Wer heute von Gmünd kommend über die Grenze nach České Velenice (so heißt der tschechische Nachbar von Gmünd seit 1922) fährt, wird wohl wenige Gründe finden, dort einen Stopp einzulegen, es sei denn, man beabsichtigt zum Friseur zu gehen, eine preisgünstige Maniküre machen zu lassen, in einem vietnamesischen Billigshop einzukaufen oder Etablissements zu besuchen, über die man nicht gerne spricht.

Das war nicht immer so. 1870 erlebte die kaum besiedelte Gegend westlich von Gmünd durch die Franz-Josefs-Bahn und den Bau eines prächtigen Bahnhofs (1909 fertiggestellt) mit der größten Reparaturwerkstatt der Monarchie einen ungeahnten Aufschwung. Tausende Menschen fanden bei der Bahn und in Versorgungsbetrieben Gmünds Arbeit; der erste elektrische Oberleitungsbus der Monarchie verband den 2,8 Kilometer vom Zentrum Gmünds gelegenen Bahnhof mit der Altstadt. In der Gmünder Vorstadt um den neuen Bahnhof entstanden zahlreiche gute Hotels vor allem für Geschäftsreisende, denn um Gmünd herum gab es unzählige Betriebe der Glas- und Holzverarbeitung, Steinmetze und Textilwerke. Viele der Häuser und Hotels in Bahnhofsnähe wurden bei Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg zerstört, aber eines ist in die Geschichte eingegangen: das Hotel Huber.

Frühes Catering

Hotel Huber: Hier nächtigten Kafka und Jesenská 
- © Archiv České Velenice

Hotel Huber: Hier nächtigten Kafka und Jesenská

- © Archiv České Velenice

Der Fleischhauermeister Heinrich Huber aus Gmünd erkannte die Nachfrage nach guten Unterkünften in der Stadt und schuf ein bemerkenswertes Produkt: Er errichtete gegenüber dem Bahnhof ein Hotel mit Kaffeehaus. Die vierzig Zimmer hatten anfangs des 20. Jahrhunderts Bad und elektrisches Licht. Zusätzlich stellte er, den Bedarf der Kunden erkennend, hoteleigene Fahrgelegenheiten bereit, welche die Geschäftsreisenden bei Terminen in Betrieben der Umgebung von Gmünd nutzen konnten. Noch eine geniale Idee verwirklichte Herr Huber: Da die Züge nach Prag oder Wien in Gmünd (heute: České Velenice) über 20 Minuten Aufenthalt hatten, bot er einen "Cateringservice" an, den man in Prag oder Wien vor der Abfahrt telegrafisch vorbestellen konnte - während der Wartezeit wurde dann der frische Schweinsbraten direkt zum Waggon serviert.

Vor hundert Jahren erlangte das Hotel Huber überdies literarische Berühmtheit: Franz Kafka traf hier am 14. und 15. August 1920 Milena Jesenská, um durch das persönliche Treffen Klarheit über die Beziehung zu erlangen. Kafka und Jesenská entschieden sich für den Treffpunkt Gmünd, weil die Stadt am halben Weg zwischen Wien (wo die mit Ernst Pollak verheiratete Milena wohnte) und Prag (wo Kafka lebte) lag. Außerdem durften österreichische Staatsbürger - und Jesenská war durch ihre Eheschließung Österreicherin geworden - als freundliche Geste den 1920 bereits in der Tschechoslowakei gelegenen Bahnhof Gmünd und somit das spätere České Velenice noch visumfrei besuchen. Der heutige österreichische Bahnhof Gmünd wurde erst später errichtet.

Der Speisesaal  im Hotel Huber. 
- © Archiv České Velenice

Der Speisesaal  im Hotel Huber.

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In den berühmten "Briefen an Milena" nimmt die Diskussion, wie und wo man sich treffen sollte, im August 1920 breiten Raum ein. Am 9. August bekannte Kafka seine Zuneigung zu Milená: "...und ich liebe dich also, Du Begriffstützige, so wie das Meer einen winzigen Kieselstein auf seinem Grunde lieb hat, genauso überschwemmt dich mein Liebhaben." Jesenkás Antwortbriefe sind verschollen. Thomas Samhaber hat dieses historische Treffen in seinem neuen Buch, "Begegnung an der Grenze", mit zahlreichen Textzitaten beschrieben und kommentiert. Das für 2020 geplante Kulturfestival mit dem Titel "Übergänge / Přechody", das in beiden Städten veranstaltet worden wäre, hätte sich mit diesem Thema beschäftigt. Es wird im
Juli 2021 nachgeholt.

