"Man muss sich der Zeit anpassen." - Seneca (Marmor-Büste, Museo del Prado). - © Jean-Pol Grandmont
"Man muss sich der Zeit anpassen." - Seneca (Marmor-Büste, Museo del Prado). - © Jean-Pol Grandmont

Ist es Ihnen vielleicht auch schon aufgefallen? Wer sich bei einem großen amerikanischen Versandhändler im Internet (bei dem in der eigenen Darstellung kaum jemand einkauft, der aber trotzdem seit Jahren wächst und wächst) durch die Neuerscheinungen wühlt, stolpert über ein interessantes Phänomen: Zweitausend Jahre nach Seneca und Epiktet kommt die Stoa wieder in Mode.

Erinnerungen an die Schulzeit und an den Lateinunterricht werden wach. Stoa, waren das nicht jene Philosophen, die etwas freudlos durch das Leben gegangen sind und allen Unbill, aber auch die schönen Momente des Lebens, emotionslos, eben stoisch, ertragen haben? In den neuen Publikationen ist von Freudlosigkeit aber keine Spur. Von philosophischer Zurückhaltung ist bei ihnen auch nichts zu merken, sie drängen sich dem potentiellen Käufer geradezu auf.

Man hat allerdings den Verdacht, dass es in diesen Neuerscheinungen weniger um eine Wiederentdeckung der Stoa aus philosophischen Gründen geht, sondern vielmehr um etwas, das man heutzutage mit dem Begriff Selbstoptimierung bezeichnet. Die Bücher tragen deshalb auch reißerische Untertitel wie: "Wie du die Lehre der Stoa im Alltag verwendest", oder: "Die Tugenden und Prinzipien der Stoa verstehen und im Alltag anwenden", und sie versprechen, dass man durch sie "Macht über Gefühle" und "eiserne Stärke" erlangt.

Praktischerweise enthalten diese Bücher auch gleich Übungen, die einen den Weg in die lichten Höhen leichter machen sollen - per aspera ad astra im Eilverfahren. Ob die Begründer der Stoa mit dieser Interpretation ihrer Denkart ihre Freude hätten? Jedenfalls sind zweitausend Jahre menschlicher Entwicklung auch an der Stoa nicht spurlos vorüber gegangen: War die Philosophie in der Antike noch eine Männersache, so gibt es nun unter den Neuerscheinungen über die Stoa auch solche, die sich speziell an Frauen richten und ihnen versprechen, durch die "Glücksstrategie der Stoiker" zu Selbstliebe und Gelassenheit zu gelangen.

Bleibt noch die Frage, warum gerade jetzt eine antike Philosophie wieder modern wird. Ist die Welle von Büchern zu diesem Thema nur ein dem Marketing geschuldeter Zufall oder haben wir Sehnsucht nach den alten und bewährten Weisheiten der Antike, die uns helfen sollen, turbulente Zeiten durchzustehen?

Abseits der breiten Öffentlichkeit hat sich in den letzten Jahren eine neostoische Szene samt Jahreskongressen, Internetauftritten und Onlinekursen etabliert. Sie greift aber auch Strömungen auf, die in letzter Zeit modern waren, und bietet etwa einen Kurs "Stoische Achtsamkeit und Resilienz" an. Vielleicht ist das ein wenig schwammig und zeitgeistig, vielleicht bewahrheitet sich aber damit ein Satz, den Seneca einst schrieb und der auch für die Stoa gelten kann: "Man muss sich der Zeit anpassen."