Eigentlich wollte ich ein Buch schreiben, in dem ich meine germanistische Grundausbildung verwerten kann. Mein Thema waren Sprachwitze. Sie schöpfen ihre Lachkraft nicht nur, wie alle anderen Witze auch, mit der Sprache, sondern zusätzlich auch aus der Sprache. Viele sind Wortspiele. Gespielt wird beispielsweise mit Wörtern, die mehrere Bedeutungen haben. Treffen sich zwei Jäger im Wald. Beide tot. Oder mit verschiedenen Wörtern, die ähnlich klingen. Ich kenne einen guten Fahrrad-Witz. Erzähl! Nein ich Fahrrad ihn dir nicht. Manchmal werden Buchstaben vertauscht. Was liegt am Strand und spricht undeutlich? Eine Nuschel.

Es könnte sein, dass Sie jetzt Auweh! schreien und fragen: Sind das nicht Kalauer? Nein, wir haben es mit einem neuen Genre zu tun. Diese Ein- oder Zwei-Zeiler werden heutzutage Flachwitze genannt. Der Terminus ist Ende der 1990er Jahre entstanden, zwei Jahrzehnte später sind die Belege in die Höhe geschnellt. Gleichzeitig ist der Kalauer in den Wortstatistiken abgestürzt.

Flachwitze sind im Internet überaus beliebt, sie werden häufig angeklickt und geteilt. Was ist die Lieblingsspeise von Piraten? Kapern. Oder: Wie heißt das Reh mit dem Vornamen? Erdäpfelpü! Manche funktionieren nur noch schriftlich: Welches Tier schreibt man mit nur einem Buchstaben? Die Q. Vermutlich sind diese Witze ein Produkt unserer schnelllebigen Zeit.

No-na-Witze

Das dachte ich damals. Aber als ich wieder einmal das umfangreiche Kompendium "Der jüdische Witz" von Salcia Landmann zur Hand nahm, es ist 1960 erstmals erschienen, fand ich auch dort Witze, die man heute in eine Schublade zu den Flachwitzen legen würde. Was macht die Knackwurst genießbar? Das n. Oder: Was ist Pensch? Das Mittelstück von Lampenschirm. Oder: Was ist ein Konversationslexikon? Vorne e Kohn und hinten e Kohn, und in der Mitte e langes Gesejres.

Ein eigenes Thema sind die allseits bekannten und auch von Salcia Landmann dokumentierten No-na-Witze. Im Restaurant bestellt der Gast eine Kalbsbrust. "Mit Salat", fragt der Kellner. "No na, mit Büstenhalter." Oder: Zwei Reisende sitzen im Abteil. Der Zug setzt sich in Bewegung. Der eine: "Mir scheint, wir fahren schon." Der andere: "No na, die Fassaden wird man an uns vorbeiziehen." Oder: Hält ein Gestapobeamter einen Mann auf der Straße an, zeigt auf den Judenstern und fragt: "Jude, was?" Darauf der andere: "No na, Sheriff." Die pointierte Antwort ist ein Triumph des Unterdrückten über seine Unterdrücker - ihr habt die Macht, aber wir haben den Witz!

Auch in Sigmund Freuds Buch "Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten", erschienen 1905, findet man Sprachwitze. Freud hat sie sorgfältig kategorisiert. Bei einigen werden die Silben einzelner Wörter in ihre Bestandteile zerlegt, manchmal auch neu zusammengesetzt. Wenn man einen sehr jugendlichen Patienten befragte, ob er sich je mit der Masturbation befasst habe, würde man gewiss keine andere Antwort hören als: O na, nie. Oder: Napoleon sagt auf einem Hofball zu einer italienischen Dame, indem er auf ihre Landsleute deutet: "Tutti gli Italiani danzano si male." Sie erwidert schlagfertig: "Non tutti, ma buona parte."

