Ein Gespenst geht um in Europa - mit diesen Worten beginnt das "Kommunistische Manifest", in dem Karl Marx und Friedrich Engels 1848 ihre Vorstellung einer neuen Gesellschaftsordnung zusammenfassten. Verfolgt man die Berichterstattung vieler nordamerikanischer Medien in letzter Zeit, so kann man den Eindruck gewinnen, dass dieses Gespenst den Atlantik überquert hat und nun in den Vereinigten Staaten Unruhe verbreitet.

Bernie Sanders, der linke Dauerbrenner im Senat, hat zuletzt durch vor allem bei jungen Wählern beliebte Abgeordnete wie Alexandria Ocasio-Cortez und Rashida Tlaib im Repräsentantenhaus ideologische Unterstützung bekommen. Amerikanische Medien stellen je nach Ausrichtung entweder ängstlich oder hoffnungsvoll die Frage, ob der Sozialismus mehrheitsfähig wird, und während viele Aktivisten angesichts dieser Entwicklungen Hoffnung schöpfen, gab Präsident Trump für den laufenden Wahlkampf die Parole aus: "America will never be a socialist country!"

Ob linke Ideen in den Vereinigten Staaten wirklich auf lange Zeit populär und viele Anhänger finden werden oder ob es sich bei den aktuellen Entwicklungen nur um ein Strohfeuer handelt, sei dahingestellt. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass schon mehrmals versucht wurde, den Sozialismus in den Vereinigten Staaten salonfähig zu machen. Einer der Ersten, der diese politische und gesellschaftliche Neuordnung in Angriff nahm, war der gebürtige Österreicher Victor Berger. Wie wir heute wissen, scheiterte er mit seinem Vorhaben, aber immerhin wurde er als erster sozialistischer Abgeordneter in den Kongress gewählt.

Berger wurde am 28. Februar 1860 in Nieder-Rehbach in Siebenbürgen geboren. Seine Eltern betrieben dort ein gut gehendes Wirtshaus, entschlossen sich aber zur Auswanderung nach Amerika. 1878 kam Familie Berger in Connecticut an, drei Jahre später zog sie weiter nach Milwaukee. Die Stadt war das Zentrum der deutschen Emigration in den Vereinigten Staaten, am Ende des 19. Jahrhunderts stammten mehr als die Hälfte ihrer Einwohner aus deutschsprachigen Ländern.

Ein großer Teil von ihnen war 1848 nach der Niederschlagung der Revolutionen in vielen europäischen Regionen nach Amerika gekommen. Sie hatten auf der Flucht ihre Ideale mitgebracht und gründeten in der neuen Heimat sozialistische Vereine. Die aus Europa geflohenen Revolutionäre, das Vereinswesen und die Industrialisierung der Stadt machten aus Milwaukee einen Ort, an dem ein klassenkämpferischer Geist herrschte und linke Ideen wie nirgendwo sonst in den Vereinigten Staaten aufblühten.

Einer der sozialistischen Vereine waren die heute noch bestehenden Milwaukee Turners, ein Sportverein, dem Victor Berger bald nach seiner Ankunft in der Stadt beitrat. Dort hörte er zum ersten Mal von den Ideen von Marx und Engels und begeisterte sich bald dafür. Den Lebensunterhalt verdiente er zu dieser Zeit als Deutschlehrer, wegen seiner politischen Einstellung gab es aber immer wieder Spannungen mit Vorgesetzten. Die Karriere als Lehrer ging deswegen zu Ende, und Berger kaufte eine Zeitung, die er in "Milwaukee Vorwärts" umbenannte und in der er seine Ideale propagierte.