Kafkas Durchreise

Für Kafka und Jesenská brachte das Treffen freilich nicht den erhofften Durchbruch ihrer Beziehung. Kafka hatte mit dem Bahnhof Gmünd (heute: České Velenice) schon Anfang Juli 1920 unangenehme Erfahrungen gemacht. Auf der Rückreise von einer Kur in Meran wählte er nicht den direkten Weg nach Prag, sondern den Umweg über Wien, wo er Jesenská traf. Weiter ging es mit der Franz-Josefs-Bahn nach Prag, doch im heutigen České Velenice sollte Endstation sein, weil sein Transitvisum für Österreich wegen des ungeplanten Aufenthalts in Wien abgelaufen war.

Einem jungen Grenzbeamten war dies aufgefallen. Kafka sollte zur Visumverlängerung zurück nach Wien fahren, was wegen der verspäteten Ankunft in Prag Ärger bei seiner Dienststelle, der Arbeiterunfallversicherung, bedeutet hätte. Außerdem hätte das wegen der Fahrpläne und der Bearbeitungszeit mindestens eine zusätzliche Nacht in Gmünd oder Wien bedeutet. Doch gerade als sich Kafka gegenüber vom Bahnhof ein Hotel suchen wollte, rief ihm der junge Grenzbeamte nach, er würde ihn doch passieren lassen, wenn er dem Vorgesetzten nichts sagen würde.

In einem Brief vom 5. Juli 1920 berichtet er Milena Jesenská von dem Vorfall: ". . . Aber in welchem Zustand werde ich sein nach der Nacht und der Fahrt (. . .), wie werde ich in Prag ankommen, und was wird der Direktor sagen, den ich also jetzt wieder telegraphisch um Urlaubsverlängerung bitten muß?" Und etwas später in seinem ausführlichen Bericht:
". . . denn jetzt kommt dein Polizist den genug langen Weg vom Bahnhof atemlos uns nachgelaufen (Anm.: "uns" bedeutet, er war nicht der einzige Reisende mit Passproblemen) und schreit: ‚Schnell zurück, der Inspektor läßt Sie durch!‘" Der Beamte ist fast nicht korrupt, denn "zehnmal müssen wir den Polizisten bitten, ehe er das Geld von uns nimmt".

Während des Ersten Weltkriegs kam dem Bahnhof eine andere wichtige Bedeutung zu. In den Jahren 1914 bis 1918 wurde ein Großteil der Zivilbevölkerung von den Frontlinien im Osten und Süden in österreichische Lager in Sicherheit gebracht. Eines dieser Lager befand sich in Gmünd.

Zehntausende Menschen erreichten den Bahnhof Gmünd (heute České Velenice) und gingen von dort rund zwei Kilometer zu Fuß zum Flüchtlingslager Gmünd, das sich gleich über der Lainsitz befand. Heute heißt dieser Stadtteil Gmünd Neustadt.

1938, nach Hitlers Einmarsch in Österreich, erlangte České Velenice für einige Monate, bis zum Münchner Abkommen, für viele jüdische österreichische Mitbürger eine rettende Bedeutung: Im Jahr 1900 wurde der nördliche Teil der Waldviertler Schmalspurbahn von Gmünd / Bhf. Velenice nach Litschau und Heidenreichstein in Betrieb genommen. Nach der Grenzziehung 1918 bis in die 1950er Jahre verlief der nördliche Streckenteil trotz Verlagerung des Endpunktes zum neuen österreichischen Bahnhof Gmünd noch etwa einen Kilometer über tschechisches Gebiet. Juden, die inzwischen an der Ausreise aus dem besetzten Österreich gehindert wurden, bot sich somit für einige Monate noch eine Fluchtmöglichkeit: Man kaufte eine Fahrkarte über Gmünd nach Litschau und sprang im Bereich von České Velenice, nachdem man die Koffer vorausgeworfen hatte, auf tschechischem Gebiet aus dem gemütlich dahinfahrenden Zug. Diesen alten Streckenverlauf kann man in der Masaryka Straße heute noch erkennen.

