"Ein größerer Denker tritt jetzt auf, der die großen Ideen seiner Vorgänger durch größere Ideen ergänzt, sie durch alle Disziplinen durchführt und wissenschaftlich begründet. Es ist der große Hegel, der größte Philosoph, den Deutschland seit Leibniz erzeugt hat." Diese euphorische Bewertung stammt von Heinrich Heine.

Für Karl Marx war Hegels Denken die "Weltphilosophie unserer Zeit", und die amerikanische Philosophin Judith Butler betont ihre Aktualität: "Hegels Philosophie erlaubt uns, zu verstehen, wie aus potenziell gewaltsamen Konflikten soziale Bindungen erwachsen, und richtet sich damit an die Gegenwart und die gegenwärtige Desorientierung."

Hegels Denken polarisiert. Diesen Lobgesängen stehen Schmähungen und Diskreditierungen gegenüber. Bekannt ist Schopenhauers Diktum "des immer desorganisierenden Philosophasters", und Kierkegaard warf Hegel vor, ein ungeheures philosophisches System zu entwerfen und dabei die Existenz des Einzelnen nicht zu berücksichtigen - gleichsam "einen hochgewölbten Palast zu entwerfen und selbst in einer Hundehütte zu wohnen".

Hegel hatte hohe Ansprüche an die Philosophie. Er erwartete von ihr, "der Gemeinheit des alltäglichen Lebens" entgegenzuarbeiten. "Denn der Zeitpunkt scheint eingetreten zu sein, wo diese beinahe verstummte Wissenschaft wieder ihre Stimme erheben und hoffen darf, dass die für sie taub gewordene Welt ihr wieder ein Ohr leihen wird", notierte Hegel.

Ganzheitliche Bildung

Ausdrücklich wandte er sich gegen die weit verbreitete Tendenz, beliebige Meinungen als Philosophie zu deklarieren. Die unreflektierte Übernahme von Allgemeinplätzen war für ihn das Resultat einer mangelnden Bildung, die dazu führe, komplexe Zusammenhänge auf simple Perspektiven zu reduzieren.

Immanuel Kants Aufforderung folgend, sich aus der Unmündigkeit zu befreien, empfahl Hegel als Rezept die Aneignung von Wissen, die in der Bildung erfolgt. Sie versteht er keineswegs als Ansammlung von Fakten, sondern als ganzheitliche Bildung des Individuums, die den gesamten Menschen verwandelt: "Sie zeigt den Weg, ihn wieder zu gebären, seine erste Natur zu einer zweiten Geistigen umzuwandeln, so dass dies Geistige in ihm zur Gewohnheit wird."

Geboren wurde Georg Wilhelm Friedrich Hegel am 27. August 1770 als Sohn eines Staatsbediensteten in Stuttgart. Von seiner Mutter - einer "Frau von vieler Bildung" - erhielt Hegel erste Anregungen für seine spätere Gelehrsamkeit. Er besuchte das Gymnasium und begann 1788 die universitäre Ausbildung im Stift von Tübingen, wo er Theologie und Philosophie studierte und mit Friedrich Hölderlin und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling enge Freundschaften schloss.

Die zentralen Gestalten des deutschen Idealismus entfalteten ein gemeinsames Philosophieren - eine "Sym-philosophie" - auf höchstem Niveau. Das Ergebnis war ein kurzer Text von wenigen Seiten, der als "Das älteste Systemprogramm des DeutschenIdealismus" Furore machte. Der philosophische Bund träumte von einer Welt, in der der "Geist ins Leben übergeht". Damit begänne ein neues Zeitalter. Da werde alles Bedrängende und Bedrückende abgeschüttelt, alle überkommenen Gegensätze würden überwunden. Das Ewige werde mit dem Zeitlichen versöhnt, genauso wie Vernunft und Sinnlichkeit, Theologie und Wissenschaft.

Nach dem Studium verbrachte Hegel einige Jahre als Hauslehrer in Bern; diese Tätigkeit bedeutete einen tiefgreifenden Einschnitt in sein bisheriges Leben und war ein Abschied vom universitären Milieu in Tübingen. Hegel vermisste die philosophischen Disputationen mit seinen Freunden Hölderlin und Schelling. Er fühlte sich isoliert; dazu kam die schlechte Behandlung durch Mitglieder der Familie. Auch die alpine Landschaft um Bern beeindruckte ihn wenig: "Der Anblick dieser ewig toten Massen gab mir nichts als die einförmige und langweilige Vorstellung - es ist so", notierte der Philosoph.

