Die Geschichte der Menschheit liest sich wie eine Liste narzisstischer Kränkungen. Die Sonne dreht sich nicht um die Erde. Der Mensch stammt nicht direkt von Gott ab, er hat gemeinsame Vorfahren mit den Affen. Unsere Galaxie ist nicht Zentrum des Universums. Auch die Vorstellung, sich die Erde untertan zu machen, hat sich als illusionär erwiesen. Der Homo sapiens ist weit stärker den Gesetzen der Natur unterworfen als umgekehrt. Zerplatzt das Bild von der strahlenden Krone der Schöpfung, vom zentralen Herrscher der Welt.

Auch autarke Insel ist der Mensch keine, er ist ein von Mikroben und Bakterien besiedelter Organismus, der selbst Teil eines komplex vernetzten wie fragilen Ökosystems ist. Das "einst stolze Zentrum der Schöpfung wird endgültig zum kosmischen Waisenkind auf einem winzigen Felsbrocken in der ewigen Leere des Alls", beschreibt der Historiker Philipp Blom den Gipfel der sich über Jahrhunderte ziehenden Kränkungswelle.

Als nüchterne Erkenntnis bleibt dabei: "Alle Organismen, von Einzellern bis zu Menschen, sind Bewohner derselben kritischen Zone, einer dünnen, leicht zerreißbaren Membran zwischen der toten Tiefe des Gesteins unter ihren Füßen und der unendlichen Leere des Alls über ihren Köpfen."

Anachronistische Selbstüberschätzung

Das Verhalten des Menschen, so folgert Blom in seinem jüngsten Essay "Das große Welttheater" weiter, entspricht diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen bei weitem nicht. Die Folgen: gnadenlose Ausbeutung der Natur, rasantes Artensterben, irreparable Klimaschäden und letztlich globale Krisen wie die Coronavirus-Pandemie.

Was es braucht, um aus der sich schneller drehenden Krisenspirale herauszukommen? Für den Historiker ganz klar: Eine neue Erzählung darüber, was es bedeutet, Mensch zu sein. Und damit verbunden eine neue Vision einer lebenwerten Zukunft. Denn was wir aktuell betreiben, so Blom, sei "ein Krieg gegen die Zukunft", den wir tragischerweise dabei seien zu gewinnen. Der Grund dafür liegt in einer "anachronistischen Selbstüberschätzung, die in der Bronzezeit wichtig gewesen sein mag, sich inzwischen aber gegen ihren Erzähler gekehrt hat".

Dass in Philipp Bloms Essay, den er den Salzburger Festspielen zum diesjährigen 100-Jahr-Jubiläum geschrieben hat, natürlich der Kunst eine wichtige Rolle zukommt, um dieses neue Stück vom Menschen zu schreiben, liegt auf der Hand. Die Corona-Pandemie klopfte erst zaghaft an Chinas Türe, als Bloms Essay entstanden ist, an Wucht gewinnt der mitunter überspitzte Bilder bemühende, stets jedoch eindringliche Text angesichts des globalen Ausnahmezustandes definitiv.

Bloms Überlegungen sind nicht die einzigen, die an Dringlichkeit gewinnen durch die aktuelle Krise. Der Band "Über Leben" der beiden deutschen Wissenschaftsjournalisten Dirk Steffens und Fritz Habekuss war ursprünglich als Bestandsaufnahme des Artensterbens angedacht, die Recherche im März längst abgeschlossen. Die nach verschobener Drucklegung ergänzten Überlegungen zur Corona-Krise fügen sich erschreckend nahtlos in die ökologische Überblicksbeschreibung: Der Mensch vernichtet Lebensraum, immer mehr Arten sind auf immer kleineren Raum gedrängt, auf der Suche nach Nahrung dringen Tiere in menschliche Lebensräume ein. Alles Faktoren, die das Überspringen von Viren auf den Menschen begünstigen.

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Zwar kommt das inhaltlich pralle wie schwergewichtige Buch von Steffens und Habekuss im Gewand einer leichtfüßigen Sprache daher. Doch die Süffigkeit der Lektüre mildert die Wucht ihrer Zustandsbeschreibung nicht. "Über Leben" ist eine hervorragend aufbereitete, faktenreiche Zusammenschau über den Zustand der Beziehung Mensch-Natur. Da wird etwa der komplexe Kieselalgenzyklus erklärt, der Zusammenhang zwischen Düngern von Feldern und dem Artenserben im Meer nachgezeichnet. Alles ist lebendig, alles ist mit allem verknüpft, so die immer wieder neu herbeigeführte Erkenntnis: "Es gibt kein Leben auf der Erde - die Erde ist Leben."

