-Musik. Seemannsromantik, Nachkriegsfernweh und die Liebe: Das waren die Themen des Meerschlagers der 1950er. "Deine Heimat ist das Meer", gemahnte Freddy Quinn den Seemann: "Seemann, lass’ das Träumen,/ Denk’ nicht an zuhaus./ Seemann, Wind und Wellen/ Rufen dich hinaus (...)".

Wasserstrudel und Wellengaukelei . . . - © Walter Mendez Rojas
Wasserstrudel und Wellengaukelei . . . - © Walter Mendez Rojas

Der Massentourismus rückte dann die Meeresfreuden in den Fokus: das Strandleben, den Wassersport. "Surfin’ U.S.A." lautete die Losung der Beach Boys. Julio Iglesias wiederum schmachtete 1973 ganz im Geist der 50er Jahre: "Das Meer rollt schwer an die Felsen./ Die Boote fahren hinaus./ Es begleiten sie Gebete:/ Kommt alle wieder nach Haus!/ Die Männer denken nur daran/ was immer ihr Leben war:/ Sie werfen aus ihre Netze/ und vergessen die Gefahr.// Und das Meer singt sein Lied/ wie seit uralter Zeit (...)// Die Melodie ist so alt wie die Welt./ So alt wie das Leid/ und die Seligkeit./ Die Wolken und der Wind tragen sie fort / hinaus in die Unendlichkeit (...)"

Klangströme

Seit geraumer Zeit dominiert u-musikalisch das sanfte Meeresrauschen. Wellenschlag als Entspannungssound. Der Ex-Zwölftöner Ludovico Einaudi etwa bietet mit seinen dahinschaukelnden Pianostücken "Le Onde" leicht verträumten, repetitiven Klassik-Pop ("Klingt nett wie Kaffeewerbung", urteilte "Die Zeit"). Musik zum Chillen also, ein bisserl meditativ. Das elektronisch-sphärische Meeresrauschen der Ambient Music wiederum knüpft endlos wogende Klangteppiche - Wellnessmusik, zuweilen von realen Naturgeräuschkulissen durchflutet.

Wer solch cooler Wellengaukelei wenig abgewinnen kann, überlasse sich dem akustischen Sog des "Maelstrom": Peter Ruzicka hat den gigantischen - künstlerisch vielfach ausgebeuteten - Wasserstrudel vor Norwegens Lofoten in einen imposanten Kampf von Klangströmen übersetzt. Mit List lässt sich auch dieser Gefahr entrinnen - aber lesen Sie nach bei Edgar Allan Poe.