Fichte-Nachfolger

Durch die Vermittlung Hölderlins nahm Hegel eine Hauslehrerstelle bei einer Frankfurter Kaufmannsfamilie an, wo er sich der wissenschaftlichen Arbeit widmen konnte. 1801 erfolgte Hegels Habilita-tion in Jena; danach lehrte er als Privatdozent, später als außerordentlicher Professor für Philosophie. In Jena entstand die "Phänomenologie des Geistes", eines seiner Hauptwerke, das zu den wichtigsten Texten der abendländischen Philosophie gezählt wird.

Nach einem Zwischenspiel als Redakteur der "Bamberger Zeitung" fungierte er als Rektor des Gymnasiums Aegidianum in Nürnberg, wo er bis 1816 blieb und sein zweites Hauptwerk, "Wissenschaft der Logik", verfasste.

Hegel mit Berliner Studenten, Lithographie F. Kugler, 1828
Hegel mit Berliner Studenten, Lithographie F. Kugler, 1828

Danach erhielt er einen Ruf an die Universität Heidelberg. 1818 wechselte er als Nachfolger von Johann Gottlieb Fichte nach Berlin. Dort avancierte Hegel zum philosophischen Stardenker, der in überfüllten Hörsälen ein illus-tres Publikum versammelte, obwohl er ein schlechter Redner war, wie ein Zuhörer berichtete: "Er zerstückelte Sätze, kramte in Papieren, schnupfte Tabak, krächzte und hustete. Er sprach zu sich selbst, ein lautes Selbstgespräch, eine Art denkende Improvisation."

1820 veröffentlichte er sein drittes Opus magnum, "Grundlinien der Philosophie des Rechts", und wurde 1829 Rektor der Friedrich-Wilhelms-Universität. Er genoss das gesellige Leben in Berlin, war in Salons anzutreffen, nahm an kulturellen Veranstaltungen teil und besuchte mit großer Leidenschaft Opernaufführungen. Er unternahm Reisen nach Jena und Weimar, wo er Goethe traf, der ihn sehr schätzte und mit ihm über die Farbenlehre sprach. Am 14. November 1831 verstarb Hegel nach offiziellem Bericht an "der Cholera in ihrer konzentriertesten Form"; vermutlich aber an den Folgen eines schon lange bestehenden Magenleidens.

"In meiner wissenschaftlichen Bildung, die von untergeordneten Bedürfnissen der Menschen anfing, musste ich zur Wissenschaft vorgetrieben werden" - so lautete Hegels philosophische Intention, die er in einem Brief an Schelling skizzierte. Er verstand diese Wissenschaft als dynamischen Prozess, der sich in verschiedenen Stadien entfaltete. Die Umsetzung dieses ehrgeizigen Projekts erfolgte in der 1807 publizierten umfangreichen Studie "Phänomenologie des Geistes", die zu den schwierigsten Texten der philosophischen Literatur zählt.

Dynamische Dialektik

Ernst Bloch bezeichnete das Werk als "vielsträhnig und zentral, dithyrambisch und streng geordnet zugleich". Das Ziel bestand darin, den chaotischen Reichtum der Erscheinungen des Geistes von seinen niedrigsten bis zu seinen höchsten Bewusstseinsstufen in eine wissenschaftliche Ordnung zu bringen. Der Ausgangspunkt ist das gewöhnliche Bewusstsein - die sinnliche Gewissheit des Individuums, von dem der beschwerliche Weg zum philosophischen Wissen führt, der keineswegs geradlinig verläuft.

Hier kommt die Dialektik ins Spiel, die als dynamischer Prozess verstanden werden muss. Dabei werden Überzeugungen des Alltagsverstands mit einer Gegenthese konfrontiert, um festzustellen, ob sie gerechtfertigt sind. Diese kritische Infragestellung von dogmatischen Überzeugungen führt dazu, die verfestigten Denkmuster aufzulösen; sie nehmen eine neue, erweiterte Gestalt an. Der negative Aspekt der Dialektik ist als Zwischenstadium anzusehen; wesentlich ist die Synthese, in der die Gegensätze versöhnt und aufgehoben werden; aufgehoben in einem dreifachen Sinn der Verneinung, Erhaltung und Erhöhung.

Hegel betont in der "Phänomenologie des Geistes", dass das Individuum mit der Welt der Intersubjektivität, des Gesellschaftlichen und der historischen Entwicklung immer schon verbunden ist. Diese Interdependenz hat das Individuum vorerst noch nicht realisiert; es wähnt sich als Zen-trum der Welt, als omnipotente Macht, die über die Um- und Mitwelt beliebig verfügen kann. Hegel spricht vom aktiven Selbst, vom Selbstbewusstsein des Menschen, das alles auf sich bezieht, wie es später der anarchistische Denker Max Stirner in seiner Schrift "Der Einzige und sein Eigentum" exzessiv ausgeführt hat.