Des Längeren befasst sich Freud mit einem Witz, den er als Wortmischung kategorisiert: Ein junger Mann, der bisher in der Fremde ein heiteres Leben geführt, besuchte nach längere Anwesenheit einen hier (also in Wien) lebenden Freund, der nun mit Überraschung den Ehering an der Hand des Besuchers bemerkt: "Was?", ruft er aus. "Sie sind verheiratet." - "Ja", lautet die Antwort: "Trauring, aber wahr!"

Ich habe mir dann die alten Programme von Karl Farkas auf DVD und CD angeschaut beziehungsweise angehört. In den Doppelconférencen mit Ernst Waldbrunn kommt es immer wieder zu Missverständnissen, die auf Wortspiele hinauslaufen. Farkas bringt auch Betonungswitze: Was heißt konsequent? Heute so, morgen so. Was heißt inkonsequent: Heute so, morgen so. Ernst Waldbrunn wiederum meinte: Es ist nicht egal, ob man sagt: "Im Parlament gab es die üblichen hitzigen Debatten." Oder man sagt: "Es gab die üblichen hitzigen Deppaten."

Farkas’ Karriere begann in der Zwischenkriegszeit, als großartige Kabarettisten wie Fritz Grünbaum, Franz Engel, Fritz Wiesenthal und Armin Berg das Publikum begeisterten. Dieser Entwicklungsstrang der Kabarettgeschichte führt zu einem Jargonstück, das Ende des 19. Jahrhunderts in Budapest geschrieben und von einem gewissen Adolf Bergmann ins Wienerische übertragen wurde: "Die Klabriaspartie".

Der Einakter liest sich wie ein Baukasten für Sprachwitze. Er wurde in Wien in Heinrich Eisenbachs "Budapester Orpheum" unzählige Male aufgeführt, Schauspieler wie Hans Moser, Armin Berg und Sigi Hofer verdienten sich in diesem Stück ihre ersten Sporen. Karl Farkas inszenierte "Die Klabriaspartie" im New Yorker Exil, nach seiner Rückkehr schrieb er für das Kabarett Simpl eine modernisierte Fassung. Das "Österreichische Kabarettarchiv" schickte mir die Besetzungsliste: Neben Farkas standen Karl Hruschka, Maxi Böhm, Fritz Mu-liar und Ossy Kolmann auf der Bühne.

Witze gegen Honorar

Sprachwitze fand ich auch in den Witzsammlungen Eisenbachs - sie erschienen 1905 in Monatsabständen. Eisenbach ließ sich gegen Honorar Witze zuliefern, adaptierte sie und brachte sie auf der Bühne des "Budapester Orpheums" - wenn es die Vorzensur nicht verhinderte. Ich lernte eine Grönländerin kennen, sie war gleich entschlossen, mich zu heiraten und mit mir zum Nordpol zu fahren, um dort die Hochzeitsnacht zu feiern. "Was is das für e meschuggene Idee", sagte ich, "warum die Hochzeitsnacht grad am Nordpol?" Verschämt antwortete sie darauf: "Weil dort die Nacht sechs Monate dauert." Das war aus Sicht des Zensors sittenwidrig, er strich die Passage.

Bald war mir klar, dass ich auch ein Kapitel "Die jüdischen Wurzeln der Sprachwitze" schreiben musste. Dabei stand mir der Judaist Thomas Soxberger zur Seite. In den alten hebräischen Bibelhandschriften wurden nur die Konsonanten geschrieben, die Vokale musste man sich hinzudenken. Das regt an, zu experimentieren. Entsteht ein neuer Sinn, wenn ich einen Vokal durch einen anderen ersetze? Einzelne Beispiele finden sich sogar schon in der Bibel, etwa bei den Propheten. Es gibt Witze, in denen dieser besondere Zugang zur Sprache deutlich wird. Die schon gebildete Frau sagt zu ihrem Mann: "Du musst nicht sagen Scherm, es heißt doch Schirm!" Seine Antwort: "Ausgerechnet! Man kann sagen Scharm, Scherm, Schirm, Schorm, Schurm - es bleibt immer a Scherm."