Die beiden Autoren fassen dabei nicht nur kompakt zusammen, was die Wissenschaft über die ökologischen Zyklen und Abläufe in den vergangenen Jahrzehnten herausgefunden hat, sondern machen auch klar, wie wenig wir eigentlich wissen über das System, dessen Teil wir sind. Genau darin sehen sie auch das Problem in Sachen Artensterben: "Wir wissen nicht, wie viele Bausteine wir aus der Maschine des irdischen Lebens entfernen können, bevor sie aufhört zu funktionieren." Was jedoch klar sei: "Die Erde beginnt, sich neu zu organisieren, und natürlich nimmt sie dabei keine Rücksicht auf uns." Denn: "Die Natur verhandelt nicht. Sie gewährt keinen Aufschub, keine Gnade, keinen Deal."

Die Natur braucht keinen Schutz

Eine Tatsache, die konsequent weiter gedacht, den Begriff des Naturschutzes umkehrt. Natur braucht keinen Schutz, sie reagiert und organisiert sich neu. Sie gibt es auch ohne Säugetiere. Wenn hier jemand Schutz braucht, dann ist es der Mensch. Und zu schützen ist er letztlich nicht vor der Natur, sondern vor sich selbst, denn er erweist sich aktuell als "Opfer seines eigenen Erfolgs". Blom kommt zu einem ähnlichen Schluss.

Nicht nur in diesem Punkt tauchen trotz der unterschiedlichen Herangehensweise der Bücher, erstaunliche Parallelen auf. Die viel zitierte Naturverbundenheit etwa von Völkern jenseits der Zivilisation entzaubern beide: Deren Leben im Einklang mit der Natur hat sich nicht aus Liebe oder moralischer Überlegenheit entwickelt, sondern als für das Überleben notwendige Strategie - schmerzvoll entwickelt aus dem Leid von Hunger und Not.

Artensterben, Klimawandel und Corona-Krise - Biologen und Historiker orten hinter allen drei Problemfeldern eine Ursache: des maßlosen Menschen ausbeuterischen Umgang mit Natur. - © adobe.stock/lilett
Artensterben, Klimawandel und Corona-Krise - Biologen und Historiker orten hinter allen drei Problemfeldern eine Ursache: des maßlosen Menschen ausbeuterischen Umgang mit Natur. - © adobe.stock/lilett

Beide Bücher zeichnen ein drastisches Bild der Gegenwart. Realistisch würden die Autoren es wohl nennen. Sie bieten jedoch auch Perspektive. Alle setzen sie auf eine Reihe kleiner Veränderungen, die wie ein Schneeball ein Umdenken herbeiführen sollen. Ideen gibt es genug: die Integration der (in ärmere Länder) ausgelagerten Kosten in der Produktion, Steuern auf Düngen oder die Anerkennung von Flüssen als juristische Personen, die ihre Verschmutzer klagen können.

Die Rolle von Katastrophen sehen sie als - scheinbar nötige - Beschleuniger. Eine Kehrtwende wird also nicht aus selbstlosen Motiven passieren. Wenn aber große Investoren auf Grüne Energie umsatteln, wäre der Effekt unabhängig von Motiven positiv. Die Lehren aus der Corona-Krise ziehen Steffens und Habekuss auch bereits: Erfolgreiche Krisenabwehr basiert für sie auf Transparenz für eine aufgeklärte Öffentlichkeit, die Maßnahmen nachvollziehbar macht. Und auf der direkten Kommunikation zwischen Wissenschaft, Politik und Markt.

Alte neue Lösungen

Die versöhnlichste Perspektive, die die Lektüre der beiden Texte hinterlässt: Manchmal liegt die Lösung eines aktuellen Problems in erfolgreichen Konzepten der Vergangenheit. Von Fruchtwechselwirtschaft über ein gelostes Bürgerparlament bis hin zu nachhaltiger Landwirtschaft - es ist alles da an Ideen. Auf diese teils uralten und ökologisch höchst erfolgreichen Konzepte zurückzugreifen, könnte schnellere Lösungen bringen als das Rad noch einmal neu zu erfinden.

Wie das dabei entstehende Menschenbild aussieht, das uns aus der Krisenlage führen soll, zeichnet sich mit jeder geschriebenen Zeile und jedem gedachten Gedanken darüber klarer ab. So lange, da sind die Autoren geschlossen optimistisch, bis daraus ein neues - vielleicht auch uraltes - Selbstverständnis dafür entstanden ist, was es heißt, ein Mensch zu sein.