Erst wenn das Selbstbewusstsein mit der Existenz eines anderen Ich konfrontiert wird, kommt es zu unvermeidlichen Irritationen. Der Andere wird als eine Art Doppelgänger erlebt, als ein Konkurrent, der die eigene Einzigartigkeit bedroht. In der Herr-Knecht-Passage der "Phänomenologie des Geistes" beschreibt Hegel, wie sich dieser Konflikt entwickelt. Um den jeweils Anderen zur Anerkennung seiner eigenen Einzigartigkeit zu bewegen, bleibt nur die Möglichkeit eines Kampfes auf Leben und Tod. Beide Kontrahenten sind bereit, ihre Leben einzusetzen, um den Anderen zur Anerkennung zu zwingen.

Dieser Kampf auf Leben und Tod müsste, wenn er konsequent zu Ende geführt würde, mit dem Tod eines der Gegner enden. Der Kampf wird nicht bis zum letalen Ende geführt, da ja ein toter Gegner das siegreiche Bewusstsein nicht anerkennen könnte. Sieger bleibt derjenige, der mehr riskiert hat; er ist nunmehr der selbstständige Herr, der Andere der unselbstständige Knecht.

Schlechter Ruf

Dieses dramatische Ringen um Identität, um Selbstbehauptung erfolgt in einem frühen Stadium der Entwicklungsgeschichte des menschlichen Geistes, die noch durch keine gesellschaftlichen und staatlichen Instanzen reguliert worden ist. Erst der Rechtsstaat, wie ihn Hegel in seinem 1820 publizierten Werk "Grundlinien der Philosophie des Rechts" preist, garantiert eine gegenseitige Anerkennung, die sich nicht durch Gewalttätigkeit auszeichnet.

Dieser Studie verdankt Hegel seinen schlechten Ruf als Propagandist eines autoritären Staates. Sein Biograph Rudolf Haym warf ihm vor, dass er sich als reaktionärer Apologet und duckmäuserischer Opportunist dem preußischen Staat andiene. Karl Popper betrachtete Hegel als einen "falschen Propheten", als "einen Feind der offenen Gesellschaft". Und die französischen Nouveaux Philosophes Bernard-Henri Lévy und André Glucksmann reihten ihn in die Galerie der "Meisterdenker" ein und machten ihn für den linken und rechten Totalitarismus verantwortlich.

Diesen massiven Vorwürfen widerspricht der an der Universität Jena lehrende Philosoph Klaus Vieweg in der umfangreichen Biographie "Hegel. Der Philosoph der Freiheit". Dort korrigiert er das Klischee des opportunistischen Staatsphilosophen und bezeichnet ihn pathetisch als "Philosophen der Freiheit". Vieweg skizziert die facettenreichen Gedanken Hegels zum Thema Freiheit, die von seinen Studienjahren in Tübingen über seine Tätigkeit als Gymnasiallehrer ("Nur der gebildete Mensch ist frei") bis zu seinen Vorlesungen zur Rechtsphilosophie reichten. Hegel verstand Freiheit nicht als willkürliches Agieren des Individuums, als Überzeugung, tun und lassen zu können, was es will, sondern als ein sittliches Handeln, das in Übereinstimmung mit einem politischen Gemeinwesen und seinen Institutionen erfolgt.

Besonders aktuell sind Hegels Ausführungen über die Bedeutung der Freiheit, weil sie für eine vernünftige Freiheit eintreten. Im konkreten Fall der Corona-Pandemie bedeutet das, nicht auf der Willkürlichkeit individueller Rechte zu bestehen, sondern die Einschränkungen der Mobilität und die Maskenpflicht zu akzeptieren - unter dem Aspekt des allgemeinen Rechts auf Leben und Gesundheit.

Im Fall der Corona-Pandemie bedeuten Hegels Ausführungen über die Bedeutung der Freiheit, nicht auf der Willkürlichkeit individueller Rechte zu bestehen, sondern die Einschränkungen der Mobilität und die Maskenpflicht zu akzeptieren - unter dem Aspekt des allgemeinen Rechts auf Leben und Gesundheit. Die Sittlichkeit des Marktprinzips ist ein anderes Kapitel . . . - © apa/Neubauer
Im Fall der Corona-Pandemie bedeuten Hegels Ausführungen über die Bedeutung der Freiheit, nicht auf der Willkürlichkeit individueller Rechte zu bestehen, sondern die Einschränkungen der Mobilität und die Maskenpflicht zu akzeptieren - unter dem Aspekt des allgemeinen Rechts auf Leben und Gesundheit. Die Sittlichkeit des Marktprinzips ist ein anderes Kapitel . . . - © apa/Neubauer