Außerdem wurde das Hebräische wie auch das Aramäische in den alten heiligen Schriften auch ohne Satzzeichen geschrieben. Sieht man von Fragesätzen und von Redewendungen, die eine Feststellung einleiten, einmal ab, muss man den Sprachduktus gut kennen, um zu spüren, wo ein Satz endet und der nächste beginnt. Man liest den Talmud daher meist halblaut, wobei man die sinngebende Wortmelodie stark hervorhebt. Von hier führt ein Entwicklungsstrang zu Witzen, in denen die unterschiedliche Betonung zwischen Aussagesatz und Fragesatz den Lacheffekt ausmacht. Kohn: "Rebbe, nu bin ich 80 Jahr, und mein Weib, die Sarah, die is 25. Bin ich der Vater von dem Kind oder nicht?" Rebbe: "Bist du der Vater - ist’s a Wunder! Bist du nicht der Vater - ist’s a Wunder?"

Während die Christen ihr religiöses Wissen aus der Bibel ableiten, haben die Juden neben dem Tanach, ihrer Bibel, dem Talmud, der sich der Gesetzesauslegung widmet, auch noch ein vielfältiges Schrifttum entwickelt, das mehr erzählenden Charakter hat. Für unsere Themenstellung ist vor allem der Midrasch relevant. Dieser enthält Auslegungen religiöser Texte im rabbinischen Judentum und will schwer verständliche Passagen erläutern, füllt Lücken oder liefert "die Hintergrundstory".

Religion und Humor

Ein Kenner und Fachmann nicht nur des jüdischen Humors: Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg - © FOTOKERSCHI.AT/WERNER KERSCHBAUM
Ein Kenner und Fachmann nicht nur des jüdischen Humors: Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg - © FOTOKERSCHI.AT/WERNER KERSCHBAUM

Der Oberrabbiner von Österreich, Paul Chaim Eisenberg, Autor zweier Bücher über den jüdischen Humor, zeigte mir, wie Tanach, Talmud und Midrasch bei der Entstehung von Witzen manchmal zusammenwirken. Ausgangspunkt sind Bibelstellen, in denen geschildert wird, wie Mose auf dem Berg Sinai Gottes Gebote entgegennimmt, um sie den Seinen vorzutragen. Da antwortete das ganze Volk einmütig: "Alle die Gebote, die Gott gegeben hat, wollen wir einhalten." Im Midrasch ist die ergänzende Information zu finden, dass Gott die Zehn Gebote zuvor allen Völkern der Welt angeboten habe, damit sie nicht sagen können: Wenn wir gefragt worden wären, hätten wir sie auch angenommen. Daraus ist ein Witz entstanden.

Als Gott die Zehn Gebote dem ersten Volk anbot, fragte dieses: "Was steht denn da drinnen?" - "Du sollst nicht töten", antwortete Gott. "Danke, das ist nichts für uns." Das zweite fragte genauso. Darauf Gott: "Du sollst nicht die Ehe brechen." - "Nichts für uns." Auch das dritte fragte so, worauf Gott sagte: "Du sollst nicht stehlen." - "Nichts für uns." Als sich Gott schließlich an die Hebräer wandte, fragten diese: "Was soll es denn kosten?" - "Es ist umsonst", antwortete Gott. - "Na, dann gib uns zwei davon."

Der Witz soll zeigen, dass Religion und Humor in Einklang zu bringen sind. Er stammt aus einer Zeit, als Juden Witze erfanden, in denen sie ihre Geschäftstüchtigkeit persi-flierten. So ganz nebenbei wird auch scherzhaft die theologische Streitfrage gelöst, warum es ausgerechnet zwei Tafeln waren, auf denen die Gebote standen . . .