Neue Bindungen

Gemäß dem Münchner Abkommen wurde das Gebiet westlich von Gmünd, obwohl damals nur noch vier Prozent der Einwohner deutsch waren, dem Deutschen Reich zugesprochen. Es folgte ein Exodus der tschechischen Bevölkerung. Nach dem Weltkrieg, in dem vor allem die Bahnhofsgegend stark bombardiert wurde, kam das Gebiet wieder zu Tschechien, und die deutsche Bevölkerung wurde vertrieben.

Die kommunistische Zeit bedeutete eine radikale Trennung der ehemaligen Stadtteile, doch nach der Ostöffnung näherten sich die Städte rasch wieder an. Ohne tschechische Arbeitskräfte hätten die Gastronomie und andere Betriebe im westlichen Waldviertel massive Probleme, der Betrieb der Waldviertler Kuranstalten wäre unmöglich. Das Erlernen der deutschen Sprache ist für viele Menschen in Südböhmen berufsbedingt daher sehr wichtig. Auf österreichischer Seite schaut es mit tschechischen Sprachkenntnissen weniger gut aus.

Das Krankenhaus Gmünd bietet im Rahmen eines von der WHO ausgezeichneten Projekts Bürgern aus České Velenice seit 2013 ambulante und in Notfällen auch stationäre Behandlung in Kooperation mit der tschechischen Krankenkasse an, denn das nächste tschechische Krankenhaus liegt sechzig Kilometer entfernt in Budweis. Während der Grenzschließungen war die Behandlung nur in absoluten Notfällen möglich. Derzeit läuft ein Projekt, das auch eine stationäre Behandlung in allen Fällen für tschechische Patienten ermöglichen soll. Aktuell kommen etwa 10 bis 15 Prozent der ambulanten Patienten aus dem Nachbarland.

"Gemeinsamer" Alltag

Die historischen und kulturellen Verbindungen zwischen den beiden Städten sind eng. Die gemeinsame Vergangenheit wird in vielen Projekten aufgearbeitet und publiziert. Eine wichtige Rolle spielt hier das das Česko-rakouské komunitní centrum, ein tschechisch-österreichisches Kulturzentrum im ehemaligen Kino "Fenix" in der Revoluční Straße. Bürgermeister Jaromír Sliva von České Velenice beschrieb die Zusammenarbeit anlässlich einer Veranstaltung im Sommer 2020 so: "Wir sprechen schon lange nicht mehr von ‚grenzüberschreitend‘ - es heißt bei uns einfach ‚gemeinsam‘. Das ist gelebter Alltag."

Ebenfalls in der Revoluční findet man das Denkmal "Spasibo" ("Danke" an die Rote Armee) auf einer kleinen Grünfläche, wo einst das beliebte Café "Austritt" stand. Etwas weiter westlich befand sich das Hotel Huber. Was dem Ort fehlt, ist ein zentraler Platz. Auch die Kirche liegt etwas abgelegen in einem Wohngebiet mit rechtwinkeligen Straßenzügen. Es handelt sich eben nicht um einen historisch gewachsenen Ort, sondern um ein relativ neues Stadterweiterungsgebiet von Gmünd. Über die Rotlichtlokale ist man im Ort auch nicht glücklich; immerhin wurde in den letzten Jahren schon einiges zur Eindämmung geleistet.

Der heutige Zustand des Bahnhofs České Velenice. - © Wolfgang Ludwig
Der heutige Zustand des Bahnhofs České Velenice. - © Wolfgang Ludwig

Und der berühmte Bahnhof von České Velenice? Den gibt es nach wie vor. Zwar wurde er nach den Bombenangriffen nicht mehr so prächtig aufgebaut, aber das Wesentliche ist noch vorhanden. Die gesamte Anlage wirkt etwas überdimensioniert für das kleine Städtchen, auch deswegen, weil die Bahnwerkstätte seit einigen Jahren geschlossen ist. Aber das Bahnhofsrestaurant mit seinen prächtigen Jugendstil-Innendekorationen ist noch erhalten.

Es lohnt sich also doch, in České Velenice einmal stehen zu bleiben und nicht einfach durchzufahren . . .