Die Idee der Sittlichkeit nimmt in Hegels "Grundlinien der Philosophie des Rechts" einen zentralen Stellenwert ein. Dabei meint sittliches Handeln mehr als die bürgerliche Freiheit, wie sie sich im Recht auf Eigentum, in der Möglichkeit, eine Regierung zu wählen oder in der Meinungsfreiheit manifestiert. Die Idee der Sittlichkeit nimmt in den Formen Familie, bürgerliche Gesellschaft und Staat Gestalt an. In der Familie findet eine gleichberechtigte Vereinigung von zwei Partnern statt, die auf freiem Entschluss basiert. Hier kommt die Liebe als "empfindende Einheit zur Bestimmung"; "man ist nicht einseitig in sich, sondern man beschränkt sich gern in Beziehung auf ein Anderes"; es ist "ein "Bei-sich-selbst-sein-im Anderen".

Die zweite Stufe der Sittlichkeit ist die bürgerliche Gesellschaft. Die Individuen treten aus der Privatsphäre der Familie heraus und verfolgen eigene Interessen und realisieren ihre Bedürfnisse. Die Privatperson übernimmt soziale Rollen und fügt sich in unterschiedliche Bereiche ein, in denen sie Verantwortung übernimmt. Als Antriebsmotor der bürgerlichen Gesellschaft fungiert das kapitalistische Marktprinzip, das es dem Einzelnen ermöglicht, seine Existenz ökonomisch abzusichern.

Im Gegensatz zu den Apologeten der Marktwirtschaft, die wie Adam Smith davon ausgehen, dass der Markt sich durch eine "invisible hand" reguliere und dadurch als stabilisierender Faktor der bürgerlichen Gesellschaft wirke, ist Hegel weniger optimistisch. Er akzeptiert den Markt zwar als Grundlage der kapitalistischen Wirtschaft, verweist aber gleichzeitig auf deren Defizite, die darin bestehen, dass das Streben nach Profitmaximierung zu rücksichtsloser Raffgier führe. Hegel spricht von einem "reichen Pöbel", der glaubt, sich alles erlauben zu können, und alle moralischen Maßstäbe der bürgerlichen Gesellschaft ignoriert.

Demgegenüber steht die Armut einer großen Zahl von Personen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht an der Wettbewerbsgesellschaft teilnehmen können. Armut bedeutet nicht nur den Mangel an finanziellen Mitteln, sondern hat Konsequenzen, die Hegel so beschreibt: "Der Arme kann seinen Kindern keine Kenntnisse beibringen lassen, ohne Kosten ist kein Recht zu erlangen. Ebenso wenig kann er für seine Gesundheit sorgen." Das alles sind Faktoren, die jedem Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft zustünden. Wenn das nicht erfolgt, ist das laut Hegel einSymptom für die Defizienz dieser Gesellschaftsform.

Staat als Endpunkt

Diese Defizienz erfordert einen qualitativen Sprung, der als dritte und höchste Stufe der Sittlichkeit im Staat erfolgt. Mit dem Staat ist der Endpunkt der Rechtsphilosophie erreicht. "Der Staat zeichnet sich durch eine wunderbare Architektonik aus, mit der jede Seite und jeder Raum behandelt, in dem Fleiße, der jedem Winkel des Gebäudes zugewandt ist, in dem einen und ebenmäßigen und doch wieder verschiedenen Stil, der von der Spitze bis zur Grundlage sich bemerken lässt."

Im Staat durchdringen einander Einzelinteressen und der Allgemeinwille. Der Staat bildet eine organische Einheit, "eine allumfassende gemeinschaftliche Sphäre", die es dem Einzelnen ermöglicht, darin aufzugehen. Hegel distanziert sich von der Staatstheorie von Thomas Hobbes, die den Vertragscharakter des Staates betont, der damit den Naturzustand beendet, in dem "der Mensch des Menschen Wolf" ist.

"Der Staat wird zum vernünftigen Selbstzweck, an welchem die Freiheit zu ihrem höchsten Recht kommt", heißt es in Hegels Rechtsphilosophie. Die vernünftige Verfasstheit ist die Voraussetzung für dieses Gemeinwesen. Erst dann erhält Hegels berühmte Formulierung ihre Berechtigung. "Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig." Wobei der Nachsatz wichtig ist: "Aber nicht alles ist wirklich, was existiert."

Somit besteht das Anliegen Hegels darin, das Vernünftige am Bestehenden zu akzentuieren und eben nicht das Bestehende - wie im Fall des reaktionären preußischen Staates - zu rechtfertigen.