Berger engagierte sich immer mehr in der Politik. 1898 war er eines der Gründungsmitglieder der Social Democratic Party of America, nach deren Scheitern rief er drei Jahre später die Nachfolgeorganisation Socialist Party of America ins Leben. Obwohl Berger in beiden Parteien dem Führungszirkel angehörte, blieb er vorerst noch im Hintergrund. Wenn man zeitgenössischen Berichten vertrauen kann, war er kein mitreißender Redner und sprach noch dazu mit einem unüberhörbaren Akzent. 1910 gelang ihm jedoch der Sprung in die Politik, Berger wurde als erster Sozialist in das Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten gewählt. Dies war zwar ein Achtungserfolg, als einziger Abgeordneter seiner Partei konnte er im Parlament allerdings nicht viel bewegen. Berger blieb auch nur kurz im Amt, bei den Wahlen im Jahr 1912 verlor er seinen Sitz schon wieder.

Bald darauf brach in Europa der Erste Weltkrieg aus und die Vereinigten Staaten standen vor der Frage, ob sie auf der Seite der Entente in den Krieg eintreten oder neutral bleiben sollten. Berger arbeitete mit allen ihm zur Verfügung stehenden politischen und publizistischen Mitteln gegen den Kriegseintritt der USA. Auch als 1917 die Entscheidung fiel, sich am Krieg zu beteiligen, setzte Berger seine pazifistische Arbeit fort. Die Folge war eine Anklage, weil seine Artikel nach Meinung des Staatsanwaltes gegen den Espionage Act verstießen und die Wehrkraft der USA untergruben. Der Prozess war hochpolitisch, dauerte lange und endete am 8. Jänner 1919 mit einem Schuldspruch: Berger und drei seiner Genossen sollten für zwanzig Jahre ins Zuchthaus. Alle Angeklagten beriefen gegen das harte Urteil.

Keine Leitfigur

Kompliziert wurde die ohnehin schon umstrittene Angelegenheit, weil Berger während des Prozesses erneut in das Repräsentantenhaus gewählt worden war. Als er im Mai 1919 sein Amt antreten wollte, wurde ihm die Vereidigung aufgrund der gerichtlichen Verurteilung verweigert. Nachdem die Angelegenheit sowohl politisch wie auch rechtlich umstritten war, wurde ein Ausschuss eingesetzt, der die Vereidigung Bergers untersuchen sollte. Dieser kam zu dem Ergebnis, dass Berger sein Amt nicht antreten dürfe und deswegen in seinem Wahlkreis eine Nachwahl stattfinden solle. Das Ergebnis brachte keine Lösung des Problems, denn bei dieser Nachwahl erhielt Berger neuerlich eine Mehrheit.

Victor Berger (links) gemeinsam mit Bertha Hale White und Eugene V. Debs von der Socialist Party of America. - © Library of Congress/National Photo Company Collection
Victor Berger (links) gemeinsam mit Bertha Hale White und Eugene V. Debs von der Socialist Party of America. - © Library of Congress/National Photo Company Collection

Noch einmal reiste Berger nach Washington, noch einmal wurde ihm dort die Vereidigung verwehrt. Das Mandat Bergers blieb bis zur nächsten Wahl vakant, dann verlor Berger den Sitz im Parlament, den er nicht hatte einnehmen dürfen, wieder. Nach der politischen Niederlage konnte er wenigstens einen juristischen Erfolg verbuchen, denn 1921 wurde das Urteil gegen ihn aus formalen Gründen aufgehoben. Im Jahr darauf gelang es Berger neuerlich, in das Repräsentantenhaus gewählt zu werden. Nun konnte er sein Amt ohne Diskussionen antreten und blieb noch sechs Jahre lang Abgeordneter. Nach seinem Ausscheiden aus dem Parlament zog er sich nach Milwaukee zurück, wurde aber im August 1929 auf der Straße vor seinem Büro von einer Straßenbahn erfasst und schwer verletzt. Wenige Tage später starb Victor Berger.

Trotz seiner Pionierrolle in der amerikanischen Politik ist Victor Berger heute weitgehend vergessen. Dies liegt wohl daran, dass er schon zu seinen Lebzeiten eine umstrittene Persönlichkeit war, weswegen er auch nie die Rolle einer allgemein anerkannten linken Leitfigur einnehmen konnte. Zeitgenossen schildern, dass der direkte Umgang mit Berger nicht immer leicht war, denn Jähzorn, Sturheit und Arroganz waren seine prägnantesten Charaktereigenschaften.

Er war sich aber seiner Schwächen bewusst; kurz vor seiner Hochzeit schrieb er etwa in einem Brief an seine künftige Frau: "Ein böser Geist schwebt über mir und ich werde ihm nicht Herr. Sobald ich in Zorn gerate, scheint all mein Blut in den Kopf zu schießen ... In diesen Anfällen von Irrsinn bin ich fähig, einen Mord zu begehen." Auch mit seinen Töchtern sprach Berger offen über diesen Charakterzug, wenn auch in erschütternder Offenheit: Er sagte ihnen auf den Kopf zu, dass er Angst habe, er könnte eines Tages ausrasten und eine von ihnen töten. Berger war aber nicht nur jähzornig, sondern pflegte auch einen Lebenswandel, der nicht unbedingt sozialistischen Idealen entsprach. Seine Tochter erinnerte sich, dass er den Luxus liebte, denn: "Sein persönlicher Geschmack war eher aristokratisch. Er mochte feine Kleidung und exzellenten Wein."

Neben diesen persönlichen Vorlieben, die nicht dem Bild eines aufrechten Linken entsprechen, gab es noch weitere Punkte, in denen Berger nicht sehr sozialistisch war. Vom Grundsatz der Gleichheit aller hielt er wenig. Berger lehnte das Wahlrecht von Frauen ab und nannte schwarze Amerikaner eine "niedrigere Rasse".

Utopischer Artikel

Bei der Immigration war er ein Hardliner: Offene Grenzen waren für ihn, der selbst als Einwanderer in die Vereinigten Staaten gekommen war, ein Graus, er warnte vor neu ins Land kommenden "Italienern, Russen und Slawen", die den amerikanischen Arbeitern die Arbeitsplätze wegnehmen könnten. Zugute halten muss man ihm hingegen, dass er stets gegen eine revolutionäre Änderung der Verhältnisse auftrat. Seiner Meinung nach sollte der Sozialismus mit demokratischen Mitteln und durch freie Wahlen erreicht werden. Die Oktoberrevolution in Russland, die Machtübernahme der Kommunisten durch Gewalt und den folgenden Terror lehnte er strikt ab.

1895 verfasste Berger einen utopischen Artikel, in dem er fünfzig Jahre in die Zukunft blickte und seine Vision einer neuen Gesellschaft festhielt. Es ist ein wahres Wunderland, das sich Berger in diesem Artikel ausmalte: "Männer arbeiten bis zum Alter 48, Frauen bis 45, vier Stunden pro Tag, fünf Tage in der Woche ... 1945 finden sich in Milwaukee keine Saloons oder Ginbrennereien, sondern nur eine kleine Brauerei. Stattdessen gibt es sechsundfünfzig feine Theater und Opernhäuser, dazu eine Vielzahl von Galerien, Büchereien, Konzerthallen und Museen. Nachdem es viel Freizeit und Anregung für Kunst und Kultur gibt, wächst der Bedarf an diesen Institutionen von Tag zu Tag."

Bergers idyllisches Bild von der Zukunft hatte aber auch dystopische Seiten, denn in seiner herbeigesehnten Gesellschaft hätte es ein öffentlich zugängliches Gesundheitsregister gegeben, das dazu führt, dass Kranke "freiwillig" darauf verzichten, Kinder zu bekommen. In einem Nachruf schrieb ein Weggefährte von Berger über den Verstorbenen: "Sein größter Wunsch war, das materielle und soziale Geschick der Menschheit zu verbessern."

91 Jahre nach Bergers Tod muss man konstatieren, dass dessen Traum von einer sozial gerechten Gesellschaft in den Vereinigten Staaten noch immer meilenweit von der Realität entfernt ist. In den letzten Monaten hat die Corona-Pandemie die eklatante soziale Ungleichheit neuerlich zum Vorschein gebracht.